FAKT | 05.03.2019 Gewalt gegen geflüchtete Frauen

Für geflüchtete Frauen, die von ihren Ehemännern geschlagen und misshandelt werden, ist die Trennung oft eine große Hürde. Viele der betroffenen Frauen fühlen sich hilflos. Scham und Angst vor Gerede und weiteren Übergriffen hemmen sie, ihre Rechte einzufordern.

Manar zeigt Handyfotos, die ihre Misshandlungen dokumentieren: Hals, Arme, Teile des Gesichts - blutig geschlagen, mit Blutergüssen übersäht. Das Martyrium begann schon vor der Flucht, erzählt die 36-Jährige, die mittlerweile in Sachsen lebt: "Das erste Mal, dass wir uns gestritten haben und er mich schlug, war einen Monat nach der Hochzeit." Nach der Heirat habe er sich vollkommen verändert, es habe einfach keinen Spielraum mehr für Diskussionen gegeben.

Die Schläge wurden für Manar zur Normalität. Selbst nach banalen Streitigkeiten prügelte er auf sie ein, mit Gürteln, Holzstücken und anderen Gegenständen. Eines Abends riefen die Nachbarn aufgrund des Lärms Polizei und Krankenwagen. "Das war das erste Mal, dass ich um Hilfe gebeten habe", sagt Manar. Sie entschloss sich zur Flucht in ein Frauenhaus.

Dabei hatte die Mutter zweier Söhne lange versucht, die Gewalttätigkeit ihres Mannes geheim zu halten. In der arabischen Welt aber hat der gute Ruf einer Familie einen besonders hohen Stellenwert. Konflikte sollen nicht nach außen dringen. 

Die Kinder hatten stets Angst. Sie weinten. Der Große sagte: "Bitte, es reicht, Papa." Oder: "Warum streitest du mit Mama? Warum hast Du sie geschlagen? Was hat sie getan?"

Manar

Der soziale Druck ist groß

Kerstin Kupfer von der Interventionsstelle Wegweiser e.V. kennt diese Ohnmacht von Frauen wie Manar. In den Beratungsgesprächen treffe sie oft Frauen, die trotz der Gewalt Angst davor haben, aus dem familiären System ausgeschlossen zu werden oder im Fall einer Trennung oder einer Offenlegung der Gewalt Druck aus der eigenen Familie fürchten.

Manar will nicht erkannt werden aus Angst, dass ihr Mann sie ausfindig macht. In den meisten muslimischen Herkunftsländern wird den Vätern im Falle einer Trennung das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder zugesprochen. Frauenhäuser bieten deshalb erstmal einen gesetzlichen Schutzraum. Inzwischen gibt es in Sachsen ein Schutzhaus speziell für geflüchtete Frauen.

Hilfsangebote aber wie etwa die Finanzierung von Dolmetschern oder die Kinderbetreuung, werden in jedem Bundesland anders gehandhabt. Nicht nur Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping (SPD) wünscht sich mehr Einheitlichkeit.

Wir als Frauenhauskoordinierung setzen uns schon seit langer Zeit für eine bundeseinheitliche Regelung ein und fordern einen Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen. Ganz wichtig ist, dass dieser Zugang für alle Frauen gleichermaßen sein muss, unabhängig vom Aufenthaltsstatus.

Johanna Thie Vorstand Frauenhauskoordinierung e.V.

Manar hat ihren Mann angezeigt und sich scheiden lassen. Auch das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder wurde ihr zugesprochen. Sie ist als Bürgerkriegsflüchtling anerkannt und möchte Kosmetikerin werden. Aktuell ist sie in einem Berufsvorbereitungskurs. Danach will sie sich Arbeit suchen. Andere Frauen - aus dem Libanon zum Beispiel - haben es noch schwerer. Wird ihr Asylantrag abgelehnt, droht die Abschiebung ins Heimatland. Und dort wiederum die Rache des Ehemanns, der Familie - und sogar die Wegnahme der Kinder.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 05. März 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 22:53 Uhr