Hamburg Fragwürdige Operationen bei Krebspatienten

Operieren und leben - oder nichts tun und sterben. In so einer Gefühlswelt können sich Patienten wiederfinden, die eine Krebsdiagnose erhalten haben. Kann es sein, dass Klinikärzte in einer solchen Grenzsituation die Patienten in die Richtung einer fragwürdigen Entscheidung lenkten? Zwei Patienten der Uniklinik Hamburg jedenfalls brachte die Entscheidung für die Operation den Tod.

Karin Scholz-Mattern
Karin Scholz-Mattern Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Er ist in Panik gewesen", sagt Karin Scholz-Mattern. Sie steht vor dem Grab ihres Mannes, der vor zwei Jahren an den Folgen einer Operation starb, bei der fraglich ist, ob sie zu diesem Zeitpunkt notwendig war.

Günther Scholz war gesagt worden, dass der Verdacht auf einen Tumor der Bauchspeicheldrüse besteht. Nach der gefährlichen OP jedoch stellte sich heraus: Das entnommene Gewebe war gutartig. Doch bei dem 69-Jährigen traten Komplikationen auf, es folgten weitere Operationen. Schließlich starb er an den Folgen der Eingriffe.

Warum wurde die Operation vorgenommen?

Doch warum wurde diese erste Operation überhaupt vorgenommen? Die Witwe beschreibt die Unsicherheit, in der sich die Familie befand: "Man hat einen Schatten festgestellt, wobei man nicht weiß, wo das herrührt, was es sein könnte." Dass es ein Tumor der Bauchspeicheldrüse sein könnte, oder auch eine einzelne Metastase eines Nierentumors, den Günther Scholz vor Jahren hatte - all das war nur ein Verdacht. "Man hätte das sicherlich nochmal ein paar Wochen beobachten können - ob das wirklich jetzt wächst", sagt der Sohn des Toten, Alexander Scholz dem ARD-Magazin FAKT.

Der Krebsspezialist Professor Hans-Joachim Schmoll, Herausgeber eines Standardwerks der Onkologie, wird gegenüber FAKT deutlich: "Die Operation war sehr schnell durchgeführt, meines Erachtens vorschnell. Abwarten, weitere Diagnostik machen wäre das Gebot der Stunde gewesen!"

UKE Hamburg
Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Günther Scholz wurde von Professor Jakob Izbicki operiert, dem Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Dieser machte gegenüber FAKT geltend, dass sich in einer späteren Operation tatsächlich eine Metastase gefunden habe, die "histologisch bewiesen" sei. Die Angehörigen dagegen, Witwe und Sohn, sagen übereinstimmend, davon sei ihnen in der ganzen Zeit - den Monaten des Leidens von Günther Scholz, bevor er starb - nichts gesagt worden.

Die Bitte der Witwe, eine Gewebeprobe dieser Metastase zur Zweitbegutachtung zur Verfügung zu stellen, lehnte die Uniklinik ab. Begründung: Die Schweigepflicht des Arztes wirke über den Tod hinaus. Und es spreche viel dafür, "dass sich der Verstorbene einem solchen Anliegen (Gegenstand der Fernsehberichterstattung in einem Politikmagazin des MDR, vermutlich "FAKT", zu sein) verschlossen haben würde ..."

Diese Antwort gab die Uniklinik der Witwe, nachdem vorher die gesamte Patientenakte von Günther Scholz - mehrere tausend Seiten - in Kopie an den MDR geschickt worden war.

Ähnlichkeiten zu einem anderen Fall

Der Fall von Günther Scholz ist nicht der einzige dubios anmutende. Er hat frappierende Ähnlichkeit mit einem, über den FAKT bereits berichtet hat: dem von Tito Tinagli. Dieser starb bereits vor acht Jahren an den Folgen einer Operation in derselben Klinik, durchgeführt vom selben Operateur. Nach einem Gespräch mit Professor Izbicki entschied sich der Familienvater zu einer OP, obwohl mehrere Fachärzte zuvor von einer Operation zu diesem Zeitpunkt abgeraten hatten.

Auch Tito Tinagli wurde auf der Grundlage einer Verdachtsdiagnose operiert, und auch diese lautete auf Krebs der Bauchspeicheldrüse. Doch die Verdachtsdiagnose war falsch. "Tatsächlich hatte er einen Speiseröhrenkrebs. Das wurde aber in den Voruntersuchungen nicht diagnostiziert", sagt der Onkologe Professor Hans-Joachim Schmoll. Tatsache ist, dass seitens der behandelnden Ärzte keine klare Untersuchung von Speiseröhre und Magen vorgelegt wurde. Folge dieses Defizits in der Diagnose war laut Prof. Schmoll eine "unsinnige und dann zum Tode führende Operation".

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Doch wie konnte es dazu kommen? Eines ist auffällig: Beide Patienten hatten unmittelbar vor der Operation mehrere tausend Euro zu überweisen. Und zwar nicht auf ein Konto der Klinik, sondern auf eines des Operateurs. Tinagli 5.000, Scholz 10.000 Euro, davon berichten die Witwen.

Für einen Chirurgen, der selbst abrechnen darf, bedeutet die Entscheidung für eine Operation auch eine Entscheidung für mehrere tausend Euro Zusatzeinnahme - jedenfalls dann, wenn sich der Patient für eine Operation durch den Chefarzt selbst entscheidet.

Kann dieser Hintergrund ein zusätzliches Motiv sein, den Patienten bei einer Entscheidung für die Operation zu unterstützen? Festzustellen ist, dass nicht ein Arzt allein eine mögliche Indikation zur Operation prüft, sondern ein ganzes Ärztekollegium: die sogenannte Tumorkonferenz (auch "Tumorboard" genannt). Das war auch in den Fällen von Günther Scholz und Tito Tinagli so.

Aus der Befassung einer solch interdisziplinär zusammengesetzten Tumorkonferenz kann dann eine entsprechende Behandlungsempfehlung für den Patienten resultieren. Diese Entscheidung der Tumorkonferenz entweder für die Operation oder für Behandlungsalternativen (z.B. Chemotherapie oder auch abwartendes Beobachten) - wird in einem Protokoll festgehalten.

An den Tumorboard-Protokollen zu Günther Scholz und Tito Tinagli fällt jedoch auf, dass diese sehr knapp abgefasst sind, sie enthalten nur wenige Informationen. Auf eine entsprechende Anfrage von FAKT wies die Uniklinik darauf hin, dass die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie von der medizinischen Fachgesellschaft - das ist die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, kurz DGAV - zertifiziert und sogar re-zertifiziert sei. Weiter heißt es: "Wenn eine chirurgische Klinik diese Kriterien nachweisen kann, ist davon auszugehen, dass hier Chirurgie auf hohem Niveau betrieben wird."

Prof. Dr. Johannes Buhr
Prof. Dr. Johannes Buhr Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

FAKT hat beide Tumorboard-Protokolle anonymisiert eben dieser Gesellschaft - der DGAV - vorgelegt. In einem Interview mit dem Sekretär und früheren Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Heinz-Johannes Buhr, und dem Chirurgen und langjährigen Präsidenten der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Dr. Franz-Joseph Bartmann, bezeichneten beide die Tumorboard-Protokolle als "nicht akzeptabel". Es sei aus den Protokollen nicht nachvollziehbar, warum man sich für die Option einer OP ausgesprochen habe.

Dr. Bartmann zum Protokoll von Günther Scholz: "Ich kann mich nicht auf so eine Entscheidung des Tumorboards zurückziehen, wenn ich eine Indikation zur Operation rechtfertigen möchte. Dies ist keine Rechtfertigung für eine primäre Tumoroperation!" Zum Protokoll im Fall von Tito Tinagli wurde gesagt, dieses bestehe ja fast nur aus Schlagworten. Professor Buhr: "Als ich dieses Protokoll zum ersten Mal gelesen habe, da habe ich gedacht, Sie haben mir nur einen Ausschnitt daraus genommen - einen ganz kleinen. Das kann nicht sein, dass daraufhin eine Operation in diesem Ausmaß erfolgt!"

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 11. Dezember 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 22:43 Uhr

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8 Kommentare

13.12.2018 22:05 Jemand, der mehr über den Fall weiß 8

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

13.12.2018 21:46 Jemand, der mehr über den Fall weiß 7

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13.12.2018 21:10 Sergej P. 6

Und hätte man nicht operiert, dann wäre dies eben der Vorwurf. Eine sperrliche Dokumentation sagt doch nichts über die in Wirklichkeit passierte Behandlung aus. Finde das etwas zu kurz gegriffen, aber das ist nur meine persönliche Meinung.

12.12.2018 11:25 Staatsdiener 5

@Herr Richter: Was kann das UKE denn dafür? Ihr Arzt hat gesagt, das Auge ist verloren und im UKE konnte man Ihnen dann auch nicht helfen. Es scheint so, als ob es von vornherein verloren war. Die Medizin kann viel, aber nicht alles. Ich habe jedenfalls bislang gute Erfahrungen im UKE gemacht.

12.12.2018 11:21 Ursula Scheider 4

Ich wurde auch im UKE behandelt, nachdem ich vorher in Bremen fast gestorben bin. Im UKE hat man mir das Leben gerettet und die richtige Diagnose gestellt. Die Abteilung von Prof. Izbicki hat bei mir sehr gute Arbeit geleistet. Ich kann aber verstehen, dass Menschen trauern, wenn die Behandlung nicht hilft und man trotz aller Bemühungen verstirbt.

12.12.2018 11:18 Richter Helmut 3

Ergänzend möchte ich noch erwähnen,
dass die OP ambulant erfolgte und ich mit
Strassenschuhen auf dem OP-Tisch lag.
Ein Kommentar erübrigt sich.

12.12.2018 10:51 Helmut Richter 2

Nachdem ich erhebliche Probleme mit dem linken
Auge hatte und mein behandelnder Augenarzt
meinte, man könne nichts mehr machen, holte ich
mir eine 2. Meinung in der UKE Hamburg ein.
Dort riet man mir dringend und sofort zur OP.
2 Tage später war ich auf dem linken Auge blind.
Ich bin als Notfallpatient sofort in die UKE. Die
Ärztin, welche die Operation vornahm, lief mehrere
Male grusslos und ohne mit mir zu reden (obwohl
ich sie telefonisch informierte) an mir vorbei.
Nach 5 Stunden Wartezeit wurde ich dann endlich
untersucht mit dem Ergebnis, man müsse halt
abwarten, ob sich die Einblutung zurückzieht.
Bis heute kann ich links nichts sehen. Die OP
war vor 2 Monaten.

12.12.2018 07:45 Tim Hüffner 1

Der Mann hatte doch Speiseröhrenkrebs, also war die OP doch nicht unnötig? Ich finde auch, dass Privatbehandlungen abgeschafft werden sollten. Aber dass der Arzt seine Möglichkeiten nutzt, muss man dann wohl hinnehmen. An Stelle der Witwe würde ich den Arzt verklagen und nicht zur Presse gehen, oder hat sie das gemacht?