FAKT | 17.07.2018 Mehr als nur Körperpflege

In Deutschland herrscht Pflegenotstand: Fachkräftemangel, schlechte Bezahlung und Zeitdruck. In den Niederlanden hingegen hat sich ein neues Modell etabliert: kleine Teams, kurze Wege, mehr Zeit. Und es funktioniert.

Hans Scholte wird zu Hause gepflegt.
Hans Scholte wollte nach einem Schlaganfall nicht ins Heim und wird nun zu Hause gepflegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nanne Huiskes arbeitet seit fünf Jahren beim ambulanten Pflegedienst "buurtzorg" in den Niederlanden. Bei "buurtzorg" geht es um mehr als nur Körperpflege. Neben den alltäglichen Pflegedienstleistungen hat die gelernte Krankenschwester auch Zeit für einen Kaffee mit ihren Kunden. Das sei wichtig. "Ich kann mit ihr über alles sprechen. Das ist toll", sagt Gerry Scholte. Seit eineinhalb Jahren wird ihr Mann Hans von Nanne Huiskes gepflegt. Bei einem Kaffee besprechen die beiden den Ablauf der kommenden Woche. Alle sind zufrieden.

Dabei sah es in den Niederlanden vor zehn Jahren in der ambulanten Pflege ähnlich aus wie in Deutschland heute: Fachkräftemangel, frustrierte Pflegekräfte, Zeitdruck. Jos de Blok, der selbst 15 Jahre als Pfleger arbeitete, wollte das nicht länger so hinnehmen. "Wir haben sehr komplizierte Organisationen aufgebaut – viel Administration und Bürokratie. Und das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass die Pflege für den Patienten besser wird." Jos de Blok wollte es besser machen und gründete das nicht-kommerzielle Unternehmen "buurtzorg". 2007 ging es mit vier Leuten an den Start – mittlerweile sind es 10.000 Mitarbeiter.

So funktioniert es!

Menschen in blauen Uniformen sitzen an einem Tisch
Die Teams arbeiten ortsgebunden und selbstständig. Einen Chef gibt es nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei "buurtzorg" bilden bis zu zehn Mitarbeiter ein Team, das maximal 60 Menschen versorgt. Die Pflegeteams organisieren sich selbst. Neue Patienten, Dienstpläne, Bewerbungen – alle entscheiden mit, einen Chef gibt es nicht. Die Teams arbeiten ortsgebunden – lange Fahrten werden vermieden. Der Kern der Arbeitsweise: Die Pflegekräfte kalkulieren gemeinsam mit dem Klienten, wie viel Zeit nötig ist, damit er gut versorgt ist. Abgerechnet wird nach Stunden, nicht nach Einzelleistungen. Wer mehr Zeit braucht, bekommt mehr. Dokumentiert wird ausschließlich digital: Das spart Papier und Zeit. Jede Pflegekraft hat direkten Zugriff auf die Daten.

Pilotprojekt auch in Deutschland

Das niederländische Gesundheitssystem gehört gemessen an den Pro-Kopf Ausgaben zwar zu den teuersten der EU. Doch die Kosten für die ambulante Pflege sind in den vergangenen Jahren nur unwesentlich gestiegen. Das Modell macht Schule. 25 Länder haben schon Interesse angemeldet. Ein deutsches Pilotprojekt gibt es in Emsdetten an der niederländischen Grenze. Dafür haben die Kassen in Nordrhein-Westfalen einer Ausnahmeregelung zugestimmt. Ein Teil der Pflegeleistungen kann probeweise nach Zeit abgerechnet werden.

Der Experte für ambulante Pflege, René Bernards, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband beobachtet das Modell schon lange und fordert einen generellen Systemwechsel im deutschen Pflegesystem: Weniger finanziellen Druck, mehr zeitlichen Spielraum.

René Bernards, Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW
René Bernards, Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es wäre besser, wir würden ambulante Pflegeleistungen nach Zeit vergüten. Sie würde es den Mitarbeitern ermöglichen genau das zu tun, was nötig ist, was der Nutzer möchte.

sagt René Bernards, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW

Anfang Juli hat Gesundheitsminister Spahn (CDU) gemeinsam mit Familienministerin Giffey (SPD) und Arbeitsminister Heil (SPD) eine "Konzertierte Aktion Pflege" gestartet. Das Ziel: Den Pflegeberuf attraktiver machen. Dabei könnte unter anderem auch "buurtzorg" eine Rolle spielen, so das Bundesgesundheitsministerium auf FAKT-Anfrage. Die Politik hat also verstanden, dass dringend etwas passieren muss. Bis jetzt ist das deutsche Pilotprojekt noch nicht kostendeckend. Doch auch in den Niederlanden hat es drei Jahre gedauert, bis aus dem Feldversuch ein stabiles Modell wurde.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 17. Juli 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2018, 01:26 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

14 Kommentare

19.07.2018 17:07 Manfred Linss 14

Der Beitrag war sehr interessant - allerdings gab es leider keine Information über die Höhe des Stundensatzes der da in den Niederlanden vergütet wird . . . . . und wenn ich es richtig verstanden habe entscheidet letztlich der ambulante Pflegedienst wie viel Pflegezeit erforderlich ist . . . oder?

19.07.2018 01:28 Torsten Sammler 13

Wieder ein gutes Beispiel wie es in anderen Regionen besser geht. In Deutschland findet man nur große Worte und Bestimmungen zur Verhinderung zur Hilfe in und bei der Pflege. So sollen 125 € bereitgestellt werden um den Pflegenden z.B. beim Einkauf der Lebensmittel zu unterstützen - dafür müssen viele Anträge gestellt werden damit es abgerechnet werden kann. Von der Pflegekasse wird die Bezahlung "als Taxifahrt" abgelehnt obwohl ich eine Firma gefunden habe die fasst zum Selbstkostenpreis realisiert hat und es weiter machen möchte. Die Reinigung der Wohnung, die Wäsche, das Kochen für die zu pflegende Person gehört nicht zur Pflege , aber nur nicht zu Hause ! In den Einrichtungen wie Pflegeheime muss sogar für die Bereithaltung der Küche bezahlt werden - selbst bei künstlicher Ernährung. Die Pflege zu Hause ist gewollt nur eben ohne annähernd gerechter Entlohnung.

18.07.2018 11:02 Jürgen Nieswand 12

Wieder einmal zeigen uns die Niederländer, wie man es besser machen kann. Für mich ist es keine Frage, das in der "Fakt"-Sendung vorgestellte ambulante Pflegemodell unserer Nachbarn bundesweit zu übernehmen. Auf die quälend langwierigen, unerfreulichen und uneffektiven Diskussionen, durch die sich unsere Politik auszeichnet, sollte im Interesse des immer größer werdenden Teils der Bevölkerung, der auf Pfledienstleistungen angewiesen ist, verzichtet werden.

18.07.2018 08:54 Hans-Jürgen Monden 11

Die Pflege nach Zeitaufwand ist zumindest in Bayern auch jetzt schon möglich, wir bieten das als ambulanter Pflegedienst auch an, aber nicht alle Kunden sind damit einverstanden, sie möchten nachvollziehen können, was jede Leistung kostet.
Die Fahrzeit gehört bei einem ambulanten Dienst dazu, sie wird aber nur zum Teil vergütet (1x Anfahrt) . Alle Vorschläge helfen nichts: wenn wir 10 % mehr an Gehältern vergüten möchten, dann müssen die Kassen auch die Leistungsvergütung um diesen %-Satz anheben

18.07.2018 07:14 S 10

Alles Gut und Schön! Wenn der MDR schon über diese schöne und humanere Alternative im ambulanten Pflegedienst berichtet, dann könnte der MDR ja auch mal interesse zeigen, alternativen zur Psychiatrie ( die es auch mittlerweile gibt) vorzustellen, z.B. das Paradebeispiel Lappland (Finnland), wo psychisch Kranke eine reele Chance haben, ohne Zwang und mit Selbstbestimmung , Genesen zu können. Weil die Menschen dort mit Würde, Respekt und auf "Augenhöhe" behandelt werden und nicht wie in Deutschland: mit Zwang, Eingesperrt sein und zum Teil mit "sinnlos" vielen Medikamenten behandelt werden. Deutschland soll ruhig nach Skandinavien oder Niederlande schauen: diese Länder machen es vor: das der Mensch im Vordergrund steht und nicht der "Profit".

17.07.2018 22:33 Petra Schmidt 9

Ihr macht immer pflegezustände (berichte) von Erwachsenen pflegebedürftigen und Pflegeheime wo erwachsene Menschen gepflegt werden aber was ist mit unseren schwerbehinderten Kindern wo selten und wenn dann weit von zu hause entfernt Pflegeheime oder tagespflege keine Angebote und pflegekräfte sind nicht zu finden alles sozial freiwilliges Jahr die nicht bleiben und immer wechseln jedes jahr der Kampf nach Ferien jemanden zu finden der sich auf das Kind einstellen kann und sehr sehr wichtig das Kind auf diese Kraft es kann nicht sein das man in den Ferien auch keine ferienangebote für diese Kinder und auch keine Pflege da ist die Schüler freiwilliges Jahr sind nicht vorhanden auch Ferien was ist mit unseren Kindern wo und wer spricht über sie.Eltern von behinderten Kindern haben immer den Kampf sie wollen das beste für ihre Kinder sie wollen eine pflegekraft die sich auf das Kind einstellt und da ist und nicht immer andauernd das hin und her die Kinder haben doch rechte

17.07.2018 22:20 Ingo 8

Pflege kann auch anders, in den Niederlanden, in Skandinavien, wo auch immer, aber eben nicht in Deutschland. Es bleibt bei gut gemeinten Versuchen und Projekten, aber ändern wird sich nichts. Unsere Tradition von Arzthörigkeit, Bettchen machen, Essen verteilen, wird weiter gehen und unsere Fachlichkeit, unsere Empathie, unser Engagement bleibt auf der Strecke. Es gibt so viele Ansätze, Pflege wirksam attraktiv und effektiv zu machen und Achtung, die Kosten nichts, aber dafür müssten viele heilige Kühe auf dem Altar der Arroganz der Kliniken geopfert werden. Nur eine Frage zum Schluss... Warum müssen morgens um 6 Uhr 4-6 Pflegekräfte auf Station erscheinen, wenn alles schläft und endlich Ruhe eingekehrt ist? Um 6 Uhr kann keine Frau ihre Kinder unterbringen oder sich um die Familie kümmern. Und schon wäre der Personalengpass entschärft. Aber das geht ja nicht, weil wir das noch nie gemacht haben und die Notwendigkeit in einem von Frauen dominierten Beruf nicht einsehen.

17.07.2018 22:16 Wolfgang 7

Man kann das eigentlich nur beurteilen wenn man selbst betroffen ist. Die Pflege in Deutschland ist ein Armutszeugnis. Die Pflegekassen geben für jede Leistung die Zeit vor die maximal gebraucht werden darf.
Die ganze Pfleg
eleistung ist nur auf sparen ausgerichtet und orientiert sich nicht an dem was die Pflegebedürftigen wirklich brauchen.
Da ist der Auftritt von Angela Merkel nur PR. Sie soll endlich mal was ändern.

17.07.2018 22:13 Norbert Gillrath 6

die ambulante pflege wie sie in holland prak­ti­zie­rt wird ist her­vor­ra­gend, da sollte deutschland sich mal eine scheibe abschneiden und auch mal über den tellerrand schauen und da gibt es noch einiges mehr .

17.07.2018 22:06 Wolfgang Engel 5

Zum Thema Pflegesysteme kenne ich aus 12 Jahren Südafrika nur eine pauschale Abrechnung beim Arzt nach Zeit. Da haben Sie 30 Minuten für Ihre Wehwechen.
Hier habe ich pro Besuch 20 Posten voll mit außergewöhnlichen, komplexen, schwierigen Tatbeständen. Beschäftigt Helferinnen und hat wohl Maximierungsprogramme im PC und treibt die Kosten.

Mehr zum Thema

Religion

Ein kleines Mädchen flüstert der Oma etwas ins Ohr.
Bildrechte: Colourbox.de