Skandal um Leber-Transplantationen Experten für schnellere Kontrolle von Transplantationen

Anfang September sind in Essen neue Fälle mutmaßlich unnötiger Leber-Transplantationen bekannt geworden. Während die Einen das Beleg für das Funktionieren neuer Kontrollmechanismen werten, sehen andere noch Mängel.

Ein Rettungswagen rasst zurück zur Notaufnahme. 8 min
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Nach den jüngst bekannt gewordenen Fällen mutmaßlich unnötiger Organtransplantationen in Essen plädieren Experten für weitere Verbesserungen der Kontrollmechanismen.

Der langjährige Vorsitzende des Verbandes der Universitätsklinika Deutschland, Professor Jörg Rüdiger Siewert, sagte dem ARD-Magazin FAKT, wichtig seien Kontrollen, die möglichst zeitnah zu erfolgten Operationen vorgenommen werden. Sinnvoll sei ein halbstaatliches Institut, das sich schnell mit auffällig gewordenen Fällen beschäftigen könne, "und nicht wartet, bis die Bundesärztekammer sich meldet und anfängt, diese Fälle zu prüfen".

Annette Milk von der Staatsanwaltschaft Essen zu den Ermittlungen gegen Transplantationsmediziner in Essen 2 min
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Anfang September war ein leitender Chirurg des Universitätsklinikums Essen in Untersuchungshaft genommen worden. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag in einem Fall sowie gefährliche Körperverletzung in fünf weiteren Fällen vor. Der Vorwurf: Medizinisch unnötige Leber-Transplantationen an Patienten, die eigentlich keine neue Leber brauchten. Eine der Operationen soll zum Tod des Patienten geführt haben. Der Arzt ist nach mehr als einer Woche gegen eine hohe Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Zuvor waren zahlreiche weitere Akten beschlagnahmt worden.

Bereits im Jahr 2010 stand dasselbe Klinikum im Mittelpunkt eines Skandals um Lebertransplantationen. Der damalige Direktor der Klinik wurde unter anderem wegen Bestechlichkeit zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er Patienten gegen Geldspenden schnellere Operationen versprochen hatte.

Die neuen Fälle waren nach einer Überprüfung durch die Überwachungs- und Prüfungskommission bekannt geworden, die von der Bundesärztekammer, der Deutschen Krankenhausgesellschaft sowie vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen getragen wird. Sie hatte Transplantationen im Zeitraum von 2012 bis 2015 untersucht.

Prof. Hans Lilie von der Universität Halle-Wittenberg
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Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, der Strafrechtler Prof. Hans Lilie von der Universität Halle-Wittenberg, wertete das Aufdecken der mutmaßlichen Verstöße an der Uniklinik Essen als Erfolg der Reformen nach den Skandalen in der Transplantationsmedizin vor einigen Jahren. Damals waren Patienten von Ärzten bevorzugt behandelt worden. Lilie sagte FAKT: "Durch die Reformen, die zurückzuführen sind auf die Skandale, ist ein neuer Straftatbestand geschaffen worden. Und der greift jetzt in diesem Essener Fall sehr nachhaltig."

Professor Siewert kritisiert jedoch den langen Zeitraum zwischen den Transplantationen und den Kontrollen. Immerhin lägen die Vorfälle in Essen schon mehrere Jahre zurück.

In Essen "nichts begriffen"

Kritik kommt auch vom Bundesverband der Organtransplantierten. Dessen Vorsitzender Peter Fricke sagte, nach den Vorfällen aus dem Jahr 2010 habe das Essener Klinikum offenbar "nichts begriffen". Man habe "einfach so weitergemacht wie vorher auch. Sonst wäre es nicht wieder dazu gekommen, dass jetzt der Nachfolger wieder ins Gefängnis geht." Deshalb sollten nach seiner Ansicht keine Lebertransplantationen mehr in dem Klinikum durchgeführt werden dürfen.

Positionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Im Rahmen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina kamen – vor dem Hintergrund der vorausgegangenen Skandale – im Februar 2015 Mediziner und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen (sowie weitere Diskutanten aus relevanten Bereichen) zusammen, um über Probleme und Perspektiven der Transplantationsmedizin sowie die Zuteilungsmodalitäten der knappen Organe zu diskutieren. Die Leitung hatte der langjährige Vorsitzende des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und heutige Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Freiburg, Professor Jörg Rüdiger Siewert.

Ein wesentlicher Punkt, des aus diesem Symposium hervorgegangenen Diskussions- bzw. Positionspapier, war die Empfehlung, ein staatliches (oder auch halbstaatliches) Institut in die Organisation des Transplantationswesens einzubinden. Diesen Standpunkt hat Prof. Siewert auch im Interview mit FAKT vertreten. In dem Positionspapier heißt es dazu:

"Die Verteilung der Spenderorgane war und ist […] eine hochkomplexe Aufgabe. Zu ihr gehört nicht zuletzt auch die Kontrolle der Abläufe und ihrer Qualität. Derzeit wird diese anspruchsvolle Aufgabe in weiten Teilen von der Bundesärztekammer mit ehrenamtlich wirkenden Expertinnen und Experten bewältigt. Dieses System stößt aufgrund seiner Komplexität an Grenzen. Um diesen Aufgaben auf Dauer angemessen nachkommen zu können und dabei das Vertrauen der Bevölkerung wie des medizinischen Personals anhaltend zu sichern, empfiehlt sich die Einrichtung einer neutralen und unabhängigen Institution für die Organisation und Qualitätskontrolle der Transplantationsmedizin. Ein wesentliches Ziel der Einrichtung einer solchen Institution, beispielsweise in Form einer (halb-) staatlichen Stelle auf Bundesebene, wäre es, die bestehenden personellen und institutionellen Verflechtungen aufzulösen und mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden. […]"

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 18. September 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 16:03 Uhr