FAKT | 07.08.2018 Allein gelassen: Woran Soldaten und ihre Familien leiden

Nicht nur die Einsatzkräfte leiden, sondern auch die Familien zu Hause. Doch noch immer fehlt es an einem wirksamen psychologischen Konzept bei der Bundeswehr für die Betreuung betroffener Soldaten und ihrer Familien.

Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 haben rund 3.200 militärische und zivile Angehörige der Bundeswehr infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten ihr Leben verloren. 2017 verloren acht Soldaten ihr Leben während sie ihren Dienst ausübten – 19 nahmen sich das Leben. Besonders die Soldaten im Ausland, in Krisengebieten wie Afghanistan oder Mali, sind gefährdet.

Katrin Pauli war an jenem 7. Oktober 2010 zu Hause - krankgeschrieben. Der Fernseher lief. Plötzlich wurde die aktuelle Debatte im Deutschen Bundestag unterbrochen. Der damalige Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) trat ans Rednerpult: "Liebe Kollegen, mich hat soeben eine sehr traurige Nachricht erreicht. Wir haben offenbar bei einem Selbstmordanschlag auf eine ISAF-Patrouille auf unsere Soldaten, nördlich von Pol-I-Khomri, einen gefallenen Soldaten und nach derzeitigem Stand sechs verwundete Soldaten zu beklagen."

Katrin Pauli hat gleich ein ungutes Gefühl: "Und in diesem Moment habe ich gedacht: ´Nee, das geht nicht, das ist Florian´." Der Verteidigungsminister informierte die Öffentlichkeit, noch bevor die Mutter erfährt, dass ihr Sohn gefallen ist. Geregelt sind solche Fälle ausdrücklich anders: Erst die Angehörigen, dann die Öffentlichkeit.

Kaum Unterstützung bei der Suche nach Psychologen

Bis heute leidet Katrin Pauli unter Albträumen, Schlaflosigkeit und Depressionen. Von der Bundeswehr habe sie keine Unterstützung bei der Suche nach einem Psychologen erhalten, als sie einen gebraucht hätte. "Nach ein oder zwei Jahren wurde mir mal angeboten, man könnte nach Hamburg fahren. Damals habe ich gesagt, wenn ich einen Psychologen brauche, brauche ich den jetzt und nicht in 500 Kilometer Entfernung - und damit war für mich die Sache eigentlich erledigt."

Auch Jens Gierke kritisiert den Umgang der Bundeswehr mit ihren Auslandssoldaten und deren Angehörigen. Der Mecklenburger war sechs Mal für die Bundeswehr in Afghanistan.  "Die Frage wird nie gestellt, wie es den Angehörigen zu Hause geht - absolut nicht." Es gebe zwar ein sogenanntes Familienbetreuungszentrum, doch das werde nur halbherzig betrieben. "Das heißt, die Frauen sitzen eigentlich auf glühenden Kohlen." Er beschreibt die Lage für die Angehörigen so: Komme eine Meldung, dass Deutsche verletzt wurden, dann wüssten sie nicht, ob es sich um ihren Mann, Vater oder Sohn handele.

Die Frau wurde depressiv und magersüchtig

Bundeswehrsoldaten sind 2013  im Feldlagers Kundus angetreten.
Deutsche Soldaten bei einem Auslandseinsatz in Afghanistan. Bildrechte: dpa

Gierkes Frau wurde während des Einsatzes ihres Mannes schwer krank – magersüchtig und depressiv. Bei ihm selbst wurde nach der Rückkehr eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Das Ehepaar wird inzwischen seit Jahren von Dr. Stefan Schröder im Krankenhaus von Güstrow, behandelt. Die Auswirkungen der Einsätze auf die Familie beschreibt der Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Suchttherapie damit, dass "psychische Krankheiten ein Beziehungssystem betreffen. Psychiatrie ist Beziehungsmedizin und wenn ein Teil der Beziehung erkrankt, dann ist das andere Teil der Beziehung auch betroffen. Und wenn jemand aus Afghanistan nach Hause kommt und ist verändert, dann ist das für die Familie auch eine Belastung."An den Behandlungskosten der Gierkes beteiligt sich die Bundeswehr nicht.

Online wirbt die  Bundeswehr zwar für ein Programm zur Behandlung von seelisch erkrankten Familienangehörigen, doch vor der Kamera des ARD-Magazins FAKT will man sich nicht äußern. Ein schon zugesagtes Interview wird kurzfristig abgesagt. In den Niederlanden ist dieses Problem hingegen schon längst erkannt. Dort gibt es seit Jahren ein spezielles Veteranen-Programm. Veteranen und deren Familien werden dort intensiv betreut.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 07. August 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 11:34 Uhr

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20 Kommentare

09.08.2018 14:30 Rosenstiehl 20

@ Walter:
zum Thema "Arbeitsunfall":
der Begriff ist etwas ungenau. Genauigkeit wird dann wichtig, wenn Sie versuchen, eine Entschädigung dafür vor Gericht einzuklagen.
Beispiel: Ein(e) Wehrdienstbeschädigungs- Geschädigte(r) klagt auf "Arbeitsunfall". Dann sagt der Richter nicht: naja, ich verstehe schon- dann prüfen wir mal, was Ihnen denn zusteht. Sondern er ist erleichtert, dass man auch sagen kann, ein Arbeitsunfall war das aber irgendwie nicht- bitte genauer formulieren (und: "Soldaten sterben ja sowieso! Und wir, das Bundesland, sollen dafür zahlen-abgelehnt!"). Nur hat man dann jahrelang umsonst auf diesen Gerichtstermin gewartet, und viele Termine folgen noch (selbst erlebt). Bei Berufsgenossenschaften wird man beispielsweise nicht herumgeschubst, wie es bei der Wehrverwaltung/ dem BMVg zwar seit 2011 weniger, aber immer noch der Fall ist (die letzten 30, 40 Jahre lief es in einem Zug wie oben beschrieben- Antwort dort aktuell: "nehmen Sie sich besser einen guten Anwalt!").

08.08.2018 15:37 Rosenstiehl 19

Einfach nüchtern betrachten (nichts ist schwerer; Soldaten müssen es jedenfalls im Ernstfall können): es geht ums Geld!
Richter kennen sich in der Thematik leider auch gar nicht aus. Es ist menschlich, sich dann keinen Ärger einhandeln zu wollen. Die Wehrdienstbeschädigungsopfer sind dann die weniger gefährlichen Feinde. Wer will sich schon einen Fehler im Job nachweisen lassen? Vielleicht muss man ja da ansetzen: Richter kontrollieren, aber dann gemäß ihrem Kenntnisstand beurteilen/ trotz Fehlern befördern und sie aber aufklären. Auf jeden Fall dauert eine nachhaltige Lösung vorraussichtlich mehr als eine Legislaturperiode (noch'n Missstand).

08.08.2018 14:24 Ungenannter 18

Das, was im Beitrag beschrieben wird, sind Erkrankungen, die das weitere Leben schwer beeinflussen.
Über Selbsttötungen von Angehörigen und Ex-Soldaten erfasst die Bundeswehr offiziell keine Zahlen. Auch nicht über Erkrankungen.

Dass Soldat_innen wissen, worauf sie sich einlassen, ist Humbug. Es ist, wie im Beitrag beschrieben: was vor Ort passiert bleibt vor Ort. Bei der Ankunft im Einsatzland müssen dann erst Erwartungen und Realität abgeglichen werden. Selbst im Tagesdienst in Deutschland kam man nur spärlich an Informationen darüber, was in Afghanistan passierte.

Das ist einerseits der Überforderung geschuldet, weil die Bundeswehr mehr Stellen im Ausland zugesagt hatte, als sie eigentlich dauerhaft besetzen konnte. In der Folge dauerte es dann zu lange die Ausbildung im Inland an die Gegebenheit im Einsatz anzupassen.
Andererseits ist es politisch von der Regierung gewollt, dass die Auslandseinsätze keine Anlässe für Kritik bieten.

08.08.2018 14:10 Ungenannter 17

Stichwort Geld:

Sie erhielten in Afghanistan damals 92 Euro und 3 Cent. Steuerfrei täglich. 2760 Euro monatlich extra.

Dafür wurde ihre Dienstzeit von 40 Stunden pro Woche auf mindestens 76 Stunden pro Woche ausgedehnt.

Sie mussten sich gegen Erkrankungen impfen lassen und wenn Sie zur Malariazeit dort waren, dann nahmen Sie Medikamente mit fragwürdigen Nebenwirkungen.

Oh - und nicht zu vergessen: natürlich ging es nach dem täglichen Dienst im Einsatz nicht nach Hause, sondern nur in den Container und sie mussten hoffen, dass nicht Nachts noch eine Alarmierung dazu kam, wenn z.B. eine Rakete flog.
Warum taten wir das? Es gehörte zum Beruf.

Zu den Folgen, wie Trauma, Verwundung, Familienleid etc. will nun niemand mehr stehen.

5 Monate Einsatz - 13804 Euro und 50 Cent.

Und dafür zerreißt es Sie und ihre Angehörigen für den Rest des Lebens und sie lesen dann herzlose Kommentare von Menschen, die das Geld neiden und die Folgen negieren.

08.08.2018 13:36 Sarah 16

Und wieder einmal Kommentare zu lesen, bei denen die Verfasser nur die eine Seite kennen. Keiner hat jeh einen Soldaten gefragt, warum er das macht. Leider zieht man heut zu Tage viel zu schnell irgendwelche Schlüsse, anstatt darüber nach zu denken, dass es immer ! Zwei Seiten gibt.
Und sind sich alle auch bewusst, was für unser Land bedeutet den Krieg nicht im Ausland zu führen?
Nur mal als Beispiel: ihr habt unangenehmes Ungeziefer im Garten oder vor dem Haus, bekämpft ihr es erst, wenn es in eurem haus/Wohnung ist, oder bevor es in eurem Haus/Wohnung ist?
Bitte denkt immer daran, jeder hat seine Gründe, warum er etwas macht. Und bevor man eine Person verurteilt, sollte man sich dessen Geschichte anhören. Verlieren kann man nichts, gewinnen jedoch sehr viel!

08.08.2018 12:27 Schröder 15

Was hat unsere Bundeswehr im Ausland zu tun? Wie lang werden die Deutschen dem fremden Länder vorschreiben wie muss man leben? Die Weltpolizeien, wann hört das auf?
Mein Sohn war im Afghanistan, wann war noch Wehrpfilcht. Ich dachte dort mal ich verliere mein Verstand. Tag und Nacht saß ich vor dem Fernsehen, hab ich Gehör verloren. Er ist psychisch krank nach Hause gekommen. Die Afghanen nach Deutschland bringen und schützen eigenes Volk ins Gefahr bringen. Hat unsere Regirung noch alle Tassen im Schrank?

08.08.2018 10:42 DKOF 14

An den hiesigen Kommentaren merkt man die Unbedarftheit und generelle Unkenntnis der globalen und regionalen Sicherheitslage mancher SchreiberInnen. Das hat sicher auch mit Bildung und erworbenen Schulabschlüssen zu tun.

Es steht ausser Zweifel, dass großer Wohlstand, den wir alle geniessen, Stabilität und Planungssicherheit erfordert. Es hat keine Generation Deutscher vor uns gegeben, die so in Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit gelebt hat. Da ist uns das Gespühr für die realen Gefahren auf dieser Welt abhanden gekommen. In der Ukraine, Georgien oder den baltischen Staten, da sieht das ganz anders aus. Die haben große Sorgen und stehen - mitsamt Europa - kurz vor einem großen Krieg. Auf russischer Seite sind bereits Divisionen aufgezogen. Und wir befüllen noch immer die Foren mit Quatsch wie "Kriegstreiberei" oder "lasst andere mit Euren Problemen in Ruhe".

Richtig ist: Der Soldat ist derjenige, der am allerwenigsten den Krieg wünscht, denn er ist der erste, der ihn abbekommt.

08.08.2018 09:54 Christine P. 13

"Sie wussten worauf die sich einlassen" - ernsthaft jetzt? Sie wissen dann also ganz genau was bei einem solchen Auslandseinsatz auf sie zukommt? Oder zugenommen wäre im Alter von 18/19, wenn man zum Bund geht? Es mag ja sein, dass wir alle in der Theorie wissen, dass man vielleicht Menschen töten muss und dass man selbst sein Leben verlieren kann. Was das aber im Einsatz selbst mit einem macht, das meine Lieben kann man vorher nicht wissen. Das ist nicht absehbar. Für niemanden, der das nicht erlebt hat.
Mein Mann ist Ex-Soldat und leidet immernoch unter den Nachwirkungen und das obwohl er seinen Job dort an sich gerne gemacht hat. Das heißt aber eben nicht, dass das keine Narben hinterlässt.
Es geht nicht immer nur um die Kohle, sondern oft um Ideale und für das Gute zu Kämpfen. Für die Sicherheit anderer, die ihren Arsch zuhause platt sitzen und dann meinen ein Urteil darüber fällen zu können, dass es zum beruflichen Risiko gehören würde? Kriegserfahrung will hier keiner sammeln.

08.08.2018 07:31 Anna Müller 12

Das hier die Bundeswehrhasser und sogenannte Pazifisten hervor kriechen, war mehr als klar.
Ihr eigenes gesellschaftliches Engagement besteht eher darin, hämische Kommentare abzugeben.

Die Vergütung und Zuschläge der Soldaten ist im übrigen in einem Gesetz geregelt. Von welchem "vielen" Geld reden Sie eigentlich alle?



07.08.2018 22:52 FilouX 11

Wir wurden 1997 „freiwillig befohlen“. Auch bereits bei UNPROFOR gab es verdeckte Operationen, welche vertuscht werden. Alles vor dem 21.12.2002 wird tot geschwiegen! Und Sie „Rasselbock“ tragen die Vorstellung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Mit gerade mal 19 Jahren ist man froh gewesen, einen sicheren Job zu haben und relativ gutes Geld zu verdienen. Von den 250$, welche die Bundesregierung damals pro Soldat, pro Einsatztag bekam, kamen 80DM pro Tag als „Aufwandsentschädigung“ beim Soldaten an, welcher sich nach über 19! Jahren vor einem Scherbenhaufen wiederfand! Ohne psychische Behandlung etc.! Das kam erst mit Afghanistan! Denken hilft...