exakt | 08.08.2018 Ein neues Modell für die Pflege

In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Dabei gibt es in den Niederlanden ein Konzept, dass seit zehn Jahren funktioniert und mit dem Pfleger und Patienten zufrieden sind.

Die Uhr muss sie immer im Blick haben. Eine halbe Stunde hat Susanne Heumann fürs Medikamente geben, Essen an die Magensonde anstöpseln, Waschen. Da muss jeder Handgriff sitzen. Zeit für Gespräche bleibt da nicht. Dabei geht es auch anders, wie ein Modell aus den Niederlanden zeigt.

Susanne Heumann macht ihren Job gerne – trotz des Zeitdrucks und trotz der langen Wege. Bis zum nächsten Patienten braucht sie bis zu 20 Minuten. Nicht selten legt sie in einer Schicht 80 Kilometer zurück. "Also die langen Wege würde ich auf jeden Fall abschaffen", sagt sie.

"Nachbarschaftspflege" in den Niederlanden

Eine Pflegerin mit einer Patient.
Susanne Heumann macht ihren Job gerne. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Genau so funktioniert es beim ambulanten Pflegedienst namens "Buurtzorg" in den Niederlanden. Das heißt "Nachbarschaftspflege". Alle Patienten wohnen im gleichen Viertel. Pflegerin Nanne Huiskes braucht von einem zum anderen höchstens fünf Minuten. Sie arbeitet seit fünf Jahren bei "Buurtzorg" in Enschede in der Nähe der deutschen Grenze. Hier bleibt mehr Zeit für das Zwischenmenschliche.

Vor zehn Jahren sah es in den Niederlanden in der ambulanten Pflege ähnlich aus wie in Deutschland heute: wenig Fachkräfte, frustrierte Mitarbeiter, Zeitdruck. Seit 2007 gibt es das nicht gewinnorientierte Unternehmen "Buurtzorg".

Der Gründer Jos de Blok ist selbst gelernter Pfleger. Sein Ziel: Eine neue Organisationsform, die den Menschen im Fokus hat. "Wenn du den Pflegerinnen und Pflegern mehr Verantwortung und Mitspracherecht gibst, dann ist die Chance viel größer, dass da was Gutes rauskommt." Es sei besser, als wenn es viele Regeln gebe und es von Managern geleitet werde. Die Arbeit werde so viel angenehmer.

Die Teams organisieren sich selbst

Nachbarschaftspflege
"Buurtzorg" gibt es seit zehn Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Konzept der "Nachbarschaftspflege": Bis zu zehn Mitarbeiter bilden ein Team, das maximal 60 Menschen versorgt. Die Pflegeteams organisieren sich komplett selbst. Neue Patienten, Dienstpläne, Bewerbungen – alles wird im Team besprochen. Einen Chef gibt es nicht.

Die Teams arbeiten ortsgebunden – lange Fahrten werden vermieden und es bleibt mehr Zeit für die Pflege.  Der Kern der Arbeitsweise: Die Pflegekräfte kalkulieren gemeinsam mit dem Klienten, wie viel Zeit nötig ist, damit er gut versorgt ist.  Abgerechnet wird nach Stunden, nicht nach Einzelleistungen.

Das rechnet sich: Die passgenaue Versorgung führt dazu, dass die Patienten schneller wieder fit werden und weniger Pflege benötigen. Unterm Strich werden sogar Pflegestunden eingespart. Die Mitarbeiter sind zufrieden - fünfmal in Folge war "Buurtzorg" der "Arbeitgeber des Jahres".

Das sieht man auch in Deutschland. "Was wir eigentlich brauchen, ist ein Systemwechsel in Deutschland", sagt René Bernards, Fachreferent Ambulante pflegerische Dienste Paritätischer NRW.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 08. August 2018 | 20:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2018, 17:50 Uhr

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