EU-Komission
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FAKT | 12.12.2017 Fragwürdige Glyphosat-Bewertung der EU: Abgeschrieben bei der Industrie?

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Zwei Jahre ist es her, dass die Krebsforschungsagentur der WHO, kurz IARC, Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen bewertet hat. Doch die EU-Behörden, unter Führung der europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA, sehen keine krebserregende Wirkung von Glyphosat. Jetzt ist die Entscheidung gefallen: mindestens fünf weitere Jahre für Glyphosat in der EU. Das allerdings vor dem Hintergrund großer Fragezeichen, was die Bewertung der EU-Behörden angeht. Denn die haben offenbar wichtige Teile ihrer Bewertung einfach bei der Industrie abgeschrieben.

Abgeschrieben beim Zulassungsantrag der Hersteller

rot markierter Text
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Helmut Burtscher, Chefchemiker der Umweltorganisation Global 2000, ist der Mann, der die Affäre um Copy and Paste ins Rollen brachte: Bei der Arbeit an einem Buch zu Glyphosat fielen ihm die extremen Textübereinstimmungen auf, zwischen den Vorlagen der Industrie und dem Bewertungsbericht der Behörden. Er hat aller Textübereinstimmungen im Bewertungsbericht rot markiert. "Und Sie sehen: alles das ist rot - weil es auf Punkt und Beistrich abgeschrieben worden ist vom Zulassungsantrag der Hersteller.”, erklärt Burtscher.

Kopiert wurden vor allem die Urteile der Industrie über unabhängige Studien zu Glyphosat, die zum Beispiel von staatlichen Forschungseinrichtungen und Universitäten stammen. Es waren meist nur die naturgemäß wenig glyphosat-kritischen Studien der Industrie selbst, die die Behörden kommentiert haben. Auch die Werturteile wurden wörtlich übernommen: "nicht relevant", sowie "nicht vertrauenswürdig" etc.

Der Chef der Pestizidabteilung der EFSA, der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, José Tarazona, hält die Übereinstimmungen in den Texten für nicht relevant: "Die relevanten Gesichtspunkte, die Schlussfolgerungen der Behörde sind im Band 1 des Bewertungsberichts. Und es gibt kein Copy-and-paste in Band 1!", sagt Tarazona.

Kein Copy-and-Paste in Band 1 der Bewertung? Das ist falsch. Im Abschnitt über die epidemiologischen Studien, also die Studien am Menschen zeigt sich: Rund die Hälfte dieses Abschnittes ist auch in Band 1 wörtlich aus dem Industriedossier übernommen.

Die EFSA, erklärt die gefundenen Übereinstimmungen folgendermaßen: Die Änderungen an den von der Industrie gelieferten Bewertungen würden dort vorgenommen, wo es nötig sei. Was im Umkehrschluss heißt: Bei den Urteilen der Industrie über die meisten unabhängigen Studien war es nicht nötig. Nur: liegt es nahe, dass die Glyphosat-Hersteller dazu neigen werden, kritische Studien von unabhängiger Seite eher abzuwerten.

Bewertungsbericht ist einseitig

Andreas Seidler
Prof. Andreas Seidler von der TU-Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wissenschaftler wie der Epidemiologe Professor Andreas Seidler von der TU Dresden sehen die Kopier-Aktionen der Behörden kritisch. Denn wenn Behörden zu oft sagen: Wir sehen das genauso wie die Industrie – dann kann das Folgen haben. Der Bewertungsbericht sei insgesamt einseitig in dem Sinne, dass die vermeintlichen Schwächen der einbezogenen epidemiologischen Studien deutlich betont werden, erklärt der Epidemiologe.

Die Entscheidung ist nun gefallen: Glyphosat ist für weitere fünf Jahre in der EU zugelassen. Allerdings: Die Diskussion um die Qualität der Behördenbewertung des Pflanzengifts wird wohl nicht so schnell beendet sein.

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 12.12.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2017, 23:16 Uhr

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7 Kommentare

14.12.2017 17:13 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 7

@ 6:
Der EU ging es recht gut, bis die Ost-West-Grenze fiel...

Wenn wir die wieder aufbauen würden, ginge es uns* wirtschaftlich auch gleich wieder viel besser!

* uns: nicht jedem von 'uns', aber vielen von 'uns'.

14.12.2017 13:52 Frederic 6

Eine einfache Frage, seit wann können diese EU Kraten - Diktatoren denn selbst etwas schreiben.
Würde sagen; die haben von Chemie soviel Wissen, oder Ahnung, wie eine Kuh vom walzertanzen.
Fakt ist doch, dass überwiegend Lebensmittel mit Chemie belastet sind. Auch die Erde, nicht nur die Äcker sind voller Chemie. Nur mal überlegen, was alles an Stabilatisoren - bei Wurst,Fleisch Käse, oder Backwaren, usw usw angewendet wird.
Diese EU Akteuren sind flüssiger als Wasser, die sind, mit Ihren Vorgaben und Verordnungen, vollkommen überflüssig - Besser wäre - weg damit, weg damit es den Menschen der EU Staaten enlich besser geht !! Der Euro ist der Teuro - er hat die Menschen in die Armut getrieben !!!

13.12.2017 17:44 Uborner 5

Wundern wird das ja wohl hoffentlich niemanden.
zu 1 U. Heun: Eine Chemikalie die ausschließlich dazu da ist Pflanzen zu töten ist selbstverständlich ein 'Pflanzengift'. Was denn sonst? Glyphosat soll immer nur eine oder gar keine ( bei Sikkation ) Pflanze schützen und alle anderen umbringen. Sie hätten im Internet eine ganze Reihe Beschreibungen für Glyphosat bzw RoundUp gefunden ( auch von Monsanto ) - bevor sie urteilen. Auch ging es in dem Artikel speziell um Glyphosat und dessen Zulassungsverlängerung und nicht um Plutonium, Kaffee oder Tabak.

13.12.2017 17:36 part 4

Der Hauptnebeneffekt, wegen dem Glyphosat erst entwickelt wurde und der sehr gern verschwiegen wird, es ist eigentlich für Gentechpflanzen vorgesehen, die dagegen restistent sind. Das es nebenbei noch als Reifebeschleuniger bei Getreide wirkt wird ebenfalls nicht erwähnt. Die Pläne für die Verbreitung von Gentechplanzen durch die führenden Saatgutkonzerne für Europa liegen aber schon lange in den Schubladen und sind wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, wenn der Einsatz von Glyphosat nicht gestoppt werden kann. Es geht also hier nicht nur um die reine Unkrautbekämpfung sondern die Etablierung von GVO durch die Hintertür.

13.12.2017 17:17 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 3

Sicherlich ist das geschäftliche Interesse von Bayer höher zu bewerten als das gesundheitliche der Bürger: Bayer zahlt schließlich mehr!

13.12.2017 12:53 OHNEWORTE 2

So werden Buerger getaeuscht .. ,auch wenn es das Leben kostet. Alles eine sehr fragliche Sache.
Solange Praemien ,Schmiergelder und Ausfsichtsratsposten winken,sind Politiker sehr arbeitsintensiv. Der Geldbeutel kann gar nicht gross genug sein.

13.12.2017 12:35 Ulrich Heun 1

Fragwürdige Berichterstattung

Es erstaunt mich immer wieder wie im Zusammenhang mit Glyphosat "Stimmung gemacht" wird und nicht mit objektiven Fakten sondern auf der emotionalen Schiene argumentiert wird. Das beginnt schon damit dass immer vom "Pflanzengift" die Rede ist und nicht vom Pflanzenschutzmittel (es bezeichnet auch niemand in der Diskussion Chemotherapeutika als "Zellgift").

Dabei spielt die IARC eine höchst merkwürdige Rolle. In der höchsten IARC-Kategorie 1 (karzinogen für den Menschen) findet man Tabak, Wurst und Alkohol friedlich neben der „Pille“, Sonnenlicht, Schichtarbeit und Plutonium. Jede Form der Kritik an Ihrer Einstufung bewerten die Verantwortlichen als "nicht konstruktiv und unfair" - bei dieser Einstellung kann man nicht wissenschaftlich diskutieren.
1991 wurde durch ihre Gutachter Kaffee als krebserregend einstuft - seitdem gibt es Studien die das Gegenteil beweisen - die IARC rührt sich nicht.