Glyphosat
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Hintergrund Ein schon sehr lange gehegter Verdacht: Missbildungen Neugeborener, teratogene Wirkung durch Glyphosat?

Glyphosat
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Im Oktober 2018 hörten Abgeordnete des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages eine Warnung. Sie stammte von dem argentinischen Arzt und Wissenschaftler Damián Verzeñassi von der Universität Rosario (der drittgrößten Stadt Argentiniens). Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Jose Perreyra war Verzeñassi nach Deutschland gekommen, um über die Folgen des großflächigen,  bedenkenlosen Einsatzes von Pestiziden zu warnen. Der Mediziner weiß, wovon er spricht: Unter seiner Leitung wurden von der medizinischen Fakultät der Universität Rosario bis heute die Einwohner von 37 Ortschaften untersucht, die mitten in den intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsgürteln Argentiniens leben.

"Der Süden leidet!“ sagte Professor Verzeñassi den Abgeordneten. Die Abweichungen der Gesundheitsdaten der Menschen, die in diesen intensiv bewirtschafteten agrarisch geprägten Gegenden leben, vom sonstigen argentinischen Durchschnitt sind bedenklich. Davon berichtete Damián Verzeñassi auch auf einer Pressekonferenz in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung. Er zeigte eine Karte, auf der ein Kreis eingezeichnet war.

Damian Verzenassi 3 min
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https://www.mdr.de/investigativ/video-266414.html

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In diesem dunklen Kreis liegen 34 der 37 Ortschaften, die wir bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt untersucht haben. Dort leben 170.000 Menschen, von denen wir mehr als 112.000 in ihrem Zuhause befragen konnten. Im Zuge dieser Arbeit konnten wir zeigen, dass in diesen Ortschaften unter anderem folgende Krankheiten erhöht waren: Schilddrüsenprobleme, Hypothyreodismus [Schilddrüsenunterfunktion], neurologische Beschwerden, Fehlgeburten, Missbildungen Neugeborener und verschiedene Krebsarten.

In Chabas in der Provinz Santa Fé: "Dort haben sich seit der Einführung des Modells der genveränderten Pflanzen, die von Glyphosat und anderen Pestiziden abhängen, die Missbildungen Neugeborener in diesen Proportionen erhöht!“

Die Grafik, die er dazu präsentierte, zeigt in diesem Ort Chabas eine Verdreifachung der Missbildungsrate Neugeborener im Fünf-Jahres-Zeitraum von 2010 bis 2014 gegenüber dem Zeitraum vom 2000 bis 2004: von 2,8 auf 7,6 Prozent. 

Kann das sein: Missbildungen neugeborener Babys durch Glyphosat (und Begleitstoffe)?

Es war in den 1990er-Jahren, als sich die damalige argentinische Regierung entschied, das Land für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen freizugeben: Seitdem dürfen Pflanzen angebaut werden, die gegen Glyphosat resistent sind. Das führte zur extremen Ausweitung des Pestizideinsatzes. Grund: Normalerweise tötet das Totalherbizid alle grünen Pflanzen. Werden jedoch resistente Pflanzen wie zum Beispiel genverändertes Soja angebaut, dann tötet Glyphosat diese nicht, sondern nur alle anderen nichtresistenten. Somit war es vor Einführung der neuen Technik lediglich möglich, Glyphosat vor der Aussaat zu spritzen (das Feld "totspritzen"), und kurz vor der Ernte, um eine gleichmäßige Abtrocknung zu erreichen (Sikkation). Nun jedoch war es möglich, Glyphosat so oft zu spritzen, wie man wollte. Was auch in extremem Umfang geschah.

Im Dezember 2014, als mehr als 100 Medizinstudenten aus Rosario in die Ortschaft Chabas einzogen und mit der Untersuchung der Bevölkerung begannen, waren wir dabei.

Mädchen wird untersucht (Blutdruckmessung) 1 min
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Die Ergebnisse der Untersuchungen unterschieden sich nicht relevant von den 19 anderen Ortschaften, die man bis zu diesem Zeitpunkt untersucht hatte: mehr Missbildungen Neugeborener, mehr Kindsabgänge, mehr Krebs, mehr Atemwegserkrankungen. Auch Professor Verzezeñassi hatten wir damals interviewt:

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Wir haben vor allem gesehen, dass es in den letzten Jahren viel mehr Fälle von Krebs und Leukämie gab, und Non-Hodgkin, in stetig steigender Zahl, unter immer Jüngeren. Es gab mehr plötzliche Abgänge von Ungeborenen, weniger Schwangerschaften in diesem Orten. Es begannen die Fälle von angeborenen Missbildungen zuzunehmen, die früher in der Region nicht vorkamen. Und zwar in einem Umfang, der besorgniserregend ist. Wir haben in kleinen Orten von 4.000 Einwohnern eine Anzahl von Kindern, die mit Missbildungen geboren werden, die über jede epidemiologische Voraussage hinausgehen!

Prof. Damián Verzeñassi, Universität von Rosario

Da in Europa bislang keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden dürfen, wird hier deutlich weniger Glyphosat gespritzt als in Nord- und Südamerika. Entsprechend geringer ist die Belastung der Bevölkerung. Ob sich also auch in Europa Missbildungen bei Neugeborenen gezeigt haben, die möglicherweise mit dem Pflanzengift in Verbindung zu bringen wären, ist nicht bekannt.

Deutlich höher ist jedoch auch in Europa die Belastung von Tieren, soweit sie mit importiertem Kraftfutter gefüttert werden: vor allem Milchkühe, aber auch Schweine. Dieses eiweißreiche Kraftfutter wird zumeist aus Nord- und Südamerika importiert. Wegen des häufigen Spritzens der genveränderten Pflanzen sind die Rückstände in diesem Futter entsprechend hoch.

In der Sendung vom 12.11.2013 berichtete FAKT über dieses Thema. Der Film dokumentierte, wie ein dänischer Schweinezüchter körbeweise missgebildete Ferkel – in eingefrorenem Zustand – zur Universität Leipzig brachte. Er kam zu der Mikrobiologin und Veterinärmedizinerin Professor Monika Krüger, um die Tiere auf Glyphosat untersuchen zu lassen. Prof. Krüger hatte zu diesem Zeitpunkt bereits erhebliche Erfahrung bezüglich der Belastung von Nutztieren – vor allem Milchkühen – mit Glyphosat und den daraus entstehenden Folgen.

Mißgebildetes Ferkel auf Hand des Züchters 7 min
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Die nachfolgenden Untersuchungen bestätigten die Vermutung.

In allen untersuchten Organen jedes Tieres haben wir Glyphosat nachgewiesen. Und wir haben in diesen Organen sowie in der Muskulatur und in den Darmwänden dieser Tiere keine signifikanten Unterschiede zwischen den Konzentrationen gefunden. Das heißt also, dass die Tiere über die Plazenta der Muttertiere mit dem Glyphosat in Kontakt gekommen sind.

Dieser Besuch des dänischen Schweinezüchters Ib Pedersen an der Universität Leipzig erfolgte vor dem Hintergrund einer auch damals schon seit mehreren Jahren stattfindenden lebhaften Diskussion um eine mögliche teratogene Wirkungen von Glyphosat: also der vermuteten Eigenschaft der Substanz, den Embryo zu schädigen.

Im Herbst 2014 dann hatten wir Ib Pedersen auf seinem Hof in Dänemark besucht – kurz vor unserer Abreise nach Argentinien. Auch am Tag unserer Dreharbeiten wurde ein solches missgebildetes Ferkel geboren.

Der Schweinezüchter Ib Pedersen 2 min
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Wir können zuverlässig sagen, dass, wenn 0,2 Gramm Glyphosat pro Tonne im Futter sind, verglichen mit einem Gehalt von einem Gramm, also fünf mal mehr, dass wir dann auch fünf mal mehr Missbildungen haben. Und es bewirkt fünfmal mehr Fehlgeburten in meinen Säuen. Der Effekt ist sehr ausgeprägt!

Ib Pedersen, dänischer Schweinezüchter, auf seinem Schweinezuchtbetrieb in Dänemark

Es war vor allem eine Studie der Forschergruppe um den argentinischen Embryologen Prof. Andrés Carrasco gewesen, die im Jahr 2010 weltweit zu Diskussionen über das Thema möglicher teratogener Wirkungen von Glyphosat (und seiner Beistoffe) führte. Die Wissenschaftler an der Universität von Buenos Aires wiesen den Entstehungsweg teratogener Effekte von Glyphosat an Hühner- und Froschembryonen nach. Angeregt wurden diese Untersuchungen schon damals durch die Beobachtung steigender Missbildungsraten von neugeborenen Babys in der Bevölkerung, die in den Landwirtschaftsgürteln Argentiniens lebt – dort, wo exzessiv gespritzt wird. (Quelle: Paganelli et. al, Glyphosate-Based Herbicides Produce Teratogenic Effects on Vertebrates by Impairing Retinoic Acid Signalling, Chem.Res.Toxicol. 2010)

Im Jahr 2011 dann war eine Untersuchung von Wissenschaftlern aus Großbritannien veröffentlicht worden, die international erhebliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr Titel: "Roundup and Birth Defects" (Roundup und Geburtsdefekte / Missbildungen Neugeborener).

Zur Erläuterung: "Roundup" ist der Handelsname des Hauptprodukts des Agrarkonzerns Monsanto, der Glyphosat für die Anwendung als Herbizid entwickelt hat. Es ist aber nur eines von sehr vielen Produkten, die in ganz verschiedenen Mischungen, aber alle auf dem Hauptwirkstoff Glyphosat basierend, als Unkrautvernichtungsmittel im Handel sind.

Quelle:

Wegen der erheblichen Resonanz der Studie forderte die Europäische Kommission von Deutschland – im Rahmen von dessen Zuständigkeit für die Risikobewertung von Glyphosat im europäischen Rahmen – eine Stellungnahme an. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung wies die meisten Aussagen der Studie zwar zurück, schrieb aber:

Der Robinson-Bericht ist ein anspruchsvolles Dokument, das eine Vielzahl von Fragen aufwirft, die sehr ernst genommen werden sollten. …

BfR-Mitteilung Nr. 035/2011 vom 07.07.2011

Mit Claire Robinson hatten wir ein Interview geführt (siehe FAKT vom 12.11.2013). Das BfR wies damals darauf hin, dass die EU-Kommission anlässlich der Neubewertung von Glyphosat eine grundlegende Diskussion der in dieser britischen Studie aufgeworfenen Fragen in die Wege leiten solle. Leider blieb eine solche umfassende Diskussion aus.

Im Sommer 2015 haben wir den zweiten Hauptautoren des Berichts „Roundup and Birth Defects“, den Molekulargenetiker Dr. Michael Antoniou, in seinem Labor am Londoner King´s College besucht. Für ihn steht eine teratogene Wirkung von Glyphosat wissenschaftlich völlig außer Frage – also das Vermögen der Substanz, Missbildungen von Neugeborenen hervorzurufen.

Michael Antoniou 1 min
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Teratogene Effekte wurden bei verschiedenen Tierarten gesehen, bei Untersuchungen im Labor an Fröschen, Hühnern, Hasen. Sie betrafen verschiedene Strukturen des Körpers: den Kopf, das Skelett, die Muskulatur und die Organe. Und was am meisten besorgt macht: der Typ der Geburtsdefekte – und das ist es, was teratogene Effekte hervorrufen: Missbildungen Neugeborener –, die Typik der Geburtsdefekte, die bei den Tieren gesehen wurde, sah man auch in der menschlichen Bevölkerung. Und zwar in Korrelation mit dem zunehmendem Einsatz von Roundup im Zusammenhang mit dem Anbau von genetisch verändertem, glyphosatresistentem Korn.

Dr. Michael Antoniou, King´s College London

Man kann wohl sagen, dass die derzeitige Lage – hinsichtlich der konkreten Verdachtsmomente bezüglich einer teratogenen Wirkung von Glyphosat (und Begleitstoffen) – jener Situation gleicht, wie sie bezüglich potentieller Krebsrisiken bestand, bevor sich die WHO-Krebsforschungsagentur IARC mit der Frage beschäftigte. Sehr viele Studien und Untersuchungsergebnisse an Universitäten und anderen Bereichen industrie-unabhängiger Wissenschaft deuten auf diese Wirkungsweise hin, aber die Zulassungsbehörden weltweit weisen sie nachdrücklich zurück.

So veröffentlichte das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) am 19.10.2010 eine (nur englischsprachige) Stellungnahme zur Studie von Prof. Carrasco [Link]. Man verwies darauf, dass die durchgeführten Versuche unter Bedingungen durchgeführt worden seien, die mit den in der Realität auftretenden Expositionen nichts zu tun hätten: So sei die Art der Verabreichung von Glyphosat (etwa durch direkte Injektion) weder mit den Anwendungsbedingungen in der Landwirtschaft vergleichbar, noch mit einer möglichen Belastung von Verbrauchern über Rückstände in Lebensmitteln. Und für teratogene Wirkungen am Menschen läge „keine epidemiologische Evidenz“ vor.

Hinsichtlich der in der Carrasco-Studie gemachten Hinweise auf Missbildungen bei menschlichen Neugeborenen in den Anbaugebieten Südamerikas hieß es in der BVL-Stellungnahme nur, es habe zu dieser Thematik in der Tat „einige Berichte in lokalen Zeitungen“ gegeben, die über das Internet weite Verbreitung gefunden hätten. Eine wissenschaftliche Bestätigung sei nicht ersichtlich. (S.5 der Stellungnahme)

Nicht erwähnt wird in der Stellungnahme, dass in Argentinien gerade in jenem Jahr 2010 der Bericht einer staatlichen Untersuchungskommission bekannt wurde, die in der nördlichen Provinz Chaco eingesetzt worden war. Die Kommission stellte unter Anwohnern stark besprühter Felder eine Vervierfachung von Missbildungen Neugeborener fest. Je weiter die Felder davon entfernt waren, umso mehr nahm der Effekt ab. Wir berichteten darüber in unserer ARTE-Dokumentation. (Außerdem stellte die Kommission eine Verdreifachung von Krebsfällen von Kindern unter 15 Jahren fest.)

Im August desselben Jahres fand an der Universität Córdoba (der zweitgrößten Stadt des Landes) eine Tagung von Medizinern und Wissenschaftlern aus ganz Argentinien statt, wo eingehend über erhöhte Krebsraten sowie erhöhte Missbildungsraten Neugeborener diskutiert wurde. Auch dies fand in der Stellungnahme des BVL keine Erwähnung.

Quelle:

Spanisch-sprachiges Original:

Diese relevanten Gegebenheiten in einer offiziellen Stellungnahme zu „einigen Berichten in lokalen Zeitungen“ herabzuwürdigen, ist bemerkenswert. Wir haben in diesem Zusammenhang sowohl das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) wie auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) angefragt, welche Autoren diese Stellungnahme verfassten. Eine Antwort auf diese Frage bekamen wir nicht. 

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2019, 21:33 Uhr