exakt | 02.05.2018 Grippe-Impfung: Aus Kostengründen gerieten Leben in Gefahr

Knapp 330.000 Menschen sind im vergangenen Winter an Grippe erkrankt, es gab über 1400 Tote. Ein Grund für besonders schwere Grippewelle: Der meist für gesetzlich Versicherte verwendete Dreifach-Impfstoff.

Es war eine der schwersten Grippewellen der vergangenen Jahre. Doch den bestmöglichen Schutz haben nur Privatpatienten erhalten. Diese bekamen in der Regel einen Impfstoff gegen die vier gängigen Grippevarianten. Patienten von gesetzlichen Krankenkassen hingegen haben meist nur einen Impfstoff gegen drei Varianten erhalten. Ausgerechnet die fehlende ist im vergangenen Winter allerdings für zwei Drittel aller Viruserkrankungen verantwortlich gewesen.

"Das regt mich schon auf. Da bin ich nicht einverstanden mit der Situation", sagt Allgemeinmediziner Klaus Lorenzen aus Langebrück in Sachsen. So ein Jahr wie dieses hätte er noch nicht gehabt. Er hatte mehrere Patienten, die wochenlang mit Grippe im Bett lagen. Obwohl sie geimpft worden waren – doch das, praktisch ohne Wirkung. Diesen gesetzlich Versicherten durfte er meist nur den günstigen, aber weniger wirksamen Impfstoff geben. "Zumal ich ja beweisen kann, dass der Dreifachimpfstoff nicht so wirksam ist wie der Vierfachimpfstoff."

Ein Problem: der Kostendruck

Frau liegt krank im Bett
Einige der Patienten von Arzt Lorenzen lagen wochenlang mit Grippe im Bett. Bildrechte: IMAGO

Grundlage dafür, dass die Kassen einen Impfstoff erstatten, ist die Empfehlung der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut. Eine Durchsicht der Sitzungsprotokolle zeigt: Schon im März 2017 gab es Berechnungen über 395.000 Fälle, die der Vierfach-Impfstoff verhindern könnte. Theoretisch wäre es zu diesem Zeitpunkt noch möglich, den Vierfach-Impfstoff zu empfehlen und womöglich Grippetote zu verhindern.

Jedoch kann die Ständige Impfkommission allein nichts entscheiden. Sie fragt zahlreiche Behörden und Verbände an. Und die bremsen die Entscheidung aus – teils über Monate. Es entstünden "hohe Kosten", der "zusätzliche Nutzen sei nicht quantifizierbar". Die Ständige Impfkommission selbst verweist hingegen  auf die Qualität dieses Verfahrens. Sie schreibt, das System sehe nun einmal "die Beteiligung der Fachkreise zwingend vor, um diesen Kommentare zu einer geplanten Empfehlung zu ermöglichen". Dabei reden auch die Vertreter der Krankenkassen über eines der Gremien mit.

Viele Menschenleben in Gefahr gebracht

Im Freistaat ist Dietmar Beier für Impfempfehlungen zuständig. Er kämpft seit Jahren für den Vierfach-Impfstoff. Das Zögern im Bund hat seiner Meinung nach das Leben vieler Menschen in Gefahr gebracht. "So kann man das nicht machen. Wenn ich den bestmöglichen medizinischen Schutz gewähren will, dann muss ich mich selbstverständlich an solche Daten halten, und nicht mit großer Verzögerung reagieren. Und darf nicht nur auf die Kosten schauen." Erst im Januar 2018 empfiehlt die Ständige Impfkommission offiziell den vierfachen Impfstoff. Im kommenden Jahr soll es also besser werden, allerdings ist die jüngste Grippesaison zu diesem Zeitpunkt schon fast vorbei.

Ist es ein Zwei-Klassen-Medizin-Problem?

Jedoch: Nicht nur die Bürokratie ist ein Problem, sondern auch Kostendruck und Sparzwang. Denn die Krankenkassen hatten langfristige Verträge für den Dreifach-Impfstoff abgeschlossen, um Geld zu sparen. Aus den Verträgen kamen sie nicht so einfach raus.

"Wir sehen da kein Zwei-Klassen-Medizin Problem", sagt ein Sprecher der AOK. "Die AOK-Versicherten, die gestern schon den Vierfach-Impfstoff haben wollten, ihn verlangt haben, und wo der Arzt gesagt, das ist medizinisch sinnvoll, die haben ihn auch bekommen." Da seien die Kosten auch erstattet worden.  

Aber "medizinisch sinnvoll" – das heißt: nur in Einzelfällen – etwa bei schweren Lungenerkrankungen. Bei normalen Patienten musste Mediziner Lorenzen dreifach impfen. "Ich ärgere mich schon darüber, dass die Kassen bewusst einen schlechteren Schutz meiner Patienten in Kauf nehmen. Rein aus finanziellen Gründen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 02. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 17:38 Uhr

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2 Kommentare

03.05.2018 07:44 Willi 2

Es ist unglaublich was sich ein so angeblich hoch entwickeltes Land wie Deutschland hier erlaubt hat. Die Gier der Krankenkassen hat dazu geführt, das viele an der Grippe gestorben sind. Über 100 Kassen in diesem Land hat nichts mit gesundem Wettbewerb zu tun, es ist schlicht weg ein Überlebenskampf aller. Alle haben Vorstände, die recht üppig bezahlt werden wollen und da bleibt eben bei dem Kostendruck nichts weiter übrig als zu sparen. Das dies letztlich durch den Tot vieler erreicht wird, ist ein riesiger Skandal. Wer wird jetzt eigentlich zur Verantwortung gezogen? Sicher verläuft alles wieder im Sande.

03.05.2018 00:10 Heide Voigt 1

Ich habe meine Gesundheit selbst in die Hand genommen.
Impfen (was ist denn das?) Für mich ein Fremdwort und mir geht es sehr gut. (Ohne irgendwelche Medikamente)
Lasst euch einmal aufklären, was in den Impfstoffen enthalten ist. Vor allem die Kinder, die sich nicht wehren können - die tun mir schrecklich leid!!!