exakt | 07.03.2018 Die Schattenseiten des Baubooms

Sanierungsbedürftige Schulen und Ausschreibungen, auf die sich niemand bewirbt. Diese Situation kennen viele Städte und Gemeinden. Sie finden kaum noch Firmen für ihre Bauvorhaben. Private Aufträge scheinen attraktiver. Doch auch dort sind Wartezeiten von mehreren Monaten inzwischen normal.

"Es muss jetzt langsam mal fertig werden", fasst Hannah Cölln die Hängepartie auf ihrer Baustelle zusammen. Eigentlich hätten sie und ihr Partner schon das vergangene Weihnachtsfest in ihrem neuen Haus feiern sollen. Stattdessen wohnen die beiden drei Monate später noch immer bei seinem Vater.

Kunden warten im Schnitt drei Monate

Wie dem jungen Pärchen geht es zurzeit vielen Häuslebauern. Wer einen Handwerker braucht, muss immer länger warten und tiefer in die Tasche greifen. Nach Jahren des Stillstands jubelt das Handwerk über einen Auftragsboom. Die Auftragsbücher sind voll, die Unternehmen sind auf Wochen ausgebucht. Wartezeiten von rund drei Monaten sind inzwischen normal. In den Ballungsgebieten müssen Kunden sogar noch länger auf Handwerksfirmen warten. Zugleich sind die Preise für Bau- und Sanierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Handwerker kämpfen nicht mehr um jeden Auftrag

Was für die Baunternehmen erfreulich ist, bringt viele Kommunen in Bedrängnis. Sie finden kaum noch Firmen für ihre Bauvorhaben. Diese arbeiten lieber für private Auftraggeber. Früher waren öffentlichen Ausschreibungen beliebt, heute bewerben sich nur wenige oder gar keine Unternehmen. Woran liegt das?

Momentan ist die Auftragslage so, dass man sich die Rosinenstückchen rauspicken kann. Ein öffentlicher Auftrag ist nicht unbedingt ein Rosinenstückchen.

Thomas Haus Elektrotechnikermeister

In der aktuellen Boomphase können sich die Handwerksfirmen ihre Kunden aussuchen. Vor allem die komplizierten Vergabeverfahren schrecken kleinere und mittlere Firmen ab. Thomas Haus, der einen Elektrobetrieb leitet, sagt, auch der "Papierkram" mache öffentliche Aufträge für Handwerker derzeit unattraktiv. "Das geht schon los bei einem 15.000, 20.000-Euro-Auftrag. Dass du 20 Formulare ausfüllen musst, mit Gott weiß welchen Sachen. Das ist einfach viel zu umständlich."

Bürokratie schreckt ab

Viele Handwerksbetriebe übernehmen lieber Aufträge aus der Privatwirtschaft, die unbürokratischer abgearbeitet werden können. Die Folge: Baumaßnahmen oder Sanierungen in Städten und Gemeinden verzögern sich und werden deutlich teurer.

Weiße mit Graffiti besprühte Container, in der Grundschüler untergebracht sind.
Zu viele Schüler, zu wenig Raum. In diesen Containern sind die Grundschüler übergangsweise untergebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass es an Handwerkern mangelt, spürt auch die Stadt Leipzig. Die Stadt wächst, die Geburtenzahlen steigen, viele junge Familien kommen nach Leipzig. Doch mehr junge Bewohner brauchen auch mehr Plätze in Kitas und Schulen. Deshalb soll auch die Kurt-Masur-Grundschule erweitert werden. Für das neue Schulgebäude wird gerade ein alter Plattenbau saniert. Eigentlich sollte der Bau zum nächsten Schuljahr fertig sein, doch der Termin ist nicht mehr zu halten. Die Stadt hatte größte Schwierigkeiten, Handwerksfirmen für den Auftrag zu finden.

Wir mussten dreimal eine Ausschreibung durchführen, die letztendlich zu einer Kostensteigerung von 130.000 Euro geführt hat. Was noch verheerender ist, dass wir dadurch drei Monate im Bauverzug sind.

Uwe Naumann Amt für Gebäudemanagement, Stadt Leipzig

Der Städte- und Gemeindebund warnt vor einem immensen Investitionsstaus in den Kommunen und fordert, das Vergaberecht in der aktuellen Boomphase zeitweise zu vereinfachen. Doch die zuständigen Ministerien aus Bund und Ländern erklären auf Anfrage, sie hielten das nicht für nötig. Das Vergaberecht sei bereits "modern, transparent und einfach". Abhilfe ist also nicht in Sicht. Wichtige kommunale Bauprojekte wie die Renovierung oder der Neubau von Schulen, Kitas oder Turnhallen werden sich weiter verzögern und verteuern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 07. März 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 19:55 Uhr

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7 Kommentare

07.03.2018 22:09 Handwerker 7

Setzt endlich das Treuhandkonto durch. Wer baut egal ob privat oder öffentlich muss das Geld auf einem Konto fest schreiben wo es am Ende auch abgerufen werden kann. Dann kannst du auch als kleines Unternehmen dich bewerben weil du weist das das Geld da ist. Wenn nicht kannst du es nicht machen weil du eher Pleite bist bis du alles bekommen hast ...

07.03.2018 21:01 Klara Morgenrot 6

Schuld hat der deutsche Amtsschimmel selber...

07.03.2018 20:51 R Scholz 5

Warum werden schon wieder die Handwerker als Buh - Männer hingestellt? Das ist eine vollkommen falsche Darstellung. Das es keine Angebote für Ausschreibungen gibt und das viele Kunden lange warten müssen, liegt doch zum Großteil auch am Fachkräftemangel. Mindestens genauso aber auch wie im Bericht erwähnt am Papierkrieg. Es ist unglaublich, was man sich in den Behörden für Formulare erfindet, die eigentlich keiner mehr ausfüllen kann und will.
Hier wie dort muss die Regierung dringend gegenarbeiten und nicht sagen, es bestünde kein Handlungsbedarf. Das ist weltfremd und arrogant.
Bleibt zum Schluss noch die Frage, warum der MDR Handwerker in Niedersachsen und dem Rhein-Main-Gebiet als Beispiel heranziehen muss.

07.03.2018 20:14 Dachdecker 4

Und es wird sicherlich die nächsten Jahre nicht besser. Es kommt doch kein Nachwuchs mehr. Nach 10 Jahren wird bei uns endlich mal wieder ein Lehrling ausgebildet. Und das ist zum Glück ein vernünftiger. Man findet keine guten Dachdecker/Handwerker mehr auf dem freien Markt.. Für mich ist das natürlich auch ein Vorteil.. jetzt kann ich mir die Rosinen rauspicken, nicht so wie vor 10-15 Jahren...

07.03.2018 19:34 Franz Richter 3

Viele Firmen sind an öffentlichen Aufträgen den Bach runter gegangen. Da kommt noch die Zahlungsmoral und die Bürokratie mit dabei.
Schizophrenes Deutschland.2018.

07.03.2018 19:28 OHNEWORTE 2

Beliebte Auftraege ...... bis zu einem halben Jahr und mehr auf Geld warten... Buerokratie ohne Ende ... Ausspielerei mit regionalen Anbietern,die in den Amtsstuben ein und ausgehen.
Preise werden gedrueckt ,dass man lieber auf die freien Auftraege zurueckgreift.
Der kluge Handwerker schont seine Nerven und strapaziert nicht sein Bankkonto.

07.03.2018 19:23 Eiche 1

Jedes Mal, wenn ich in einer sächsischen Kleinstadt einen Handwerker brauche, dauert es eine halbe Ewigkeit. Egal, ob Dachdecker oder Klemptner. Die haben oft keine Zeit, weil sie fast nur noch auf Großbaustellen "auf Montage" unterwegs sind.

Manche haben sogar schon Aufträge abgelehnt, weil ihnen Privatleute zu wenig Profit bringen. Schlimme Verhältnisse.