exakt | 02.05.2018 Teure Pflege - Wer soll das zahlen?

Zusätzliches Personal für Pflegeheime ist teuer. Weil die Pflegekassen nicht mehr Geld dazugeben, müssen die Angehörigen zahlen. Die Politik hat zwar Hilfe angekündigt, doch aktuell passiert nichts.

Jeden Tag besucht Kurt Noak seine demente Frau Eva-Maria im Pflegeheim der Diakonie Leipzig. Die beiden sind fast 60 Jahre verheiratet, ein eingespieltes Team. Nun aber muss Kurt Noak alles alleine regeln. Auch die steigenden Kosten.

Anfang des Jahres kam die Ankündigung, dass die Heimkosten für seine Frau um etwa 200 Euro im Monat steigen sollen. Für die Noaks bedeutet das finanzielle Einschränkungen. „Die Rente reicht nicht für das, was hier von Nöten ist. Und wir werden also aus den Beständen schöpfen müssen“, sagt der 81-Jährige.

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Katharina Sachse, Heimleiterin Diakonie Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Katharina Sachse, die Heimleiterin des Hauses, in dem Eva-Maria Noak lebt, machte sich die Preiserhöhung für die Bewohner nicht leicht, aber sie braucht unbedingt mehr Personal. Ihre Kollegen sind überlastet und deshalb müssen die 94 Bewohner mehr zahlen. "Wir haben regelmäßige Tarifanpassungen, sodass die Kräfte schon verhältnismäßig gut bezahlt werden", sagt sie. Man müsse aber natürlich auch  die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte sehen, fügt Sachse hinzu, aber die könnten nur durch mehr Personal verbessert werden.

Es bleibt ein Restbetrag

Eigentlich wollte Katharina Sachse vier neue Mitarbeiter einstellen, das hätte 460 Euro Mehrkosten pro Bewohner bedeutet. Das war aber in den Pflegesatzverhandlungen nicht durchsetzbar. Also sind es nur  200 Euro. Immerhin. Die Heimchefin gewährt uns Einsicht in ihre Kostenberechnungen. Für Personalkosten, Strom und Wasser, Investitionskosten (Renovierung) oder Fremdleistungen wie die Wäscherei müsste jeder Bewohner 3076 Euro zahlen. Die Pflegekasse gibt aber nur 1482 Euro dazu. Den Restbetrag von 1594 Euro muss das Heim also von den Bewohnern und ihren Angehörigen einfordern.

Die Heimleiterin Katharina Sachse  aber weiß, dass sich die erhöhten Kostenbeiträge viele Leute nicht leisten können. Deshalb hofft sie auf die Politik. Denn die Entlastung der Bewohner steht tatsächlich im Koalitionsvertrag. Dort heißt es, dass 8000 zusätzliche Pflege-Stellen von den Krankenkassen gezahlt werden sollen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt schon auf dem Tisch.

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Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem: Der eigentliche Personalbedarf ist viel höher. „Ich gehe von einem Fehlbedarf von etwa  20.000 bis 25.000 Stellen in der Altenpflege aus“, sagt Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Diese zusätzlichen Stellen und die Zahlung nach Tarif sollen künftig über die Pflegeversicherung, die Krankenversicherung oder einen Steuerzuschuss finanziert werden.

Familie Noak aber muss die zwei zusätzlichen Mitarbeiter, die jetzt im Heim eingestellt wurden, vorerst selbst finanzieren. Den Antrag auf Sozialhilfe hat der frühere Wirtschaftswissenschaftler bisher nicht gestellt. Denn die Noaks haben noch zu viel Erspartes.

Der neue Heim-Vertrag für Eva-Maria Noak gilt jetzt für 12 Monate (in Jahr) und dann wird wieder gerechnet. Aber an das nächste Jahr will der 81-Jährige noch nicht denken.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 02. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2018, 14:18 Uhr

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2 Kommentare

03.05.2018 01:37 IchausNiedersachsen56 2

Ich wollte mal Danke! sagen an den MDR/Redaktion und an ein gutes Investigativ-Magazin "exakt". Schade, dass es nicht auch in der ARD ausgestrahlt wird___ Mit Gruß, Marina aus Niedersachsen.___ Zum Thema... so bekommt man Angst vor dem "Altwerden". Auch Kinder können in die Pflicht genommen werden? Entweder übernehmen sie häusliche Pflege und fallen teilweise selbst in HartzIV, geben sie ihre Eltern in die Hände fremder Pflege (weil sie sich selbst im Aufbau einer Familie/Hausbau/Rente befinden, oder in der Ferne ihren Lebensunterhalt verdienen) werden auch sie ab einer gesetzlich bestimmten Einkommensgrenze geschröpft. Auch Herr Noak wird finanziell geschröpft. Bleibt für seinen Lebensabend noch etwas "Erspartes übrig"? Mich macht das unendlich traurig. "Viele Jahre Arbeit für nichts".

03.05.2018 17:29 U. Glienke-Haberkorn 1

Das ist ershreckend und macht Angst vor der Zukunft. Ich pflege meinen Mann seit 11 Jahren -Pflegegrad 5- und wir könnten das nie im Leben bezahlen. Was ich aber auch erstaunlich finde sind die Wasser- und Stromkosten von über 400 € pro Bewohner? Das ist ja unglaublich!