FAKT | 28.08.2018 Wie Pferdestuten für die Schweinezucht misshandelt werden

Es ist ein brutales Geschäft: Auf Pferdefarmen in Südamerika werden Stuten nur für einen Zweck gehalten: Um ihnen Blut abzunehmen. Denn im Blut trächtiger Pferde ist das Hormon PMSG – hierzulande ein begehrtes Mittel für die Schweinezucht. Seit Jahren werden die Missstände angeprangert. Doch geändert hat sich so gut wie nichts.

In Südamerika werden wild lebende Pferde in Pferche geprügelt, große Mengen Blut werden ihnen abgezapft, bis zu zehn Liter pro Woche, um wenige Gramm des Hormons PMSG zu gewinnen. Unter anderem für den Zweck, damit in Deutschland mehr Schweinefleisch produziert werden kann. Neue brisante Aufnahmen aus Pferdefarmen in Argentinien und Uruguay dokumentieren, wie dort Angestellte weiter Tausende Stuten misshandeln. Bereits mehrfach hat das ARD-Magazin FAKT über die Zustände auf solchen "Blutfarmen" berichtet.

Systematische Quälerei

Das aktuelle Videomaterial hat York Ditfurth vom Verein "Animal Welfare Foundation" unter hohem Risiko drehen lassen. Nach der Veröffentlichung der ersten Bilder 2015 hatten die südamerikanischen "Blutfarmen" verschiedene Versprechen gemacht, die Zustände zu verbessern. So sollten Arbeiter ausgetauscht und ein tierfreundlichere Umgang mit den Pferden vorgeschrieben werden.

Mann misshandelt Pferd mit einem Stab
Aufnahmen der Animal Welfare Foundation Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die jetzigen Aufnahmen aber zeigen noch katastrophalere Missstände. Sie belegen, dass sich das Elend der Stuten in Südamerika nicht verbessert hat. Tierschützer York Ditfurt ist erschrocken über das Ausmaß. So detailliert seien die Tierquälereien noch nie zu sehen gewesen.

Der Zustand ist für die Pferde brutaler geworden. Die Quälereien sind genauso systematisch wie damals, aber viel härter ... Der Arbeiter sticht mit einem Bambusstab in die Genitalien, um einen Schmerzimpuls zu setzen, damit die Stute nach vorne geht, damit ihr Blut abgenommen werden kann. Das ist brachiale Gewalt.

York Ditfurth, Animal Welfare Foundation

Der Nutzen für die Schweinezucht

PMSG ist ein Millionengeschäft. Das Hormon kommt im Blutserum trächtiger Stuten vor und wird auch in Deutschland in der Tierzucht eingesetzt. Etwa damit Muttersauen gleichzeitig und zudem schneller brünstig werden. Das macht die Zucht effektiver und wirtschaftlicher.

Für den Direktor der Veterinärmedizin an der Universität Gießen, Axel Wehrend, ist die Misshandlung der Pferde auf den südamerikanischen "Blutfarmen" ein klarer Verstoß gegen den Tierschutz. "Den Tieren werden absichtlich Schmerzen zugefügt in einer Art und Weise, die hochgradig grob ist. Sie werden in die Genitalien gestochen. Die Tiere werden mit einem Eisenhaken getrieben und dafür kann es keine Begründung geben", sagt er. Dieser Umgang mit dem Tier sei - egal, wo auf der Welt man sich befinde - Tierquälerei.

Zustände nicht wesentlich gebessert

Die aus dieser primitiven Quälerei hergestellten medizinischen Präparate werden auch in Deutschland vertrieben. Zwar sind Blutentnahmen bei Pferden nach bestimmten Regeln auch in Deutschland erlaubt, aber nicht unter solchen Zuständen, wie sie in Südamerika stattfinden. Die Aufnahmen der Tierschützer, die FAKT exklusiv vorliegen, bestätigen zudem einen weiteren Vorwurf der Tierschützer: die Unterbrechungen der Trächtigkeit der Stuten. York Ditfurth geht von jährlich 20.000 Abtreibungen aus, bei etwa Zehntausend Stuten. Und das in einer Phase, in der Veterinär Axel Wehrend zufolge ein schonender Abbruch nicht mehr möglich ist. Die Föten werden aus Sicht von York Ditfurth "dem Profit geopfert".

Ines Advena vom Verein der Tierärzte für eine verantwortbare Landwirtschaft meint, als verantwortungsvoller Veterinär könne man solche Präparate nicht mehr einsetzen. Konventionelle Vertreter ihres Berufsstandes müssten sich die Frage stellen, inwieweit sie Komplizen solcher Verhältnisse seien. "Hier müssen Tierärzte Haltung zeigen und sagen: Nein, diese Präparate können wir nicht mehr einsetzen", sagt sie.

Wenig Kontrolle und fehlende Regelungen

Auch dem Bundeslandwirtschaftministerium sind die Tierquälereien seit Jahren bekannt. Es teilt mit, sowohl mit Uruguay als auch Argentinien habe man auf höchster Ebene über die Produktionsbedingungen und die tierschutzwidrige Gewinnung von PMSG gesprochen. Beide Staaten hätten bessere Kontrollen angekündigt. Die neuen Aufnahmen belegen allerdings, den Pferden hat das alles nicht geholfen.

Misshandelte Pferde
Aufnahmen der Animal Welfare Foundation Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ende 2017 haben sich die Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft mit den Pharmafirmen getroffen, die in Deutschland PMSG vertreiben, berichtet Ines Advena. "Wir haben die Firmen aufgefordert einen Kodex zu erstellen, in dem sie Tierschutzstandards festlegen. Ganz wichtig ist die Praxis der Aborteinleitung, die hoch unethisch ist." Die Tierärzte forderten, "dass die Abtreibung zu unterbleiben hat" und sich die Firmen "verpflichten, von Farmen, die diese Praxis fortsetzen kein Blut mehr zu beziehen." Darauf eingegangen seien die Firmen nicht, beklagt Ines Advena. Die Pharmavertretern hätten sich sogar nie wieder gemeldet.

Größte PMSG-Vertreiber: IDT-Biologika aus Dessau

Die IDT-Biologika aus Dessau ist eines dieser Pharmafirmen, das mit PMSG Geschäfte macht. York Ditfurth wirft der Firma vor, dass das Unternehmen im Zusammenhang mit den qualvollen Aufnahmen aus der argentinischen "Blutfarm" der Firma Sintex steht. "Der Abtreibungsferch, diese Prügeleien, das brutale Setzen der Kanüle, das ist die Firma Sintex in Argentinien und die beliefert die deutsche Firma IDT", sagt er.

Auf Anfrage des ARD-Magazins FAKT kündigte das Unternehmen IDT an, den Wirkstoff PMSG zukünftig nur noch aus europäischer Pferdehaltung zu beziehen. Damit will der größte Vertreiber des Wirkstoffs in Deutschland offenbar nicht mehr in Südamerika einkaufen. Ein Erfolg, doch die Tierquälerei ist damit noch immer nicht beendet. Es gibt eine weitere Firma, die in Deutschland nach wie vor PMSG-Produkte aus den "Blutfarmen" vertreibt.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 28. August 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2018, 22:56 Uhr

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20 Kommentare

30.08.2018 21:49 Milla Widmer 20

Vielen Dank, liebe MDR-Redaktion, dass ihr über solche Themen berichtet! Es ist wichtig, dass die Menschen sich bewusst werden, welches Leid hinter den Fleisch- und Milchprodukten, die sie konsumieren, steckt. So fassen sie vielleicht irgendwann den Entschluss, darauf zu verzichten. Man kann sich richtig toll und gesund rein pflanzlich ernähren! :)

30.08.2018 15:08 Wolfgang Weuster 19

Die Perversität des Systems der industriellen Landwirtschaft wurde schon unzählige Male dokumentiert und mit grauenhaften Bildern der gequälten, leidenden Mitgeschöpfe dargestellt. Das Ergebnis war immer ein "weiter so", Konsequenzen wurden nicht gezogen. Für mich bleibt daher nur der Schluss: Nichts ist ekelerregender, widerwärtiger und perverser als der Mensch.

30.08.2018 14:30 Martina Meinhardt 18

Muss umgehend beendet werden, dass man überhaupt auf so etwas kommt zu tun - unglaublich!
Ich plädiere sowieso auf viel schärfere Gesetze zum Schutz der Tiere weltweit!

30.08.2018 10:12 Felicitas Scholtyssek-Engel 17

Ich wäre dafür daß man das PMSG verbietet. Damit wären alle geholfen. Wir brauchen nicht mehr Schweinefleisch die mit Hormonen und etc behandelt sind. Schrecklich!!!

29.08.2018 23:42 Andreas Holz 16

Der Bericht macht mich fassungslos. Ich habe schon nach dem ersten Bericht in 2017 befürchtet das sich nichts ändern wird. Leider habe ich recht behalten. Alle Petitionen, alle Anstrengungen haben bisher nichts gebracht. Hier muss noch mehr Druck gemacht werden, das Thema muss in die Hauptnachrichten. Die Firmen, die Verantwortlichen müssen mit Namen genannt werden. Gerne würde ich hier mehr unternehmen und würde mich über Informationen freuen wie ich das machen kann.

29.08.2018 20:35 Lam Marion 15

Es ist eine reine Tierquälerei das darf es nicht geben .Das alles müsste geschlossen
werden,alles nur aus Gier am Geld.

29.08.2018 17:51 A. Heppner 14

Grausam was der Mensch mit Tieren macht.
Eine gesetzlich geregelte Videoüberwachung in den Tierställen mit dementsprechenden hohen Geldstrafen oder Schließung solcher Gebäude/Firmen würde sicher eine schnelle Abhilfe der Tiermisshandlungen erwirken. Die Geldmacherei boomt, die Tierquälerei auch. Die Verbraucher können helfen z.B.: weniger oder gar kein Fleischkonsum, Tierschützerorganisationen durch Spenden unterstützen, es Freunden und Bekannten weiter erzählen. Nur durch die Masse geschehen Veränderungen. Handeln ist das Zauberwort, gilt für Politiker so wie auch für uns. Danke für die Menschen, die sich für Tierschutz einsetzen.

29.08.2018 17:49 malu 13

warum bitte wird die Zweite Firma die dort einkauft nicht genannt ?
An der genannten Firma sollte man dran bleiben und zusätzlich sollte der bpt Stellung beziehen und zwar klare Stellung - es kann nicht sein das der größte TÄ Verband diese Praktiken schützt und verteidigt, vielleicht wäre es angebracht auch den werten Dr. Palzer als Verantwortlichen für Schweinezucht hier in die Pflicht zu nehmen und da ganze öffentlich zu machen wie er dazu steht -nur Öffentlichkeit schafft den nötigen Druck

29.08.2018 17:21 Tomanek 12

Fakt Magazin von Gesten 28.08.2018 Unglaublich die Pferde in Dessau!!! Das muß Verboten .Das ist keine MENSCHEN. Schweine Fleisch ist von hohte TABU. Die Arbeit lohte muß kriegen dieBambusstaub inAften. Skandal was in Deutschland passiert.

29.08.2018 16:31 Tanja F. 11

Wenn man diese verdeckten Aufnahmen sieht und sich wundert, dass unsere Politiker nichts tun, dann versteht man es erst, wenn man weiß, dass zB. die FDP sehr intensiv daran arbeitet, solche verdeckten Ermittlungen von Tierschutzorganisationen verbieten zu lassen, man möchte gar diesen Vereinen die Gemeinnützigkeit absprechen, um sie zusätzlich zu schwächen, damit hier in Deutschland solche oder ähnliche Missstände in Schweine-, Kuh- oder Geflügelställen oder auch in Schlachthäusern weiterhin vertuscht werden, weil viele Politgrössen solche Ställe besitzen...denn hier läuft es genauso ab, nur hinter dicken Mauern, und das sollte endlich mal den Leuten klar werden, wenn sie meinen, ohne Fleisch und Milchprodukte nicht leben können und denken, die Tiere werden groß oder gar tot „gestreichelt“....

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