Schweinezucht. Frischlinge und das Mutterschwein.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tierzucht Erzeuger und Handel reagieren zögerlich auf PMSG-Skandal

Es waren Schweizer und deutsche Tierschützer, die mehrmals die grausame Tierquälerei in Südamerika dokumentiert haben. Trächtigen Stuten wird Blut abgezapft, um ein kostbares Hormon zu gewinnen, das in Europa in der Schweinefleisch-Produktion eingesetzt wird. Die Berichterstattung von FAKT über das "blutige" Geschäft hat viele Zuschauer schockiert. In der Schweiz geht man bereits einen anderen Weg.

Schweinezucht. Frischlinge und das Mutterschwein.
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Erzeuger und Einzelhandel in Deutschland reagieren nur zögerlich auf schockierende Berichte und Bilder über die Produktion des in der Tierzucht eingesetzten Medikaments PMSG. Der im Mai von Erzeugern gegründete Bundesverband Rind und Schwein e.V. wollte sich auf Anfrage des ARD-Magazins FAKT nicht zu dem Thema äußern. Mehrere ebenfalls zu dem Thema angefragte Einzelhandelsketten verwiesen auf die Kontrollorganisation Qualität und Sicherheit (QS). Diese erklärte, man strebe eine einheitliche europäische Lösung zum Einsatz von PMSG-Medikamenten an. Alleingänge einzelner Beteiligter seien nicht zielführend.

Misshandelte Stuten in Südamerika
Das Hormonpräparat PMSG wird aus dem Blut tragender Stuten gewonnen. Bildrechte: Animal Welfare Foundation/MDR/ARD

Mit diesen Medikamenten können Züchter dafür sorgen, dass Schweine gleichzeitig trächtig werden. Eine Nebenwirkung ist, dass sie mehr Ferkel produzieren. Grundstoff für die Medikamente ist das Hormon PMSG. Für dessen Herstellung wird das Blut trächtiger Pferde verwendet. FAKT berichtete mehrfach darüber, dass in Südamerika trächtigen Stuten auf qualvolle Weise große Mengen Blut für diesen Zweck abgezapft werden. Tierschützer der Organisation Animal Welfare Foundation hatten schon im Jahr 2015 darauf aufmerksam gemacht.

Berichte über den Skandal hatten damals im Nachbarland Schweiz für drastische Reaktionen gesorgt. Der Präsident des Schweizer Schweinezüchter-Verbandes, Meinrad Pfister, sagte FAKT, man habe damals gemeinsam mit den Tierärzten die Unternehmen dazu aufgerufen, auf dieses Medikament zu verzichten.

Schweizer Tierärzte: Drastischer Rückgang bei Nachfrage

Dass diese Empfehlung wirksam war, bestätigten Schweizer Tierärzte. So sagte der Veterinärmediziner Felix Goldinger im Gespräch mit FAKT, dass die Nachfrage von Tierhaltern nach PMSG-Medikamenten im Jahr 2016 in seiner Praxis um 80 Prozent zurückgegangen sei. Auch der Schweizer Einzelhandel reagierte: Der Konzern Coop verbot ab 1. Januar 2016 für sein Tierwohl-Label den Einsatz von PMSG. Seither seien mindestens zwei Drittel der angebotenen Fleischwaren garantiert PMSG-frei, sagte ein Sprecher. Auch der zweite große Schweizer Einzelhandelskonzern handelte ähnlich.

In Deutschland setzt die Branche hingegen weiterhin auf das umstrittene Medikament. Der Verband der Tierärzte teilte auf FAKT-Anfrage mit, es gebe keinen Rückgang beim Einsatz von PMSG. Der Verband hatte schon im April 2016 die in Südamerika angewandten Methoden zur Gewinnung von Pferdeblut für PMSG als nicht tolerierbar kritisiert.

Der Züchterverband Rind und Schwein erklärte auf Anfrage, er sei zu diesem Thema nicht der richtige Ansprechpartner. Zudem widersprach der Verband der Feststellung, dass der Einsatz des Medikaments praktisch zu einem Ferkel-Überschuss bei Schweinen führt - mit der häufigen Folge, dass schwache und "überschüssige" Jungtiere getötet werden. Die Tierschutz-Organisation Animal Welfare Foundation hatte darauf hingewiesen, dass eine der Wirkungen von PMSG größere Würfe von Sauen sind. Ein Umstand, den auch das Bundesagrarministerium bestätigt. Sabrina Gurtner von der Animal Welfare Foundation sagte dazu, diese Nebenwirkung des Medikaments sei bekannt und werde von Herstellern auch so angegeben. Deshalb sei die Aussage des Züchterverbandes nicht korrekt.

Auch die Hersteller des Medikaments in der Schweiz und in Deutschland reagierten höchst unterschiedlich auf den Skandal. Der einzige Schweizer Hersteller von PMSG-Medikamenten, die Firma MSD, erklärte auf Anfrage, seit Anfang 2017 werde man nicht mehr aus Südamerika beliefert. PMSG komme seitdem ausschließlich aus dem europäischen Raum - ohne Tierquälerei.

Deutscher Anbieter schweigt

Einziger deutscher Anbieter dieser Medikamente ist die Firma IDT Biologika in Dessau. Sie erklärte auf Anfrage von FAKT, ihre Lieferanten von PMSG seien Geschäftsgeheimnis.

Identisch indes die Reaktionen auf politischer Ebene: Sowohl das Schweizer als auch das deutsche Agrarministerium seien trotz der Tierquälerei in Südamerika untätig geblieben, kritisieren Tierschützer.

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2017, 10:47 Uhr

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6 Kommentare

28.07.2017 10:53 Edith 6

Meinte natürlich Stuten

28.07.2017 10:49 Edith 5

Seit der letzten Sendung am 4.07.2017 geht mir die Reportage nicht mehr aus dem Kopf. Bis sich ein großer Teil der Verbraucher ändert vergehen Monate wenn nicht Jahre. Wieviel Stufen Bus dahin so grausam und qualvoll sterben müssen, kann man nicht mehr verantworten. Es muss jetzt was passieren. Solche berichte gehören in die 2o.00 Uhr Nachrichten, damit die Politik, Pharmaindustrie, Tierärzte und Landwirte immer mehr unter Druck geraten und Verbraucher umdenken. Es nützt nichts wenn wenige Petitionen unterschreiben,man muss endlich auf die Straße. Liebes Fakt Team bitte bleibt am Ball und gebt nicht auf. Wo erfährt man wenn es eine Demo gegen PMSG gibt?

27.07.2017 20:50 Simone Ebel-Schumacher 4

Die Verantwortung tragen die Verbraucher. Daran kommen wir nicht vorbei. Was sind das für Menschen, die Tiere so grausam und herzlos quälen? Was sind das für Menschen, die täglich so viel Fleisch essen und wegwerfen wollen? Das sind doch echte Luxusprobleme einer Welt, die mehr und mehr die Achtung vor dem Leben verliert. Die Schuld immer auf die Anderen zu schieben, als da sind die Bauern, Minister, Pharmaindustrie, Lobbyisten usw. ist meines Erachtens zu einfach. Wir haben die Wahl, wir müssen nicht mitmachen. Wir, die Verbraucher, sind mündig und entscheidendend! Wenn wir uns erinnern, wie klein die Bio-Branche noch vor zwanzig Jahren war. Die Verbraucher haben sie gewollt und gefördert. Entschieden! Wir alle können das Elend verringern.

26.07.2017 21:01 Andreas Holz 3

Mich haben schon die früheren Berichte fassungslos gemacht. Was mich nicht wundert, ist die Reaktion der zuständigen Institutionen in Deutschland: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Hauptsache, der Rubel rollt und der Lobbyismus hat ganze Arbeit geleistet. Wer hierzu eine Idee hat wie man dieses Thema weiter und besser publik macht, kann mich gerne informieren. Diese unglaubliche Tiequälerei muss in die Hauptnachrichten. Es muss Druck auf die Politiker gemacht werden, bald ist Bundestagswahl.

26.07.2017 11:50 Wolfgang Weuster 2

Es verwundert nicht, dass der politische Erfüllungsgehilfe der Agrarindustrie (Schmidt) untätig bleibt und nichts gegen diesen Skandal unternimmt. Ebenso wenig ist von den führenden Konzernen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels moralisches, ethisches, am Tierwohl ausgerichtetes Handeln zu erwarten. Diese Begriffe spielen bei den Handelsunternehmen keine Rolle. Von den Tierärzten, die sich in völliger Abhängigkeit von der Agrarindustrie befinden, ist ein aktiver Widerstand gegen die Tierquälerischen Praktiken der Blutfarmen nicht zu erwarten. Tierärztliche Ethik ist ein Fremdwort. Dies alles trifft auf den Pharmabereich natürlich ebenso zu. Da sie sich der Diskussion entziehen mag, diesen erbärmlichen Figuren ihr schändliches Tun bewusst sein, Profit ist ihnen aber wichtiger. Was bleibt übrig? Weiter am Thema bleiben, Druck auf die Politik ausüben und für uns alle: möglichst auf Fleischkonsum verzichten oder zumindest ihn deutlich zu reduzieren.

26.07.2017 00:21 kerstin heinel 1

ich habe mir gerade ihren Bericht über das Pferdehormon bzw. die Quellen dafür angesehen. es ist grauenvoll, wie die armen Stuten dafür leiden müssen, am Schluss werden ihnen noch die Fohlen abgetrieben. Von den unglaublichen Prügel etc. mag ich gar nicht weiter sprechen. Es ist immer wieder das verdammte Geld dass unschuldige Tiere auf das brutalste misshandelt werden lässt. Das Minister Christian Schmidt diesbezüglich etwas tun wird, kann man getrost vergessen. In einer 'Bild der Frau' vom letzten Jahr versprach er sich um das Schreddern männlicher Küken zu kümmern. Meines Wissens Ergebnis: null. Es kann doch nicht sein dass wehrlose Stuten nebst ungeborenen Fohlen ihr Blut gestohlen wird, um unsere Schweinefleischproduktion , die sowieso schon zu viel produziert, noch mehr zu pushen. Aber wenn die Großen die Augen verschließen(Geld?) wird nie etwas passieren. Mir kommen bei solchen Misshandlungen, egal ob Pferd, Schwein etc. die Tränen...Es muss doch endlich etwas passieren...

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