exakt | 23.05.2018 Jugendweihe im Westen

Die Tradition der Jugendweihe wurde im 19. Jahrhundert von der Freidenkerbewegung als Gegenstück zu den christlichen Riten wie Firmung oder Konfirmation begründet. Ihre Blüte erlebte das Fest in der DDR. Damals gehörte die Jugendweihe quasi zum "guten Ton" – wer nicht daran teilnahm, musste mit Benachteiligungen rechnen. In den neuen Ländern wird sie heute nach wie vor von vielen gefeiert, im Westen aber hat sie immer noch Exoten-Status.

Es sind Familien, die aus dem Osten "zugezogen" sind, die im Westen die Osttradition der Jugendweihe hochhalten. So wie die 13-jährige Alina aus Fahrenzhausen bei München. Sie ist in ihrer Heimat eine Ausnahme. Sie feiert einen für Bayern ungewöhnlichen Tag: Jugendweihe.

Viele Bayern denken beim Stichwort "Jugendweihe" eher an Pflichtveranstaltungen zu DDR-Zeiten: Die Jugendlichen sprechen ein Gelöbnis und bekennen sich zum Sozialismus und bekommen eine Urkunde, Junge Pioniere überreichten Blumen und zum Schluss wird noch das Buch "Vom Sinn unseres Lebens" überreicht. Alina, in Bayern geboren und im vereinigten Deutschland aufgewachsen, weiß gar nicht mehr, was Pioniere sind. Alinas Mutter Antje ist in der DDR groß geworden und hatte in Leipzig selbst Jugendweihe.

Vor 20 Jahren zog Antje Schmid-Hanusch für die Arbeit in den Westen, lernte hier ihren Mann kennen, einen Schwaben. Sozialismusidee und DDR-Nostalgie, das spielt für Familie Schmid überhaupt keine Rolle. Für sie ist wichtig, Lebensabschnitte ihrer Kinder zu feiern.

Hier ist es so, was wir im Bekanntenkreis kennen, wer sagt, ich will keine Taufe und so etwas nicht mehr, die machen dann gar nichts. Und das finde ich schade, weil dann auch etwas fehlt, für die Kinder, für die Jugendlichen.

Antje Schmid-Hanusch

In Bayern ist Alina aber noch ein Sonderfall: Knapp 80 Jugendliche feiern in diesem Jahr beim größten Anbieter "Verein Jugendweihe Deutschland". Ganz anders in der alten Heimat ihrer Mutter: In Sachsen waren es 12.500, in Sachsen-Anhalt und Thüringen jeweils etwa 7.000.

Jugendweihe keine DDR-Erfindung

Allerdings ist die Jugendweihe keine Erfindung der DDR, sondern etwa 100 Jahre älter. Damals feierten sie vor allem Kinder von Arbeitern als Übergangsritual zum Erwachsenwerden, bis sie im Dritten Reich verboten wurde. Erst ab 1953 gab es Jugendweihen in der DDR als staatlich verordnete Massenveranstaltungen.

Genau wie im Osten geht es heute bei den Jugendweihen in Bayern wieder schlicht ums Erwachsenwerden, um die persönliche Entwicklung.

Interesse in Bayern wächst

Jugendweihe-Buch und Bluemenstrauß
Bildrechte: dpa

Vor fünf Jahren begann die Jugendweihe in Bayern bei diesem Anbieter mit gerade mal 16 Teilnehmern. Heute sind es schon fünfmal so viele. Wenig im Vergleich zu den Tausenden im Osten, aber das Interesse in Bayern wächst. Im Bürgerhaus in Eching bei München wird heute gleich zwei Mal hintereinander Jugendweihe gefeiert. Die 500 Sitzplätze würden sonst nicht für alle Gäste reichen.

Bücher, Blumen und eine Urkunde - genau so sieht es auch in Leipzig, Erfurt oder Magdeburg aus. Manchen Bayern wundert zwar, dass es gar keine "Weihehandlung" gibt. Den Familien aber fehlt nichts. Antje, die Mutter von Alina findet: "Eine schöne, jugendgerechte Feier und die Dankesrede für die Mama war dann durchaus ergreifend."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 23. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2018, 18:52 Uhr

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2 Kommentare

25.05.2018 13:46 Hartmann 2

Jetzt durften wir uns setzen. Ich neben Simone, hinter uns jede Menge Eltern und andere lustige Leute. Ich hörte sie flüstern und flennen. Von "…toll sehen sie aus" bis hin zu "…meine kleine Evi, so erwachsen", war alles dabei. Simone flüsterte mir zu, dass sie aufgeregt war. Irgendwie roch sie heute anders. Nach Parfum, nach Zahnpasta und ichweißnichtwas. Ich wollte sie gerade fragen, ob sie noch "Putzi" benutzen würde, weil sie genauso aus dem Mund roch, wie mein kleiner Bruder. Aber da fing bereits die Musik an zu dudeln. Wieder keine Tanzmusik. Eher sowas, wie meine Oma manchmal hörte, wenn sie was hörte. Zungenbrecher. Ich schaute zu meiner Lehrertante. Es war allerdings nicht die, in die ich mal verliebt war. Die hatte uns verlassen und beaufsichtigte nun einen anderen Bienenschwarm. In meine neue Lehrertante konnte man sich nicht verlieben, weil die schon verliebt, also verheiratet war und auch schon ziemlich alt war. >>aus meinem Biuch "Pionierdingsbums

24.05.2018 17:55 Monika Winter geb.Thomas 1

Meine Jugendweihe fand 1967 in der ehemaligen DDR statt!Ich kannmich noch daran erinnern!Da gab es das Buch dazu Weltall Erde Mensch mit Gelöbnis! Wir waren so stolz diesen Tag zu feiern!