exakt | 16.05.2018 Kahlschlag im Lebensraum von Bienen und Vögeln

Zwischen Straßenrändern und Äckern verschwinden die Grünstreifen. Ohne Hecken und Bäume gibt es kaum Schutz gegen Bodenerosion. Außerdem fehlen Räume für Insekten, Milane oder Hasen. Ein Grund: eine Änderung bei der Agrarbeihilfe für die Landwirte.

Ein Beispiel aus dem Landkreis Meißen: Jens Peschel aus Klipphausen pflanzt jedes Jahr Apfelbäume in die Lücken einer alten Allee. Doch jedes Jahr wächst die Sorge des Mannes. Denn der Landwirt pflügt jedes Jahr dichter an die Wurzeln heran – inzwischen bis auf 30 Zentimeter. 

Gras, Erde, Wurzeln
Wenn die Landmaschine die Wurzeln abhacken, sterben die Pflanzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Bäumen werden so die Wurzeln abgehackt, sie kippen leicht oder sterben ab. Von Peschels 24 neugepflanzten Bäumchen stehen nur noch 14. Er sucht Hilfe bei Leo Lippold, einem Schlossbesitzer aus der Nachbarschaft,  der sich für mehr Grün in der Landschaft engagiert: "Ich finde es schon ein bisschen merkwürdig, wenn Agrar-Betriebe im Jahr 400.000 Euro strukturelle Förderung für Landschaftspflege erhalten und sich dann noch nicht mal an diese einfachsten Regeln halten."

Pflügen bis an die Wurzeln

Dabei gehört der Grünstreifen neben der Straße der Gemeinde. Solange die Apfelbäume stehen, musste der Bauer Abstand halten. Wo sie weg sind, ackert er bis fast an die Straße. Der Geschäftsführer der zuständigen Saubachtaler Agrar AG bestreitet, dass dahinter Methode stecken würde. "Die kriegen die Anweisung, so, wie die Flächen sind, werden sie genutzt und gut", sagt René Münch.

Dennoch: In der Großgemeinde Klipphausen sind sechs von zehn Straßenbäumen verschwunden. Im ganzen Landkreis Meißen fielen in nur sieben Jahren mehr als 4000 der Säge zum Opfer. Ein Kahlschlag mit Folgen. Denn Ackerrandgehölze bremsen auch Wind und Bodenerosion ab. Wo sie fehlen, rächt sich das.

Beispiel Röhrsdorf: Im Juli  2017 hatten sich nach starken Niederschlägen an einem Hang neben der B6 Schlammmassen gelöst. Die Straße war komplett blockiert. Es entstand ein hoher Schaden.

Der Kahlschlag rächt sich

Mann
Karl-Heinz Ecke will dem Kahlschlag etwas entgegensetzen und pflanzt neue Hecken - selbst finanziert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch der Kahlschlag trifft nicht nur den Landkreis Meißen. In Köthen will Jäger Karl-Heinz Ecke mit seinen Waidgenossen dem etwas entgegensetzen. "Also ich habe in meinem Leben so ungefähr 200 Kilometer Hecken und Windschutzstreifen gepflanzt, bin auch noch dabei, bis zum letzten Tag Hecken zu pflanzen", sagt der 75-Jährige.

Die Jäger finanzieren das selbst – aus ihren Jagdabgaben. Sie sind so etwas wie die letzten Mohikaner. Denn sonst werde in der Köthener Feldmark nichts mehr neu gepflanzt. Dabei wüssten viele gar nicht, was solche Hecken leisten. Sie sind – je nach Größe - eine grüne Brücke für Tiere, mit reichlich Nahrung für Wildinsekten. Hier leben Feldlerchen und Nachtigall, der Milan und sogar die seltenen Fasane.

An allen 35.000 Kilometern Feldweg in Sachsen-Anhalt wäre dafür Platz. Doch die Landwirte spielen nicht mit – oft hört Waidmann Ecke sogar lautstarke Proteste der Bauern gegen die neuen Hecken.

Es fehlt der Platz für die Natur

Die Feldgehölze bedeuten für die Bauern und ihre großen Landmaschinen Umwege. Und  – die Gehölze schmälern häufig die Agrarbeihilfen. Denn diese richten sich nach der Hektargröße des Betriebes. Bis 2017 zählten Feldgehölze mit. Heute gibt es nur noch Geld für bestelltes Land. "Es werden sämtliche Gehölzkronen, die in den Acker hereinragen, herausgerechnet", sagt Ecke. Damit verlieren die Landwirte Geld, wenn Hecken über die Feldränder wachsen. Die Ämter prüfen das anhand von Satellitenbildern – auf den Quadratmeter genau. Darum halten Landwirte die Feldgehölze kurz.

"Wenn die Bäume eben rüberwachsen, gehen uns Flächen verloren", sagt der Saubachtaler Geschäftsführer. Die Lage ist ernst. Wenn nichts geschieht, werden noch mehr Bäume fallen. Jens Peschel fürchtet um seine Apfelallee und macht Druck beim Bürgermeister: "Wir sind dabei, ein Baum-Kataster zu erstellen, um auch nachzuweisen, dass der Baum da war, wenn er weg ist", sagt Gerold Mann. Wenn dann festgestellt werde, dass der Bauer einen Baum weggenommen hat, dann "kann ich dem eine vor den Latz geben".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 16. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 22:57 Uhr

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9 Kommentare

16.05.2018 13:35 Alf 9

Jaja, alle haben nur noch den $ bzw. € im Auge, und dass Bienen und andere Insekten und Vögel nach und nach verschwinden, ist ja auch noch nicht bewiesen. Äußerte vor nicht langer Zeit ein hochrangiger Funktionär vom Bauernverband ...

16.05.2018 13:21 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 8

@16.05.2018 07:46 Rita Weymann

(Seit über 30 Jahren pflanzt mein Vater Bäume und Hecken an Feldrainen er ist selbst Landwirt und wurde verhöhnt als grüner Spinner. [...] im Zeitalter von reinem Profitdenken sind wir genau do dumm wie eh und je.)

Ich könnte ihnen aus den 60ern Geschichten von meinem Vater erzählen, die von BASF-Vertretern handeln, die über Land reisten und den Bauern Bodenverfestiger zum Unterpflügen verkaufen wollten - nachdem nämlich die Hecken und Windstreifen für den Großmaschineneinsatz und mit Fördermitteln beseitigt worden sind ging daraufhin der ohnehin nicht üppig vorhandene Mutterboden in Norddeutschland wg. Austrockung auf Reisen...

"Wir" sind nicht dümmer - "unsere Politiker" sind korrupter als je und müssen nicht verantworten, was sie an Verbrechen an der Zukunft begehen. Der einzelne mittelständische Bauer ist dagegen völlig machtlos. Und die "Grünen" stehen ja nicht mehr zur Verfügung, da wir ja keine islamischen Bauern im Lande haben.

16.05.2018 13:11 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 7

Bei diesem Thema fallen uns natürlich aktuell die Namen Julia Klöckner und Christina Schulze Föcking ein. Beide demonstrieren perfekt, wer für wen in diesem Land "Agrarpolitik" macht. Und für wen ganz sicher nicht. Das ist eben so, wenn der Souverän in geistiger Umnachtung sein Elend selbst wählt und sich dann wundert, dass die systemische Korruption und der Lobbyismus wie Unkraut in die Institutionen hineinwuchern. Denn andere Namen verdient es nicht, was auf dem Gebiet der Agrarpolitik abläuft. Auch dafür stehen Klöckner und CSF. Letztere ist deshalb zurückgetreten worden, weil ihre offensichtliche Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit sonst Thema einer öffentlichen Debate geworden wäre. Und das Licht der Öffentlichkeit scheut niemand mehr, als Drogenhändler und Agrarpolitker.

16.05.2018 11:38 Brennabor 6

In Laudenbach/Bergstr. ( BW ) sind in den letzten
20 Jahren über 1000 Bäume verschwunden, dank
eines schlauen Bürgermeisters und dessen Bauwahnsinn.

16.05.2018 10:36 Fragender Rentner 5

Wie ging mal ein Lied?

Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben ...

Ach stimmt ja, die Blumen kommen mit großer Vielzahl jetzt aus Afrika !!! :-(((

16.05.2018 10:33 Fragender Rentner 4

Das haben doch so einige Menschen schon lange gesagt und nun tuen welche so als wenn dies neu ist. :-(((

Und was wird für die Natur getan?

Ach ja, es werden diese sogenannten "nachwachsende Rohstoffe" wie Raps und Mais massiv angebaut. :-(((

Da wurde ja im Mittelalter und vorher schon mehr für die Natur gemacht.

16.05.2018 08:53 sascha10 3

Die Möglichkeit Bäume und Sträucher zu pflanzen und zu erhalten steht und fällt mit der Grundstücksgrenze. Ist die Fläche am Weg oder der Straße darf nach Nachbarrechtsgesetz auch auf die Grundstücksgrenze gepflanzt werden, der Bauer darf aber auch seine Ackerfläche bis zur Grundstücksgrenze nutzen. Ein wildes Pflanzen auf nicht klar definierten Flächen bringt nur Ärger. Sofern der Bauer aber seine Bearbeitung über die Grundstücksgrenze hinaus auf das Nachbargrundstück, wo die Gehölze stehen ausdehnt und dort Gehölze zerstört, wird er haftbar, was nicht unerheblichen Regress möglich macht. Wichtig ist, dass der Unterhaltungspflichtige der Bäume auch das Lichtraumprofil zum Acker nicht nur zum Weg freischneidet. Hier gibt es seitens der Gemeinden erhebliche Pflegdefizite. Das fachliche Hauptproblem dabei ist, dass die Erkenntnis, dass ein Baumstamm (von Boden bis Kronenansatz) nicht natürlicherweise entsteht sondern durch Schnitt aufgeastet werden muss, meist nicht vorhanden ist.

16.05.2018 07:46 Rita Weymann 2

Seit über 30 Jahren pflanzt mein Vater Bäume und Hecken an Feldrainen er ist selbst Landwirt und wurde verhöhnt als grüner Spinner. Jetzt haben wir genau die Lage erreicht die ef dchon vor 30 Jahren vorhergesagt hat. Wir müssen der Natur etwas zurückgeben ! Sber im Zeitalter von reinem Profitdenken sind wir genau do dumm wie eh und je.

15.05.2018 22:20 Rasselbock 1

Typische Bauernschläue, erst die Lebensräume von Bienen und Vögeln im Interesse des Profites zestören aber jammern, wenn seltsame Pflanzen oder Schlammlawinen die Natur umkrempeln. Subventionen sollten die Typen nur noch für ordentliche und naturnahe Landwirtschaft bekommen.