FAKT | 23.01.2018 Pflegebedürftige: Kosten für Heimplätze steigen

In einem Pflegeheim sollen die Kosten für die Bewohner um 550 Euro steigen – pro Monat. Hintergrund ist ein Teil der Pflegereform, der vor allem die Situation der Pflegekräfte verbessern sollte. Nun kommen aber die Pflegebedürftigen an ihre finanziellen Grenzen.

Klaus-Dieter Jordan ist schockiert. Das Pflegeheim, in dem sein 92-jähriger Vater untergebracht ist, hat eine Kostenerhöhung von 550 Euro angekündigt – monatlich. Eigentlich waren beide mit dem Heim des Deutschen Roten Kreuzes in Oschersleben bislang zufrieden. Doch "es ist eine unheimliche Summe, die da plötzlich abgefordert wird", sagt Jordan.

Die Jordans sind kein Einzelfall. Alle Heimbewohner dieser Unterkunft müssen mit einer deutlichen Steigerung rechnen. Besonders hart ist es für Ingetraud Wolf und Helmut Lüdecke. Die Renten ihrer Ehepartner, die im Heim untergebracht sind, reichen für die Heimkosten nicht aus.

Mit beiden Renten kommt das Ehepaar Lüdecke auf knapp 2600 Euro. Eine Erhöhung der Heimkosten von bisher knapp 1362 auf rund 1916 Euro monatlich, wäre für ihn der finanzielle Ruin. "Ich habe nachher einen Rest von 83 Euro. Und davon soll ich Brot, alles kaufen", sagt Lüdecke. Die Pflegemittel und weitere Kosten seien in den knapp 2000 Euro noch nicht drin.

Bezahlen sollen es die Heimbewohner

Dabei sollte die Pflegereform die Pflegebedürftigen und deren Angehörige entlasten. Im Fokus steht nun das Pflegestärkungsgesetz III (PSG III). Dieses sieht vor, Lohnsteigerungen in Pflegeheimen bis auf Tarifniveau anzuerkennen. Damit Pflegeeinrichtungen ihr Personal halten können, müssen die Gehälter steigen. Nur bezahlen soll das nun offenbar allein der Heimbewohner.

"Die Arbeitssituation und auch die Gehaltssituation für die Pflegekräfte sollte durch das PSG III verbessert werden", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel. "Deshalb haben wir gesagt, dass das Zahlen von Tariflohn nicht als unwirtschaftlich abgelehnt werden darf."

Auch Ingetraud Wolf, deren Mann in Oschersleben gepflegt wird, findet den neuen Tarifvertrag für Pflegkräfte eigentlich gut: "Die Pflegekräfte haben das verdient." Ihr Mann werde dort wunderbar gepflegt, "aber man kann es doch nicht bezahlen".

Noch ist nicht sicher, ob die Erhöhung tatsächlich 550 Euro beträgt. Aber es steht fest, dass es eine deutliche Erhöhung geben wird. Mit einer Anhebung auf 1916 Euro würde das Heim in Oschersleben den Bundesdurchschnitt um mehr als 200 Euro übersteigen.

Aus eigener Tasche geht es nicht

Falls die angekündigte Erhöhung durchkommt, wird Helmut Lüdecke das nicht aus eigener Tasche zahlen können. "Ich steh vor einem Rätsel. Ich kann jetzt auch bloß zum Sozialamt gehen und die Hose runter wie es so schön heißt", sagt er.

Eine Alternative zum Sozialamt wäre, den Vertrag mit dem Heim aufzulösen. Aber auch das ist für die Betroffenen keine Option. Denn ihre Verwandten sind alle schwerst pflegebedürftig. "Ich kann das nicht. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Ich werde 80", sagt Helmut Lüdecke. "Wie soll ich meine Frau jetzt noch irgendwie unterstützen? Ich krieg sie nicht aus dem Rollstuhl oder irgendwas. Da habe ich die Kräfte nicht mehr für."

Jeden Tag könnte der endgültige Bescheid des Heims über die Kostenerhöhung im Briefkasten sein. Der Blick in die Zukunft macht dem Rentner Angst. "Und dann nimmt man uns noch das Letzte weg. Nee. Und dafür hat man so viele Jahre gearbeitet", sagt Ingetraud Wolf.

Da ist die Politik eindeutig gefragt.

Ingetraud Wolf

Als die FAKT-Reporter dem Bundestagsabgeordneten Rüddel vom Fall in Oschersleben berichten, sagt der Politiker: "Ich glaube, dass man in diesem Umfang nicht mit den Konsequenzen gerechnet hat. Politik ist nicht unfehlbar." Ihm war bislang kein solcher Fall bekannt. "Und man muss dann auch erkennen, dass man vielleicht nicht bis zum Ende alles durchdacht hat. Und dann schnell reagieren. Und da bin ich zuversichtlich, dass wir das in den nächsten Monaten auf den Weg bringen können."

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 23.01.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2018, 21:45 Uhr

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57 Kommentare

20.02.2018 22:11 P. Berner 57

Es kann nicht sein, dass die Eigenanteile + gesamt Kosten immer höher werden und die Pflegeleistungen beim Patienten nicht ankommen. Eigenanteile von bis zu 4000 EUR pro Monat sind keine Seltenheit. Man fragt sich wohin geht das ganze Geld? Das Pflegesystem muss ausgedünnt werden und die Bereicherung von privaten und auch gemeinnützigen Altenheimbetreibern muss gestoppt werden. Die Krankenkassen nehmen sehr oft nicht ihre Aufsichtsfunktion war. Wenn in dem Bereich besser kontrolliert werden würde was mit dem vielen Geld passiert, wäre den Pflegebedürftigen sehr geholfen.
Wo unkontrolliert Geld hineingepumpt wird, ist es doch klar, das dort viel Geld in "dunklen" Kanälen verschwindet. Die Politik ist gefordert das Pflegesystem komplett neu zu strukturieren.

26.01.2018 10:53 Barbara Müller 56

Ihre Fakt Sendung vom 21.01. habe ich mit großem Interesse verfolgt.Ich bin in einer ähnlichen Situation. Mein Mann ist seit Febr.2017 im Seniorenheim des ASB in Kitzscher(Sachsen).Der monatliche Eigenanteil belief sich bis November17 ca. 850,-€. 10Tage vor Weihnachten erhielt ich die Information, dass ich ab Januar1475,39€ zahlen muss, ausserdem kam eine Nachforderung für Investitionskosten für2017 von 994,62€.
Alle Angehörigen der Heimbewohner waren geschockt. Ich begrüße es sehr, dass die Pflegekräfte mehr Geld bekommen, da mein Mann in dem Heim gut versorgt ist.
Für mich ist es aber nicht nachvollziehbar, dass zum gleichen Zeitpunkt alle anderen Kosten(Unterkunft, Verpflegung,...) stark steigen.
Für mich ist es sehr,sehr traurig, da ich unser schönes Haus, das wir uns vor 19Jahren geschafft haben, verkaufen muss. Was tut der Staat, um solche Missstände zu mildern??????
Über eine Antwort würde ich mich freuen
Barbara Müller

26.01.2018 08:43 Robert Speelman 55

Es ist nicht richtig recherchiert worden. Erhöhungen der Pflegekosten geht nur über Pflegesatzverhandlung.
Wer einfach seine Sätze erhöht macht sich strafbar.
mfg

25.01.2018 23:01 Britta Brinkmann 54

Ich war ziemlich entsetzt, dass im öffentlich rechtlichen Fernsehen so schlecht recherchierte Beiträge laufen dürfen. Man wusste nichts von den Betroffenen: nicht den Pflegegrad, ob Bestandsschutz über die Pflegeversicherung besteht, etc. Niemand hat dem weinenden alten Mann gesagt, dass er die 550 Euro nicht zahlen muss, wenn er das nicht kann. Seine Berechnungen waren effekthaschend dargestellt, würden aber so nie zum Tragen kommen. Natürlich würde das Sozialamt für die Kosten aufkommen und dafür muss man auch nicht die “Hosen” runterlassen. Natürlich muss man die Höhe der beiden Renten der Betroffenen angeben und ggf. vorhandene Vermögenswerte. Für den alten Herren würde einen Eigenvorbehalt seiner Rente geben und er müsste nicht von 87 Euro im Monat leben. Solche Beiträge machen Stimmung in der Bevölkerung! Ich hätte so etwas bei RTL oder SAT 1 vermutet aber nicht beim mdr. Bitte nächstes Mal alles recherchieren und nicht auf halber Strecke Halbwahrheiten ungelöst stehen lassen!

25.01.2018 21:17 Ralf Henske 53

So was möchte ich für mich später - falls ich mal pflegebedürftig werden sollte - nicht erleben. Ich hoffe dann, dass es später als Alternative die Sterbehilfe zur Verfügung stehen wird. Die würde ich für mich, falls ich in solch einer Situation kommen sollte, in Anspruch nehmen.

25.01.2018 18:40 Thomas Mühlnikel 52

Ich bin Heimleiter. Es ist unglaublich was hier an Unwissen und Unwahrheiten zu lesen ist. In Wirklichkeit haben wir ein sehr gutes System die Heimkosten über die Sozialhilfe zahlen zu lassen. Das geht ganz problemlos ohne Ärger für die Angehörigen.

25.01.2018 13:19 Thomas Hoffmann 51

Meine Mutter ist auch von steigenden Kosten betroffen. Die LVZ hat mich gerade darauf hingewiesen, dass es hierzu bei der Verbraucherzentrale in Leipzig am 30. Januar dazu eine Veranstaltung gibt! Vielleicht hilft das dem ein oder anderen.

24.01.2018 22:59 Richard Erxleben 50

Meine Frau erkrankte an Alzh./Demenz und Harn-Inkontenenz. Trotz meiner Krebserkrankungen pflegte ich sie ca. 3 Jahre zu Hause. Dann ging es körperlich nicht mehr, da ihre Krankheiten einen rasanten Verlauf nahmen. Das AWO-Heim in Seelow war die günstigste und ansprechbarste Variante. In kleinen Schritten wurden dann die Eigenanteile erhöht, nach der Pflegereform auf 1375,41 €. Im Dezember erhielten wir die Nachricht, dass man beabsichtigt, ab 01.02.2018 diese um ca. 500 € zu erhöhen.
Dass die Pflegekräfte dringend eine Gehaltsaufbesserung brauchen, steht außer Frage, aber wieviel kommt bei ihnen denn von dieser Erhöhung an? Dann kommt die Frage, wie sollen wir als Angehörige das aufbringen? Mir und anderen aus dem AWO-Heim geht es genauso, wie den Leuten aus Oschersleben. Über Nacht werden wir in die Altersarmut gedrängt, von einer
Heizöl-Bestellung bekommt man Albträume. Nun kam der Bescheid, dass die Erhöhung erst einmal ausgesetzt wird. Aber wer traut den Politikern noch?

24.01.2018 21:58 Peter Muchmann 49

Zu #12:Der Pflegegrad spielt keine Rolle. Seit dem Pflegestärkungegesetz II gibt es den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil. In den Pflegegraden 2-5 ist der gleich.
Zu #13: Der Besitzstandsschutz bestand nur einmalig für die Überführung der Pflegestufen in die Pflegegrade. Alle folgenden Erhöhungen sind vollständig vom Bewohner zu tragen.

Ich bin auf jeden Fall für eine gute Bezahlung des Pflegepersonals und für eine Verbesserung des Personalschlüssels. Wenn aber der monatliche Eigenanteil (EEE) von 2.000 auf 2.500 Euro erhöht wird, also um 25%, das Entgelt der Pflegekräfte aber nur um 3,5%, die Anzahl der Pflegekräfte auch nicht erhöht wird - dann stimmt da etwas nicht.

24.01.2018 17:15 Anne Fabri 48

Mein Inzwischen verstorbener Vater bewohnte im Seniorenheim ein Einzelzimmer, ordentlich möbliert + ausgestattet. Plötzlich wurde das ganze Haus komplett saniert (Heizung, Türen, Fenster, Aufenthaltsraum usw. usf.) Die Bewohner wurden verschubt. Vater hatte plötzlich einen Wartesaal. Als er zurückkommen durfte, hatte man ihm einen Schrank genommen, der nun den Pflegern für Hilfsmittel diente und ihm sehr fehlte, die Türe zum Bad war nach Umbau als Rollstuhlfahrer !!!! nicht mehr passierbar. Und das alles wurde den sog. Investitionskosten zugeschlagen. Mein Vater war auf seiner Station der einzige Bewohner, der seinen Platz selbst zahlte. Zu dem Posting dieses schlauen Menschen, der sich darauf beruft, dass ansonsten die Sozialämter zuzahlen: Ist das eine vernünftige Lösung? Nein, es handelt sich um Steuergelder, so wie beim Wohngeld. Egal, wie teuer der Heimplatz auch ist, der Laden kriegt sein Geld. Mit alten, pflegebürftigen Menschen ist irres Geld zu machen. Marktwirtschaft!!!! Kotz