exakt | 16.05.2018 Job adé

Heike Schmidt streikte für bessere Bezahlung. Kurz darauf erhält sie aus anderen Gründen die fristlose Kündigung. Wie geht das?

Physiotherapeutin Heike Schmidt arbeitet seit 20 Jahren in der gleichen Reha-Klinik in ihrem Heimatort Bad Langensalza. Sie und viele ihrer Kollegen haben die Eröffnung der Klinik 1998, die Insolvenz und den Verkauf der Klinik an die Celenus-Gruppe erlebt. Heike Schmidt liebt ihren Job. Dankbarkeit, Respekt, das alles bekomme sie zurück, sie arbeite gern mit Menschen, sagt sie: "Mir macht das unheimlich viel Freude."

Doch zufrieden ist sie trotzdem nicht. Seit drei Jahren streiken sie und ihre Kollegen immer wieder. Sie wollen einen Entgelttarifvertrag. Die 59-Jährige ist Ersatzmitglied im Betriebsrat. Sie ist stolz darauf, was sie und ihre Kolleginnen bisher mit dem Arbeitskampf erreicht haben. Im Dezember erhöhte die Geschäftsführung den Lohn um neun Prozent. Physiotherapeuten und Pfleger verdienen jetzt immerhin 2.100 Euro brutto. Was die Streikenden aber auch wollen: Mitarbeiter, die länger dabei sind, sollen mehr bekommen als die neuen Kollegen. Genau darüber wollen die Streikenden verhandeln. Doch der Arbeitgeber würden gar nicht in Verhandlung treten wollen, sagt Verdi. Celenus erwidert, Verdi habe im vergangenen Jahr die Verhandlungen abgebrochen.

Laut exakt-Recherche erklärte die Celenus-Gruppe die Verhandlungen im März 2018 offiziell für gescheitert. Vor drei Jahren wurden die Celenus-Kliniken von einem französischen Pflegekonzern gekauft, der Orpea Gruppe. Der millionenschwere Konzern präsentiert sich im Netz als sozial engagiertes Unternehmen.

In erster Linie an Rendite interessiert

Interessiert seien Investoren wie Orpea aber vor allem am Geld, sagt der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff. "Wenn ein Investor eine Krankenhausgruppe kauft, dann ist er in erster Linie an Rendite interessiert", sagt von Eiff.  Es werde immer versucht an der Kostenschraube zu drehen, zumal im Krankenhaus 70 Prozent Personalkosten anfallen würden, an denen dann gespart würde.

Kündigung
Die Angestellten der Celenus-Klinik stehen hinter ihren Kollegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Ihren Kampf - so sehen es Heike Schmidt und ihre Kollegen – hat sie vor knapp vier Wochen teuer bezahlt. Ende März hatte die Gewerkschaft wieder zum Streik aufgerufen. Heike Schmidt und ihre Kollegin verteilten deshalb am Abend vor dem Streik wie üblich ein Infoblatt in der Klinik. Sie steckten die Zettel in die Briefkästen der Patienten. Kurz darauf die Schocknachricht: Sie und eine weitere Kollegin wurden fristlos gekündigt.

Sie hätten, so schreibt es der Anwalt der Celenus-Gruppe, den Betriebsfrieden in der Klinik erheblich gestört. Zudem beurlaubte die Celenus-Gruppe die Betriebsratsvorsitzende und vier weitere Kollegen ohne Gehalt. Der Grund: "unbezahlten Arbeitspause als Arbeitskampfabwehrmittel".

Druck ausüben, Beurlauben, Kündigen. Das Ziel sei, die Arbeitnehmer zu verunsichern, weiß der Fachanwalt Gottfried Niemietz:

Kündigung
Fachanwalt Gottfried Niemietz sieht eine fristlose Kündigung nicht gerechtfertigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es wird sehr häufig versucht, über diesen Weg die Leute klein zu kriegen. Sie haben Familie, die müssen sie ernähren. Wenn der Arbeitgeber sagt, wenn Du das nochmal machst, fliegst Du.

Allerdings - so betont Niemietz - rechtfertige die Verteilung eines Flugblattes keine außerordentliche und fristlose Kündigung, schon gar nicht bei einem Betriebsratsmitglied.

Private Investoren drängen auf deutschen Gesundheitsmarkt

Aus Sicht der Gewerkschaft Verdi ist das Problem sogar noch größer: Denn private Investoren drängen verstärkt auf den deutschen Gesundheitsmarkt und versuchen systematisch Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen. Der Konflikt in Bad Langensalza soll jetzt Thema im Thüringer Landtag werden. "In Deutschland gibt es Tarifbindung, es gibt Gewerkschaften, und es kann nicht sein, dass jetzt neue Investoren auf den Markt drängen und einfach mal versuchen, auszutesten, wie weit die Leidensfähigkeit der deutschen Gesellschaft geht", sagt der SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Hey.

Heike Schmidt in Bad Langensalza hofft, dass die Kündigung aufgehoben wird, und ist froh, dass die schwere Zeit nicht ohne ihre Kollegen durchstehen muss. "Allein schaffst du das nicht".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 16. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 22:57 Uhr

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2 Kommentare

17.05.2018 17:45 I. Träger 2

Ich war im Juli/August 2017 zur Reha in Bad Langensalza und muss sagen, dass es dort ein sehr engagiertes Mitarbeitertram gibt, vor allem hat mich Frau Schmidt als Physiotherapeutin sehr gut betreut und ich finde, dass alle eine ordentliche tarifliche Bezahlung verdient haben

17.05.2018 12:47 Sr.Raul 1

Sehe mich in meiner Sicht auf komplette Reprivatisierung dieses Bereichs der Daseinsführsorge, durch den Beitrag wieder absolut bestätigt. Privatwirtschaft hat im gesamten Gesundheitswesen 0,Nix zu Suchen!