exakt | 28.03.2018 Nie mehr erster Arbeitsmarkt? - Förderung für Langzeitarbeitslose

Ein Langzeitarbeitsloser bei einer Psychologin. 7 min
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Sebastian Preiss ist Arbeitsvermittler beim Jobcenter in Plauen und damit auch verantwortlich für die schwer Vermittelbaren. Für die nimmt er sich viel Zeit. 

Eine seiner Klientinnen ist Mia Kaiser. Sie ist schon über zwei Jahre in einer geförderten Maßnahme, arbeitet für den Blindenverband und betreut behinderte Menschen, die entweder blind oder sehbehindert sind. Mia Kaiser war vor dieser Maßnahme lange arbeitslos. Vor vielen Jahren hat sie zur Zahnarzthelferin umgeschult, doch seitdem nicht mehr in den ersten Arbeitsmarkt gefunden.

Arbeitsvermittler Sebastian Preiss beobachtet häufig, dass es nicht an der Qualifikation liegt, warum Arbeitslose keinen Job mehr finden. Oft seien es gesundheitliche Einschränkungen oder Schicksalsschläge, die die Betroffenen aus der Bahn und damit aus dem regulären Erwerbsleben werfen. Obwohl die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren stetig abgenommen hat, ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen nur wenig gesunken und betrug Ende 2017 900.000. Trotz aller Förderprogramme.

Häufig psychische Erkrankungen bei Langzeitarbeitslosen

Senior stütz Kopf auf Hände
Viele Langzeitarbeitslose leiden an psychischen Erkrankungen Bildrechte: colourbox

Auch Ronald Seidel aus Leipzig war jahrelang arbeitslos. Doch seit zwei Jahren hat der 55-jährige einen regulären Job im soziokulturellen Zentrum Geyserhaus, mit festen Arbeitszeiten, fünf Tage die Woche. Doch es war ein langer Weg hin zu einem geregelten Tagesablauf. Jahrelang konnte er sich nicht motivieren, zur Arbeit zu gehen. Selbst den Haushalt schaffte er nicht mehr. Dass es kein einfaches Stimmungstief aufgrund seiner Arbeitslosigkeit war, erfuhr Ronald Seidel erst im Jobcenter Leipzig. Hier arbeiten Psychologen von der Universität Leipzig, wie Anja Kästner, die sich Hand in Hand mit den Arbeitsvermittlern um die psychischen Probleme der Betroffenen kümmern. Die Psychologen am Jobcenter diagnostizierten bei Ronald Seidel eine Depression, die in einer Tagesklinik erfolgreich behandelt werden konnte. Ein Drittel der Hartz-IV-Empfänger gilt laut einer Studie als psychisch krank. Doch die meisten Klienten, die zu Anja Kästner kommen, wissen gar nicht, dass sie an einer psychischen Erkrankung leiden, erklärt die Psychologin.

Zu wenig psychologische Betreuung bei Jobcentern

Und so rutschen viele im Hilfesystem einfach durch. Das Projekt des psychosozialen Coachings direkt im Jobcenter Leipzig gibt es seit 2011. Mehr als 1.300 Langzeitarbeitslose haben freiwillig daran teilgenommen. Jeder Dritte hat es wieder in einen Job geschafft. Dass dieser Erfolg nicht bundesweit Schule macht, hat auch mit der ausgelaufenen Anschubfinanzierung des Bundesarbeitsministeriums zu tun. Doch Gelder für psychosoziales Coaching nach dem Vorbild von Leipzig geben momentan nur noch zwei andere Jobcenter in Deutschland aus.

Dabei haben auch die Forschungen von Professor Ulrich Hegerl an der Universität Leipzig bestätigt, dass häufig nicht die Arbeitslosigkeit die Ursache für psychische Erkrankungen ist, sondern die Folge. Heißt: erst durch z.B. eine Depression rutschen Menschen in die Arbeitslosigkeit. Nicht erkannte, nicht behandelte psychische Erkrankungen sind nach Meinung von Prof. Ulrich Hegerl, das größte Vermittlungshemmnis in den ersten Arbeitsmarkt, welches vermeidbar wäre.

Über dieses Thema berichter der MDR auch im TV: exakt | 28.03.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2018, 18:47 Uhr