Ein Mann und ein Kind auf einem Spielplatz
Jessie und ihr Pflegevater Mario Kessler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 14.02.2018 Leben in Ungewissheit: Pflegekinder

In Deutschland gibt es etwa 90.000 Pflegekinder. Dabei sind nur diejenigen erfasst, für die die Jugendämter Geld zahlen. Tausende Kinder, die bei Verwandten leben, kommen statistisch gesehen, gar nicht vor.

Ein Mann und ein Kind auf einem Spielplatz
Jessie und ihr Pflegevater Mario Kessler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das kleine Mädchen hatte eine Menge zu verkraften: die Trennung vom Bruder, der in einem Heim lebt, die Drogensucht der Mutter, die Tatsache, dass der Vater im Gefängnis sitzt. Sicherheit und Geborgenheit erlebte die siebenjährige Jessie erst bei ihrem Onkel, der sie als Pflegekind aufgenommen hat. Doch Hilfe und Unterstützung haben Mario Kessler und seine Frau vom Jugendamt lange Zeit nicht bekommen – kein Einzelfall.

Ein Mann auf einem Spielplatz
Pflegevater Mario Kessler musste vor Gericht die Leistungen erstreiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland gibt es etwa 90.000 Pflegekinder. Dabei sind nur diejenigen erfasst, für die die Jugendämter Geld zahlen. Tausende Kinder, die bei Verwandten leben, kommen statistisch gesehen, gar nicht vor. Für die Verwandten und deren Pflegekinder ist das eine unbefriedigende Situation. Das Jugendamt sei der Auffassung gewesen, dass es eine privatrechtliche Vereinbarung gebe und es deshalb nicht tätig werden brauche, berichtet Pflegevater Kessler. "Aber die Unterhaltssicherung für Jessie war ja nicht gegeben. Und deswegen haben wir dann vor Gericht erfochten, dass sie die Leistungen rückwirkend zu erbringen haben."

Inzwischen zahlt das Jugendamt Pflegegeld inklusive diverser Zuschüsse - monatlich etwa 900 Euro. Doch die gerichtlichen Auseinandersetzungen haben die Pflegeeltern viel Kraft und Nerven gekostet. Dabei hätten sie die eigentlich für Jessie gebraucht. "Sie war, als sie zu uns gekommen ist, sehr verhaltensauffällig. Sie hat Beziehungsstörungen gehabt und war auch für ihr Alter etwa zwei Jahre zurück. Muss sagen, aufgepäppelt haben wir sie", sagt Kessler. So ist Jessie zu einer guten Schülerin geworden. Im Alltag raste sie kaum noch aus.

Eine umstrittene Neuregelung

Doch es bleibt eine Ungewissheit: Wie geht es weiter, wenn der Vater aus dem Gefängnis entlassen wird? Fordert er das Sorgerecht nach vielen Jahren zurück? Diese Ungewissheit bleibt – nicht nur für Familie Kessler. Denn der Gesetzgeber will, dass die leiblichen Eltern die Hauptverantwortung für ihre Kinder haben.

Genau um die Lebensperspektive von Kindern wie Jessie ging es  im Entwurf eines Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes, über den im Mai vergangenen Jahres im Bundestag debattiert wurde. Geplant war, dass Gerichte künftig auch gegen den Willen der leiblichen Eltern den Verbleib eines Kindes in der Pflegefamilie anordnen können. Eine durchaus umstrittene Neureglung.

"Wir verstehen, dass sehr viele Pflegeeltern sagen, wir haben die Nase voll", sagt der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marcus Weinberg. "Auf Deutsch gesagt - von diesem Befristungsdogma, dass man nicht weiß, nach ein, zwei, drei Jahren – was passiert denn mit der Bindung, mit den Pflegekindern. Wir wollen auch dauerhaft Stabilität haben. Das verstehen wir." Doch der Politiker sieht vor allem die Rechte der leiblichen Eltern gefährdet.

Das Kindeswohl im Auge behalten

Ein Mann mit Brille
Familienrechtler Professor Ludwig Salgo sagt, dass bei der Debatte das Kindeswohl stärker im Mittelpunkt stehen sollte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf Antrag der Koalitionsfraktionen wurden die entsprechenden Passagen aus der Vorlage gestrichen. Zur Enttäuschung des Familienrechtlers Professor Ludwig Salgo, der auch seine Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Jugendämtern und Gerichten in die Ausarbeitung eingebracht hatte. Seine Überzeugung: die Parlamentarier hätten bei der Debatte konsequenter das Kindeswohl im Auge behalten müssen. "Die haben einfach Angst gehabt, hier auch mal zugunsten von Kindern, Kinderrechte stark zu machen und zu sagen, es gibt Situationen, wo Kinder nicht mehr zurück können zu ihren Eltern und für Kinder einfach Kontinuität zu sichern. Davor hat man einfach Angst gehabt."

Dabei sollten durch die Gesetzesänderung eigentlich schnellere Entscheidungen im Interesse von Pflegekindern erreicht werden. "Diese Kinder können gerade die Unruhe, die Verunsicherung und das Hin und Her überhaupt nicht brauchen", sagt Professor Salgo. "Das sagen auch Fachleute aus der Pädagogik und Psychologie, dass Kontinuität vorrangig ist für diese Kinder. Und das haben wir nicht geschafft. Ich sehe eigentlich nur Hoffnung, dass der Bundestag jetzt in der neuen Legislaturperiode wieder einen neuen Anlauf macht."

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 14.02.2018 | 20:15 Uhr

Ein Mann läuft neben einem Mädchen 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2018, 19:47 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

1 Kommentar

15.02.2018 06:05 Udo Degen 1

Jugendamt und Kindeswohl, daß sagt uns alles...
Traurig aber wahr, ein kinderfeindlicher Staat.
Für jeden anderen Mist wird Geld verbrannt, aber für die Zukunft der Kinder hat man nichts übrig. Sie schneiden sich in das eigene Fleisch.
Ein Blick nach Berlin, zeigt uns wieder, es geht nur noch um Posten und Dienstwagen. Aber nicht um das eigene Volk.

Mehr zum Thema