exakt | 28.02.2018 Das Geschäft der Lkw-Schlepper

Für die Flüchtlinge ist es hoch riskant, für die Schlepper ist es hoch profitabel: Migranten in Lkw über die Grenze schleusen. Ein Leben spielt dabei kaum eine Rolle. Ein ehemaliger Schleuser berichtet MDR-exakt, wie das Geschäft läuft.

Für die Flüchtlinge ist es hoch riskant, für die Schlepper ist es hoch profitabel: Menschen in Lkw über die Grenze schleusen. Eingepfercht auf engstem Raum, kaum Wasser, wenig Sauerstoff. Für Einige wird die Ladefläche zur tödlichen Falle. Trotzdem boomt das Geschäft der Schlepper.

Ein Polizist auf einem Lkw-Parkplatz
Ein Knotenpunkt des illegalen Handels ist die deutsch-tschechisch Grenze, sagt Sven Löscher von der Bundespolizeiinspektion Berggießdübel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Knotenpunkt dieses illegalen Handels ist die deutsch-tschechischen Grenze. Dort endet eine der Hauptrouten im internationalen Schleppergeschäft. "Man kann auch sagen: das Ende der verlängerten Balkanroute", sagt Sven Löscher von der Bundespolizeiinspektion Berggießhübel. Diese starte in Bulgarien, gehe über , Ungarn, die Slowakei und durch Tschechien nach Deutschland. In der Grenzregion um die A17 wurden in den vergangenen drei Monaten bei elf Schleusungen rund 140 illegal eingereiste Personen aufgegriffen. Die Geschleusten werden in der Nähe der Autobahnen abgesetzt - meist fällt erst dann die illegale Einreise auf.

"Es ist oftmals so, dass die Personengruppen halt nicht unmittelbar im Tatfahrzeug im Lkw oder Kleintransporter von uns festgestellt werden, sondern wir durch Bürgerhinweise auf die Person aufmerksam gemacht werden", sagt Polizist Löscher. Der Kampf gegen die internationalen Schleuserbanden ist äußerst schwierig. Die Schlepper wissen, dass die Bundespolizei hinter der Grenze kontrolliert.

Die Schleusernetzwerke gleichen großen Unternehmen

Zudem sind sie professionell organisiert: In dieser Hinsicht gleichen die Schleusernetzwerke großen Unternehmen und erstrecken sich meist über mehrere Länder. Die "Geschäftsführung" ist über Mittelsmänner, sogenannte Koordinatoren, mit der nächsten Ebene, der Organisationsebene verbunden. Dort sammeln Agenten ihre "Kundschaft" in den unterschiedlichsten Herkunftsländern ein. Die Migranten bezahlen für die Schleusung in bestimmten Büros, in denen Buchhalter die finanzielle Seite des Geschäfts regeln.

Ein Lkw ist in einem Rückspiegel zu sehen
Die Fahrer, die die Migranten letztlich illegal nach Deutschland bringen, wissen in der Regel nicht, für wen sie eigentlich arbeiten, berichtet ein Insider. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sobald das Geld eingegangen ist, wird die Ausführungsebene eingeschaltet. Disponenten organisieren den Transport in die Zielländer und greifen dabei in den verschiedenen Transitländern wie Serbien, Bulgarien oder Rumänien auf ein ganzes Netzwerk von Fahrern und Hilfskräften zu. Die arbeitsteilige Organisation verhindert, dass die einzelnen Ebenen voneinander  viel wissen. Die Fahrer, die die Migranten letztlich illegal nach Deutschland bringen, und das größte Risiko tragen, erwischt zu werden, wissen in der Regel nicht, für wen sie eigentlich arbeiten.

Das Leben der Geschleusten spiele für die Schleppermafia keine Rolle, erzählt uns ein Schleuser, der mehrere Jahre für einen internationalen Schlepperring arbeitete: "Na ja, wenn 100 oder 150 Personen in einem Lkw fahren, besteht das Risiko, dass manche von ihnen ersticken. Manchmal steht so ein Lkw auch lange an einer Grenze, darf sieben oder acht Stunden nicht fahren. Die Menschen hinten sterben dann."

Trotz des Risikos: Nachfrage nach Schleusungen ist groß

Trotzdem sei die Nachfrage nach Lkw-Schleusungen nach wie vor sehr groß. Für die Schlepper lohnt sich das Geschäft immer noch. "In einem normalen Auto kann man nur fünf bis sechs Personen fahren, aber mit einem Lkw können 100 bis 200 Personen transportiert werden", sagt der ehemalige Schleuser. Pro Person koste die Schleusung 5000 oder 6000 Euro. "Von dem Geld bezahlt der Chef ungefähr 50. 000 Euro für die Fahrer und die Lkw. Auf diesem Weg macht man schnell viel Gewinn. Was mit den Menschen passiert, ist egal."

Ein Polizist
Die drei verhafteten Personen sollen zumindest an der Einschleusung von 160 Migranten mitgewirkt haben, erklärt Michael Engler von der Bundespolizei Pirna. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So war es auch im Sommer 2015. 71 Flüchtlinge erstickten in einem Kühllaster an der Grenze zu Österreich.  Die Menschen waren in einem unbelüfteten und verschlossenen Laderaum zusammengepfercht worden. Ende Januar 2018 gelang der Bundespolizei ein Ermittlungserfolg gegen einen international agierenden Lkw-Schleuserring. Spezialkräfte haben in Berlin und in Bad Muskau drei mutmaßliche Schlepper zu verhaftet. Sie sollen zumindest an Einschleusung von 160 Migranten mitgewirkt haben, erklärt Michael Engler von der Bundespolizei Pirna. "Wobei die Migranten mitunter unter wirklich widrigen Umständen geschleust wurden."

Trotz der Lebensgefahr versuchen tausende Migranten auf diesem Weg nach Deutschland zu kommen. 2017 wurden allein in Mitteldeutschland 168 Schleuser festgenommen, 632 geschleuste Flüchtlinge aufgegriffen.  Das ist nur ein Bruchteil eines stetig wachsenden Geschäfts.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 28.02.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 19:35 Uhr

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