exakt | 10.10.2018 Leberschäden durch Hepatitis-Medikament

Auf den ersten Blick sind Dietlind Matthies aus dem brandenburgischen Fürstenwalde die Beschwerden nicht anzusehen, die ihr ganzes Leben überschatten. Seit 40 Jahren ist sie chronisch krank. Dietlind Matthies wurde in der DDR Opfer eines Arzneimittelskandals, wie auch 4.689 andere Frauen. Alles Schwangere mit der Blutgruppe Rhesusfaktor negativ. Um Abstoßungsreaktionen gegen Neugeborene mit einer anderen Blutgruppe zu verhindern, erhielten diese Frauen eine Spritze, die sogenannte Anti-D-Immunprophylaxe. Entwickelt wurde der Wirkstoff von Wolfgang Schubert, Leiter des Blutspende-Instituts Halle.

Medikamente mit Hepatitis-C-Viren verseucht

Frau mit dicken Aktenordnern
Die Opfer des Medizinskandals müssen um eine Entschädigung kämpfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine dieser Chargen war 1978 mit Hepatitis-C-Viren verseucht, die chronische Leberentzündungen auslösen. Obwohl das Risiko bekannt war, entschließt sich Wolfgang Schubert, die Charge einzusetzen. Tausende Frauen wurden dadurch infiziert und leiden seitdem unter einer chronischen Immunschwächeerkrankung, die alle Organe in Mitleidenschaft zieht. Dietlind Matthies leidet noch heute unter Symptomen wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche, Oberbauchschmerzen, Krämpfen und Gelenkschmerzen.

Wolfgang Schubert wurde 1979 in einem Geheimprozess zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, wegen einer Arzneimittelstraftat. Offizielle Stellen in der DDR sprachen damals allerdings verharmlosend von einem Impfschaden. Um den betroffenen Frauen zu helfen, verabschiedete der Bundestag im Jahr 2000 das Anti-D-Hilfegesetz. Seitdem können Frauen Einmalzahlungen und Renten beantragen. Allerdings klassifiziert das Gesetz das Ganze ebenfalls als Impfschaden, obwohl es sich um eine Arzneimittelstraftat handele, so wie beispielsweise der Contergan-Skandal – das kritisiert zumindest der Medizinhistoriker Florian Steger.

Fakt ist aber, es ist ja kein Impfschaden, sondern es ist eine Arzneimittelstraftat. Und ich kann aufgrund der Straftat per se zur Zahlung einer Entschädigung kommen.

Florian Steger, Universität Ulm

Weil sie aber per Gesetz Opfer eines Impfschadens sind, müssen Frauen wie Dietlind Matthies gegenüber den Versorgungsämtern selbst nachweisen, dass sie immer noch gesundheitlich beeinträchtigt sind. Dietlind Matthies hat Therapien absolviert, welche die sogenannte Virus-Last senken. Vom Versorgungsamt wurde ihr daraufhin bescheinigt, sie sei gesund. Die Entschädigung, einige hundert Euro monatlich, wurde gestrichen. Die Nebenwirkungen der chronischen Lebererkrankung werden nicht anerkannt oder als altersbedingt abgetan.

Patientinnen leiden unter den Folgeerkrankungen

Auch Birgit Hall aus dem mecklenburgischen Steinhagen wurde 1978 mit Hepatitis-C-Viren infiziert. Auch sie leidet unter Folgeerkrankungen: chronische Müdigkeit, Depressionen und Konzentrationsschwierigkeiten. Beim zuständigen Versorgungsamt werden die nicht anerkannt. Sie musste sich sogar vorwerfen lassen, sie simuliere.

Claus Niederau, Chefarzt und Vorstand der Deutschen Leberhilfe, versteht nicht, warum die Versorgungsämter die Begleiterscheinungen der chronischen Leberschädigung nicht anerkennen. Für ihn ist der Zusammenhang offensichtlich.

Neben den eigentlichen Leberschäden hat das Virus auch Auswirkungen auf andere Organe und das Allgemeinbefinden. Die Niere kann geschädigt werden, die Schilddrüse, da kann eine Fatique auftreten, also eine sogenannte nichtnormale Müdigkeit und viele andere Komplikationen. Da ist die Liste lang.

Claus Niederau, Klinikum Oberhausen

Gerade einmal 893 betroffene Frauen erhalten nach Angaben des Anti-D-Hilfevereins eine monatliche Rente, also nicht einmal ein Viertel der 4.689 infizierten Frauen. Über den Grad der Schädigung entscheidet der Amtsarzt in den Versorgungsämtern anhand von Gutachten und Laborbefunden. Weder Dietlind Matthies noch Birgit Hall wurden jemals persönlich begutachtet. Für den Experten Claus Niederau ist das ein Unding. Das könne man nicht nach Aktenlage beurteilen, ohne eine persönliche Begutachtung, sei eine Beurteilung unmöglich, erklärt der Mediziner.

Rentenleistungen werden auf Hartz IV angerechnet

Birgit Hall hat nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Versorgungsamt 434 Euro Rente monatlich erstritten. Doch weil sie als Betroffene eines Impfschadens gilt und nicht einer Arzneimittelstraftat, steht ihr diese Summe nicht uneingeschränkt zu. Als ihr Mann arbeitslos wurde und Hartz-IV-Leistungen beantragte, wurde ihre Entschädigungsrente zur Hälfte angerechnet.

Indes sieht das Bundesgesundheitsministerium keinen Bedarf für eine Änderung der aktuellen gesetzlichen Regelungen. Das Bundesgesundheitsministerium teilt schriftlich mit: „Ein Handlungsbedarf wird seitens der Bundesregierung derzeit nicht gesehen.“

Die Patientin Dietlind Matthies kann diesen Standpunkt nicht nachvollziehen:

Ich fordere auch die Bundesregierung auf mit ihren Ministerien, sich mehr um die Bürger zu kümmern, die unverschuldet in eine Straftat geraten sind. Wo einfach die Kraft nachlässt. Wir sind Menschen und keine Versorgungsnummern.

Dietlind Matthies

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. Oktober 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2018, 15:57 Uhr

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1 Kommentar

12.10.2018 21:41 Winter 1

"Um den Frauen zu helfen verabschiedete der Bundestag, dass AntiDHG." Welch Ironie- kein Gnadenakt vom Bundestag, sondern von den betroffenen Frauen, über viele Jahre schwer erkämpft. Aber nicht mit den Vorgaben der Frauen, sondern, entweder so oder gar nicht. Ein Kampf den schon viele mit den Tod bezahlt haben. Nun; " Ein Handlungsbedarf wird seitens der Bundesregierung derzeit nicht gesehen." Dessen Renten sind sicher,meine wird gemindert, ich war zu oft krank- weswegen wohl- genau- wegen einem Verbrechen. Sind Menschen in diesem Staat nur noch ein Wirtschaftsfaktor? Nach 40 Jahren immer noch kämpfen- warum- Zufall- gewollt?? Liebe Frauen nutzt eure letzte Kraft und lasst uns gemeinsam kämpfen auch um die Toden zu ehren.