exakt | 28.03.2018 Sexuelle Belästigung: Frauen berichten aus ihrem Alltag

Unter dem Hashtag „metoo“ berichten Frauen, wie sie sich von Männern belästigt oder bedroht gefühlt haben. Im Schutzraum eines Erfurter Taxis erzählen Frauen, wie (un)sicher sie sich in ihrem Alltag fühlen.

Nachttaxifahrerin am Steuer 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Laufe nachts nicht allein durch die Stadt! Melde dich, wenn du gut zu Hause angekommen bist! Oder rufe dir am besten ein Taxi, das ist am sichersten." – Welche Frau kennt solche Ratschläge nicht? Seit Oktober 2017 erzählen weltweit sehr viele Frauen unter dem Hashtag "metoo", wie sie sich von Männern belästigt, bedrängt oder bedroht gefühlt haben. Im Schutzraum eines Taxis und auf den Straßen Erfurts hat MDR-exakt mit Frauen darüber gesprochen, wie sicher oder unsicher sie sich in ihrem Alltag fühlen.

Wir sind mit Ines Biber unterwegs - einer Taxifahrerin. In einer Freitagnacht erreicht sie der erste Auftrag um Mitternacht – es geht ins Erfurter Kneipenviertel. In einer Nebenstraße vom "DASDIE BRETTL" warten zwei ältere Frauen. Sie waren im Kabarett. Um diese Uhrzeit eine Straßenbahn zu nehmen oder durch die verlassene Innenstadt zu laufen, kommt für die beiden nicht in Frage. "Weil man sich nicht sicher ist. Und weil ich nicht weiß, wie ich mich wehren soll." Im Dunkeln allein – für die Frauen ein seltsames Gefühl.

Angegafft

Frau in Taxi
Ines Biber weiß, wie sich wehren kann, wenn eine Situation unangenehm wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Frauen beginnt Belästigung auch schon vor dem Anfassen: "Schon alleine dieses Angucken oder dieses sich eine Wertung zu machen und dann ´hui´ oder ´pfui´."  In ihrem Taxi wird Ines Biber oft von Männern angegafft. Viele von ihnen sind betrunken und versuchen sie sogar anzufassen. Nach zehn Jahren hinter dem Steuer weiss die 52-Jährige sich aber zu wehren. Wenn ihr etwas unangenehm wird, dann sagt sie: "Hier das geht so nicht, nimm deine Finger weg, das kannst du zu Hause machen, bei deiner Frau!“ Man dürfe sich nichts gefallen lassen.

Belästigt

Vielen Frauen ist dieser Job zu heikel. Darum ist Ines Biber nur eine von wenigen, die in Erfurt nachts Taxi fahren. Ob im Job, auf der Straße oder in der eigenen Wohnung. Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen gibt an, schon einmal sexuell bedrängt oder belästigt worden zu sein. Vor einer Diskothek warten schon viele Taxen auf Nachtschwärmer, die nach Hause wollen. Junge Frauen berichten uns hier von negativen Erlebnissen: "Ganz ehrlich: Von jemanden zwischen die Beine gefasst zu werden, also im Club, hatte ich schon zwei drei Mal."

Strafbar

Das ist strafbar. Durch eine Gesetzesreform kann sexuelle Belästigung seit anderthalb Jahren angezeigt werden. Fahrerin Ines Biber glaubt, dass das bei vielen Frauen noch nicht durchgedrungen ist. Denn auch schwerer wiegende Übergriffe landen bisher kaum bei der Justiz. Die traurige Wahrheit: bis 2016 haben nur 10 Prozent aller Frauen, die in Deutschland eine sexuelle Gewalttat erlebt haben, diese auch angezeigt.

Die Taxifahrerin hält das für besorgniserregend. Sie denkt dabei an sich selbst und erzählt uns die Geschichte ihrer ersten Ehe. Die Probleme fingen klein an und endeten in Gewalt. "Festhalten im Bett, man stellt sich schlafend. Er kommt dann rein, dann gibt es eine rechts und eine links und dann lässt man es halt über sich ergehen, nur dass es nicht noch mehr Gewalteinwirkungen sind."

Gewalttätig

Trotz mehrfacher Übergriffe hielt die Ehe über zehn Jahre. Wie viele andere Betroffene, glaubte auch Ines Biber, dass sie es aushalten muss. „Wenn ich alleine gewesen wäre, wäre ich nach zwei Jahren von meinem Mann wieder getrennt gewesen.“ Sie habe gedacht, das Kind brauche einen Vater. „War vielleicht ein Fehler, weiß ich nicht.“

Es ist inzwischen vier Uhr morgens. Ihr letzter Auftrag führt Ines Biber zu einer Karaoke-Bar. Ein junges Pärchen möchte nach Hause. Sie haben heute den Geburtstag der jungen Studentin gefeiert. Sie erinnert sich an eine Situation, als sie ohne Begleitung aus war. "Da gibt es anscheinend gar keine Hemmungen, eine Frau in irgendeiner Weise anzumachen, anzusprechen, anzutanzen oder so." Manchmal wisse man sich einfach nicht zu helfen.

Eine Nacht im Taxi – die Frauen erzählten uns von Angst und unangenehmen Blicken aber auch von Übergriffen und Gewalt. Sie empören sich selten, wirken abgeklärt. Sexuelle Belästigung ist offenbar Alltag – aber "normal" finden wir das nicht – im Jahr eins nach #metoo.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 28. März 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2018, 18:46 Uhr