Eine Reinigungskraft
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FAKT | Das Erste | 13.03.2018 Knapp die Hälfte der Gebäudereiniger arbeitet für weniger als Mindestlohn

Eine Reinigungskraft
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Knapp jeder zweite Gebäudereiniger erhält den Mindestlohn, das hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung errechnet. Das bedeutet: Mehr als 300.000 Angestellte bekommen keinen Branchen-Mindestlohn. "Ich gehe davon aus dass dieser Bereich der Wirtschaft durch einen harten Preiskampf gekennzeichnet ist. […] Dieser Preiskampf droht natürlich ruinös zu werden", sagt Toralf Pusch von der Hans-Böckler-Stiftung. Ein Problem, das auch durch den Mindestlohn nicht aus der Welt geschafft worden sei.

Und: Ein Problem, das für die Menschen zu teils prekären Beschäftigungen führt. So war ein Gebäudereiniger einmal 18 Stunden auf den Beinen und hat 14 Stunden gearbeitet. Dafür hat der Mann nicht einmal den kompletten Lohn erhalten. Dahinter steckt offenbar eine Vorgehensweise in der Reinigungsbranche, durch die die Löhne der Beschäftigten gedrückt werden – und so der Mindestlohn umgangen wird.

Bis zu drei Monate auf Geld gewartet

Der junge Mann, der uns von seinen Erfahrungen berichtet, ist nicht mehr als Gebäudereiniger tätig. Dennoch möchte er anonym bleiben. Für seine Arbeit sollte er den Ost-Mindestlohn von 9,05 Euro verdienen. Seit dem 1. März 2018 gilt ein Mindestlohn von 9,55 Euro, Gewerkschaftsmitglieder erhalten diesen bereits seit dem 1. Januar 2018. Im Westen liegt er derzeit bei 10,30 Euro.

Egal wie hoch der Mindestlohn ist, es gibt Vorgaben, in wie vielen Stunden er ein Objekt geschafft haben soll. Diese liegen deutlich unter dem, was er tatsächlich an Zeit benötigt. An jenem 18-Stunden-Tag sei er angewiesen worden, mehrere Objekte zu reinigen.

"Man hat ja auch irgendwo Ansprüche an sich selbst", sagt der Mann. Er wolle seine Arbeit ordentlich erledigen. Es sollte unter anderem ein Baumarkt gereinigt werden. Diese große Fläche, das "schaffst du nicht in 3,25 Stunden. Es ist einfach nicht machbar - vor allem gründlich." Der junge Mann arbeitete also länger. Die Überstunden habe die Firma aber erstmal nicht bezahlt.

Ein weiterer Mitarbeiter derselben Firma sagt, er sei für die Abrechnung der Arbeitszeiten von mehr als 100 Angestellten zuständig gewesen. Für einen Großteil seiner Mitarbeiter seien Überstunden nicht bezahlt worden. "Da gab es Kollegen, die haben bis zu drei Monate auf ihr Geld gewartet. Und haben zum Teil die Stunden auch nicht bezahlt gekriegt", sagt der Mitarbeiter. Es sei das abgerechnet worden, was in der Kalkulation der Geschäftsleitung vorgeben wurde.

70 bis 80 Prozent der Lohnabrechnungen haben nicht gestimmt.

Mitarbeiter einer Reinigungsfirma

Beide Männer haben für eine Berliner Firma gearbeitet, die damals "Fritz Jahn Gebäudeservice" hieß. Sie gehört zu einem Reinigungsunternehmen aus Hannover - der Peter Schneider Unternehmensgruppe. Deren Jahresumsatz lag 2016 bei 76 Millionen Euro. Die Peter Schneider Gruppe weist die Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiter zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: "Alle Abweichungen […] werden [...] aufgezeichnet. Dies erfasst selbstverständlich auch Stunden, die aufgrund angeordneter Mehrarbeit erbracht wurden." Das heißt: Alle angeordneten Stunden werden bezahlt. Wenn jedoch ein Mitarbeiter sein Pensum nicht schafft: Selbst schuld.

Reinigungskraft 6 min
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Die Firma ist mit dieser Taktik nicht allein in der Branche. Gegen unrealistische Normen bei der Reinigung kämpfen die Gewerkschafter der IG Bau. Denn längere, unbezahlte Arbeitszeiten führten in der gesamten Branche letztlich dazu, dass die Gebäudereiniger den Mindestlohn nicht bekommen. "Es ist schon ein sehr deutliches Problem in der Reinigung. Es gibt eben nicht wenige Firmen, die sich mit der Unterschreitung des Mindestlohnes auch einen Wettbewerbsvorteil erhaschen wollen", sagt Mirko Hawighorst, Regionalleiter der IG Bau für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Der Bundesinnungsverband der Gebäudereiniger, der Arbeitgeberverband in der Branche, sieht hingegen kein generelles Problem. "Tatsache ist, dass Mindestlohnverstöße die große Ausnahme darstellen", sagte der Geschäftsführer Johannes Bungart. Sollten Mindestlohnverstöße keine Einzelfallerscheinungen bleiben, müsste das Mindestlohnsystem überdacht werden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 13. März 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 08:31 Uhr

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17 Kommentare

14.03.2018 15:31 elke 17

Nie wieder werd ich in einer Reinigungsfirma arbeiten,10 Jahre Erfahrung in etlichen Firmen ,immer wieder das gleiche .Wenn die nicht langsam umdenken ,werden die keine Leute mehr finden.Und das ist gut so ,Ich könnte hier einen ganzen Roman darüber schreiben wie in den Firmen betrogen wird ,nicht nur die Arbeitnehmer sondern auch der Staat,aber das ist mir jetzt egal ,nie wieder.

14.03.2018 03:59 Reiner 16

Im Krankenhaus sollte ich eine Station alleine innerhalb von vier Stunden meistern. Das habe ich ausprobiert und es geht einfach nicht in der Qualität, die ich selber als Patient erwarte. Bezahlt werden auch nur die vier Stunden wie man eingeteilt wurde. Ich habe es einfach körperlich nicht mehr geschafft und wurde gekündigt. Es herrscht im Bereich der Reinigungsbranche ein hoher Personalverschleiß. Die Verantwortlichen müssten an den Arbeitsbedingungen dringend etwas verbessern, anstatt auf die selbst verursachten freien Stellen in der Reinigungsbranche zu verweisen. Die Arbeit selber wäre gar nicht so schlimm, wenn nicht die unerfüllbaren Vorgaben so Wirklichkeit wären.

13.03.2018 22:08 Günter Hubl 15

Ihre Sendung, der Bericht zu Gebäudereinger-Firmen am 13.03.2018 ist in speziellen Fällen wie diesem sicher gerechtfertigt. Es ist jedoch eine Frechheit und Geschäftsschädigung denjenigen gegenüber, die wie wir korrekt mit unseren Arbeitnehmern umgehen. Hier werden wir, aufgrund schwarzer Schafe schamlos verunglimpft und öffentlich beschädigt. Ein entsprechender Gegenbericht für alle die korrekt bezahlen wäre dringend nötig. Günter Hubl

13.03.2018 21:56 M. Jopp 14

Hallo Fakt, einfach mal im eigenen Haus die Reinigungsverträge prüfen und dann die zu zahlenden Preise - ich schätze mal - um mindestens ein Drittel erhöhen.

13.03.2018 20:32 Hegler Clemens 13

Ich war duch einen Unfall bettlägerig und musste eine Hilfskraft bemühen ,einen Teil meiner täglichen Notwendigkeiten und Pflege zu übernehmen. Von meiner Krankenkasse wird so eine Hilfskraft nicht zu dem vorgesehenen Mindestlohn vergütet. So muß ich den Fehlbetrag zusätzlich aufbringen. Es werden auch nicht alle Stunden anerkannt und eigenmächtig geändert und sowieso gekürzt. Wenn unsere "Institutionen" wie eine gesetzliche Krankenkasse nicht einmal den Mindestlohn anerkennt, wie soll man das verstehen? Es bereichern sich die "Starken" und Gierigen an den Schwachen in der Gesellschaft und das gehört geächtet. Ferner sollte der Staat von selber solche Delikte prüfen und verfolgen....Ich würde gerne Mitarbeiter einer Krankenkasse persönlich haftbar machen, wenn sie solche Entscheidungen treffen.Denn eigentlich haben wir einen Rechtsrahmen.- Vielen Dank Clemens Hegler

13.03.2018 20:08 Eulenspiegel 12

Hallo Querdenker 9
„Was will die AfD? Ein Blick ins Programm zur Bundestagswahl 2017“
Und davor stand eben drin das die AfD gegen den Mindestlohn ist.
Hallo Klartexter 5
Da haben sie Recht das ist Betrug. Nur wo kein Kläger da kein Richter. Darum meine klare Aussage Arbeitnehmer brauchen eine starke Interessenvertretung. Und da müssen die Arbeitnehmer selbst für sorgen.

13.03.2018 18:14 Querdenker 11

Die bekommen nicht nur einen "Hungerlohn" für ihre "Drecksarbeit", sondern die sterben auch ggf. früher.

siehe "deutschlandfunk Wer viel putzt stirbt früher"

Zitat: „Bei männlichen Reinigungskräften steige das Sterberisiko um 45 Prozent im Vergleich zu Büroangestellten.“

Und das zusammen mit den unmenschlichen Akkord-Arbeitsbedingungen kann dann eine „tödliche Mischung“ sein.

Und die Politik schaut wieder mal zu. Kann sich ja günstig auf die Rentenkasse auswirken. Wer früher stirbt, kostet im Rentenalter weniger Geld.

13.03.2018 15:01 S 10

Reinigungskraft ist generell ein sehr "undankbarer" Job. Eigentlich dürften sich keine Leute mehr für den Job bewerben! Weil diese Menschen "der Depp" sind, die den Dreck anderer wegmachen müssen! Das hier der Mindeslohn umgangen wird.... naja ist noch mieser! Diese Firmen gehören angezeigt, wegen Betrug.

13.03.2018 13:55 Querdenker 9

@RZille 7

siehe „Was will die AfD? Ein Blick ins Programm zur Bundestagswahl 2017“

„Den Mindestlohn befürwortet sie, da er die Niedriglohnempfänger stärke. Außerdem möchte sie eine gesetzliche Obergrenze von 15 Prozent Leih- und Werksvertragsarbeitern in einem Unternehmen einführen.“

Womit ich nicht sage, dass die AfD die sozialste Partei ist, aber ihre Aussage kann ich so nicht nachvollziehen. Vielleicht früher mal?

13.03.2018 12:41 Querdenker 8

Diese Unternehmer gehören vor Gericht und diese untätigen Politiker alle abgewählt. Die diversen Tricks zur Umgehung von Mindestlöhnen sind doch schon sehr lange bekannt.

siehe auch „spiegel Bundestag speist Putzkräfte mit Dumpinglöhnen ab“