exakt | 04.04.2018 Bad Bibra: Molkerei schließt trotz schwarzer Zahlen

Im Herbst dieses Jahres hätte die die Burgenlandkäserei in Bad Bibra ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Doch dazu kommt es nicht mehr. Ende März hat die größte Molkerei Sachsen-Anhalts ihre Tore geschlossen. 106 Arbeitsplätze fallen damit weg. Dabei hat der Betrieb bis zuletzt schwarze Zahlen geschrieben.

Auch für Betriebsrat Peter Künne ist nach 21 Jahren Schluss. Für ihn und seine Kollegen gibt es wenig Aussicht auf neue Jobs in der strukturschwachen Region. Die Schließung ist ein herber Einschnitt für den 3.000-Einwohner-Ort Bad Bibra. An der Molkerei hängen auch Zulieferer, Handwerker und Steuereinnahmen für die Kommune. Für Peter Künne ist es erschreckend, "wie eine Region platt gemacht werden kann, durch so eine willkürliche Entscheidung eines großen deutschen Konzerns."

Die Molkerei war ein Vorzeigebetrieb

Der Konzern ist die Deutsche Milchkontor GmbH, kurz DMK. Mit 5,8 Milliarden Euro Umsatz ist sie der Branchenprimus im Milchgeschäft. Sie hat die Molkerei in Bad Bibra erst vor wenigen Jahren übernommen. Damals war die Traditionskäserei ein Vorzeigebetrieb in Ostdeutschland. Sie hatte die Wendezeit überstanden und mauserte sich zu einem Betrieb unter den Top 100 der Branche in Deutschland.

Im Herbst 2017 wurden die Schließungspläne bekannt. Als Grund nannte die Konzernspitze aus Bremen die Milchbauern in der Region, die ihre Lieferverträge mit dem Milchriesen gekündigt hatten. „Die Milchmenge in der Region ist rückläufig. Doch ohne Milch können wir nicht produzieren. Und das heißt: Wir müssen unsere Werkstrukturen an die geringere Milchmenge anpassen“, begründete die DMK ihr Vorgehen.

Landwirte wollten die Molkerei unterstützen

Einer dieser Landwirte ist Carsten Fischer von der Agrargenossenschaft Nebra. Auch er wollte keine Milch mehr an das DMK liefern. Aus Frust darüber, dass der Bremer Konzern zeitweilig die niedrigsten Milchpreise in ganz Deutschland zahlte. Doch als die Schließung der nah gelegenen Molkerei droht, sind er und andere Landwirte der Region bereit einzulenken. Aber Gespräche mit dem DMK verlaufen erfolglos. Für Carsten Fischer ist somit klar: "Die Milchmenge wurde vorgeschoben, war aber nicht der Grund für die Schließung der Molkerei."

Agrarökonom Professor Achim Spiller von der Universität Göttingen kennt die Milchbranche und die Marktstrategie des DMK gut. In seinen Augen wollte das DMK „das Unternehmen sein, was bestimmte Standardprodukte, Standard-Milchprodukte, Standard-Käseprodukte am allerkostengünstigsten herstellen kann und darüber die Mitbewerber aus dem Markt drängen.“ Statt regionale Molkereien und Markenprodukte also billige Massenproduktion. Dass das Arbeitsplätze kostet, spielt für den Konzern offenbar keine Rolle.

Kein Verkauf an die Konkurrenz

So passte es auch nicht in die Strategie des Unternehmens, die Molkerei an die Konkurrenz zu verkaufen, obwohl es Interessenten gab. Man plante lieber einen Millionenbetrag ein, um das Werk für immer platt zu machen, wie Peter Künne bei Verhandlungen am Runden Tisch erfuhr: "Für die Schließung des Standortes wurden mindestens 15 Millionen veranschlagt, die DMK wieder zurückstellen musste. Also im Endeffekt kostet die Schließung den Milcherzeuger mehr Geld, als wenn sie uns jetzt weiter betrieben hätten."

"exakt" fragt mehrfach beim Deutschen Milchkontor nach. Man ist jedoch nicht zu einem Interview bereit. Wie viel genau die Schließung kosten soll, ist Betriebsgeheimnis. Schriftlich heißt es: Man sei sich der Tragweite der Entscheidung bewusst und bedauere diese außerordentlich.

Für die Bürger von Bad Bibra klingt das alles andere als glaubwürdig. Für sie ist die Schließung ihrer Molkerei eine Entscheidung "ohne Rücksicht auf Verluste".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 4. April 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2018, 16:01 Uhr

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3 Kommentare

13.04.2018 10:51 Elsa 3

Das nennt man wohl freie Marktwirtschaft

Nur haben strukturschwache Regionen nicht auch alle Möglichkeiten Gewerbe anzusiedeln?

Ich musste die Region schon vor 4 Jahren verlassen ,nachdem ich dort 20 Jahre lang verzweifelt versucht habe, einen Job zu finden ,mit dem ich meine Familie ernähren kann.

05.04.2018 14:56 Claas Schmidt 2

Das Magazin heißt doch Exakt! Da würde ich hier auch eine ausgewogene, faire Berichterstattung erwarten.
Natürlich ist das für die Beschäftigten eine Katastrophe, keine Frage. Aber dass man eine Standortschließung mal so eben wieder rückgängig macht, weil EIN Landwirt es sich anders überlegt ist doch bei allem Verständnis für die Situation völlig unrealistisch.
Und wer sich in der Milchbranche auskennt weiß, das die DMK größter Produzent von Handelsmarken ist und eben gerade nicht regionale Produkte vermarktet. Das sollte auch ein Prof. Spiller wissen. Hier wird ein völlig falsches Bild erzeugt.
Journalistisch einseitig und unsauber!!

04.04.2018 20:30 Philipp 1

Könntet ihr bitte veröffentlichen, welche Produkte und unter welchem Namen sie die Produkte vertreiben, damit man weiß, welche Produkte man nicht mehr kaufen sollte. Seit Jahren kaufe ich auch keine Produkte, die zu dem Müller Konzern gehören.