exakt | 22.08.2018 Müllmann gesucht

von Alexander Ihme

Früher war es ein Job für Trinker und quasi "Unerwünschte" - Müllmann. Heute winkt in vielen Städten eine Festanstellung im öffentlichen Dienst, gut bezahlt und unbefristet. Der Haken ist immer noch der schmutzige Job. Körperlich anstrengend, immer draußen, geruchsintensiv. Jungen Leuten ist diese Arbeit oft einfach zu anstrengend - und sie hat immer noch ein schlechtes Image. Ich habe mich zwei Tage lang ganz in orange bei der Müllabfuhr in Jena verdingt.

Ein Einsatz bei der Müllabfuhr in Jena - mit Hindernissen: Bäume sind im Weg, Mülltonnen stellen sich quer und der Gestank wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Mein Praktikum bei der Müllabfuhr beginnt am frühen Morgen. Ich weiß nur, dass ich jetzt zwei Tage als sogenannter Belader durchziehen muss. Beim Kommunalservice der Stadt ist die Personaldecke dünn. Egal wie es mir ergeht, es wird niemand da sein, der im Notfall meine Schicht übernehmen kann. Deshalb bekomme ich vor dem Start eine ausführliche Arbeitsschutzbelehrung. Was alles schiefgehen kann, zeigt mir Einsatzleiter Mirco Grimmer und außerdem gibt’s noch praktische Tipps.

Nach einer knappen halben Stunde darf ich dann endlich ran an den LKW. Frank Rentsch ist heute der Fahrer. Und sitzt vorn. Ich dagegen werde den Großteil der nächsten acht Stunden hinten am Wagen verbringen. Wichtig ist, dass ich mich beiden Händen festhalte, gerade in Kurvenfahrten, haben schon Leute das Gleichgewicht verloren und konnten sich nicht halten, erklärt mir der Fahrer.

In Jena 80 Müllentsorger täglich im Einsatz

Den nötigen Respekt vor der Arbeit habe ich jetzt schon. Der dritte Mann im Team ist Steffen Müller. Insgesamt sind in Jena täglich etwa 80 Müllentsorger unterwegs. Bis zum Einsatzort darf ich mit vorn sitzen. Wir leeren Papiertonnen direkt in der Innenstadt. Das klingt einfacher als es ist, die Arbeit läuft noch nicht rund. Im Moment bin ich für die Kollegen in erster Linie eine Belastung. Ohne mich wären die beiden definitiv schneller.

Alexander Ihme schiebt Mülltonne
Stressiger Job - Pausen sind bei der Müllabfuhr selten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer als Belader im öffentlichen Dienst anfängt, bekommt etwa 1.800 Euro netto. Eigentlich kein schlechter Einstieg. Aber die Arbeit ist anstrengend und stressig. Ich denke, dass das hohe Arbeitstempo nicht für jeden das Richtige ist. Während wir hinten Mülltonnen leeren, muss Frank Rentsch schauen, wie er durch die nächste enge Straße navigiert. Etwas, was er auch nicht jedem Kraftfahrer zutraut.

Da die Leute zu finden, die dann wirklich dieses Gefühl dafür auch entwickeln können, für die Stra0ßen, wenn es gerade eng ist. Die dann wirklich auch da durchfahren können. Ja. Also das ist auch nicht jeden seins.

Frank Rentsch, Fahrer Stadtreinigung Jena

Gerade als ich beginne, mich mit der Situation zu arrangieren, kommt der Regen. Meinem Kollegen scheint das nichts auszumachen. Aber ich habe nasse Haare und das Wasser läuft mir den Rücken runter. Hunderte Papiertonnen später haben wir es geschafft - Mittagspause. Aber auch nicht zu lang. Ausruhen kann man sich auch nach der Arbeit gegen 15 Uhr am Nachmittag.

Zu DDR-Zeiten geriet der Job in Verruf

Frank Rentsch ist bald 30 Jahre bei der Müllabfuhr in Jena. Ende der Achtziger Jahre war der Job noch ein anderer. Damals arbeiteten sehr viele Trinker bei der Müllabfuhr und brachten die Arbeit in Verruf, erklärt Rentsch. Heute ist Frank Rentsch im öffentlichen Dienst angestellt. In seiner Freizeit bowlt er in der Landesliga Thüringen. Die geregelten Arbeitszeiten machen es möglich. Trotzdem will den Job kaum jemand machen. Warum, wird mir bald noch klarer werden.

Mit Karl-Heinz Losert und Olaf Ingber geht es am nächsten also auf Tour. Vermutlich wissen die beiden jetzt schon, dass ich mich bald nach den Papiertonnen zurücksehnen werde, denn heute sind die braunen dran – der Biomüll. Die Tonnen sind schwerer und da ich in jede reinschauen muss, um zu sehen, dass wirklich nur Biomüll drin ist, merke ich es sofort: ein beißender, saurer Geruch steigt mit in die Nase.

Die Arbeit bei der Müllabfuhr strengt an, ein Fitnessstudio braucht man bei dieser Arbeit nicht. Unser Fahrer leistet in den engen Straßen von Jena wieder fast Unmögliches. Einen Vorteil hat der Biomüll: er ist schwerer und der Wagen muss zwischendurch ausladen. Eine Pause, denke ich. Doch dann ergießen sich fünf Tonnen Gestank in den Container. Auch wenn hier Gartenabfälle dabei sind – der Geruch ist betäubend. Meine Hochachtung für Männer wie Olaf.

Fahrer, die schon 21 Jahre dabei sind bekommen etwa 1.950 Euro netto für diese Arbeit. Ich wundere mich, dass das nicht attraktiv ist.

Niemand will hier anfangen. Die bleiben nicht lange da, die gehen wieder fort. Gucken sich es sich vielleicht einen Monat oder zwei an und dann sagen sie auf Wiedersehen.

Olaf Ingber, Stadtreinigung Jena

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. August 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2018, 20:09 Uhr

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1 Kommentar

24.08.2018 08:31 Fahrerfrau 1

mein Freund wahr bei euch beschäftigt und hat dieses Gehalt nicht verdint. Weiler in eure Servicegesellschaft ausgegliedert wurde. Deshalb bleiben die Leute auch meist nur Monate, weil sie deutlich weniger verdinen, weniger Urlaub haben und nicht unbefristet beschäftigt werden. Und das bei selber Arbeit.