Diana Oertel. Ein Frau lächelt in die Kamera.
Diana Oertel hat insgesamt vier Jobs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 24.01.2018 Wenn ein Job nicht zum Leben reicht

Diana Oertel wurde 2015 gekündigt. Seitdem ist die 52-Jährige selbstständig und arbeitet in vier Jobs. Die Mutter von fünf Kindern ist eine von mehr als drei Millionen Deutschen mit mindestens einem Nebenjob.

von Florian Farken und Marcel Siepmann

Diana Oertel. Ein Frau lächelt in die Kamera.
Diana Oertel hat insgesamt vier Jobs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur das Knistern der Zeitung ist zu hören, manchmal das leise Abstellen ihrer Kaffeetasse. Das ist Diana Oertels Moment. Früh morgens, wenn sie ihre Kinder in die Schule verabschiedet hat, hat sie eine halbe Stunde nur für sich. Aus ihrer bauchigen, gelben Tasse trinkt sie bedächtig ihren Kaffee und lässt ihre Augen über die Zeitung huschen. "Hier kann ich kurz lesen und mich ablenken. Aber trotzdem lege ich mir im Kopf den Tag zurecht. Heute kommt das, das, das und das", sagt sie und hakt in der Luft ihre To-Do-Liste ab.

Beim Blick auf die Uhr schreckt die 52-Jährige hoch. Zu zwei von insgesamt vier Jobs muss sie heute. Kommt sie beim ersten zu spät, hat sie am Ende des Tages viel Stress. Oertel ist selbstständige Reinigungskraft, aber auch noch angestellte Kassiererin bei einem Discounter, arbeitet als Minijobberin in einer Spielothek und hilft als Selbständige in einem Backshop aus. Mit diesen vier Jobs bleiben ihr nach eigener Rechnung knapp 1.500 Euro im Monat.

Hartz-IV-Reformen: Immer mehr Menschen mit Nebenjob

Oertel ist damit Teil einer Entwicklung, die der Nürnberger Arbeitsmarktforscher Enzo Weber untersucht hat. Er hat zu Mini- und Nebenjobs und ihrer Entwicklung seit den Hartz-Reformen 2003 geforscht. Der Wissenschaftler von einer Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit rechnet vor: 2003 hätten noch 1,25 Millionen Menschen einen Nebenjob gehabt, im Jahr 2017 seien es 3,2 Millionen Menschen gewesen.

Wischmob mit Scheuerlappen auf Fliesenboden, daneben ein Wassereimer.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oertel ist gegen halb zehn in der Nähe von Gera bei ihrem ersten Kunden angekommen. "Jetzt gerade in diesem Moment bin ich selbstständige Reinigungskraft. Ich putze bei Privatleuten", sagt sie. Während sie die Hemden des älteren Herren mit gleichmäßigen Bewegungen bügelt, denkt sie laut darüber nach, was sich für sie verändern müsste: "Also, wenn ich beim Discounter mehr arbeiten könnte, dann wäre das natürlich gut. Dann würde ich den Minijob sofort streichen und nur noch selbstständig sauber machen."

Putzfrau, Verkäuferin, Kassiererin und Spielotheks-Mitarbeiterin

Doch die Chance bekommt sie nicht. Denn der Discounter stellt, so erzählt es Oertel, lieber mehr Mitarbeiter mit weniger Stunden ein. Viele müssten sich deshalb nebenbei noch Minijobs suchen. Da sie nur zwölf Stunden pro Woche beim Discounter arbeitet, überwiegen für Oertel die Vorteile, noch einen Minijob anzunehmen: "Ich zahle mit dem Minijob in der Spielothek freiwillig in die Rentenkasse ein, aber ansonsten habe ich keine Abgaben. Also habe ich 425 Euro raus."

Das sind mindestens zwei Wochen Einkauf für die Familie.

Diana Oertel

So sieht es auch der Bundesverband der Arbeitgeber. Minijobs seien ein "wichtiges Flexibilitätsinstrument im deutschen Arbeitsmarkt". Und mehr Geld durch einen weiteren Job wie bei Diana Oertel sei nur sinnvoll, "wenn es besonders attraktiv ist, zum Beispiel durch 'brutto für netto'", schreiben die Arbeitgebervertreter.

Dem widerspricht Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) nicht. "Es geht nicht darum, Geringverdienern Arbeit wegzunehmen. Nur politisch sinnvoll wäre, wenn ein Arbeitnehmer wenig im Hauptjob verdient, dass er dann auch weniger Abgaben zahlen müsste. Anstatt Minijobs zu fördern, sollten wir dafür sorgen, dass in den ersten Jobs mehr verdient wird."

Weber schlägt vor, dass Menschen, die wenig mit ihrem Job verdienen, nicht finanziell auf Minijobs angewiesen sind. Den Vorschlag des Forschers weisen die Arbeitgebervertreter zurück: "Es ist zu erwarten, dass insbesondere bei sozialversicherungsrechtlicher Verkomplizierung die Flucht in die Schwarzarbeit folgt. Genau das wollte und will doch niemand."

Die Familie bleibt dabei auf der Strecke

Verkompliziert hat sich für Oertel vor allem der Arbeitsalltag, seitdem sie vier Jobs parallel macht. "Ich vergesse zwar nicht, bei welcher Arbeit ich gerade bin, aber zeitlich komme ich schon durcheinander. Ich habe mir zu Hause eine große Liste gemacht, um zu sehen, zu welcher Arbeit ich an welchem Tag um wieviel Uhr muss."

Um 12 Uhr ist sie mit Putzen fertig, schwingt sich ins Auto und fährt zum nächsten Job. Die Mittagspause lässt sie ausfallen und isst stattdessen im Auto. Pünktlich schafft sie es zum Backshop und streift sich eine Jacke über. "Jetzt bin ich bis zum Feierabend die Verkäuferin", lacht sie.

Selbständige Reinigungskraft, Discounter-Kassiererin, Backshop-Verkäuferin, Spielothek-Mitarbeiterin. Ein "Job" bleibt dabei auf der Strecke. Die fünffache Mutter kann sich nicht so intensiv, wie sie es gern hätte, um die drei Kinder kümmern, die noch zu Hause wohnen. Stattdessen versucht sie viel mit ihnen zu telefonieren. "Ich kriege manchmal zu Hause nicht viel mit. Da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Aber ich habe auch zu meinen Kindern gesagt: 'Entweder wir kaufen Spielzeug, da könnt ihr dann dran knabbern oder wir kaufen zu essen.'"

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 24.01.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 18:47 Uhr

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20 Kommentare

25.01.2018 09:11 bentin 20

Ich hatte mir den Bericht im TV angeschaut. Unwichtig, mit welchem Schul- und Berufsabschluss und warum jemand zu solchen Jobs genötigt wird. Dem einzelnen kleinen Arbeitgeber darf man nichts vorwerfen. Aber - wenn sie monatlich €1.500 brutto wie netto hat und auch ihr Arbeitstag nicht länger ist als bei Vollzeit-Jobbern, dann ist es geheuchelt, wenn noch mehr Stütze fließen soll. Statt auch mal daran zu denken, wie schwer jemand in Vollzeit ackert und nach Abzug aller Zwangssteuern und Abgaben auch nur mit €1.500 existieren muss. Von daher geht es ihr selbst eigentlich besser als anderen. Sie halt verschiedene Tätigkeiten an mehreren Orten. Wo wirkliches Problem?

25.01.2018 08:58 Alf 19

Simmt schon, alles in allem keine befriedigende Situation. Aber die Angaben zum Einkommen - da scheint was zu fehlen. Kein Wort im Artikel von einem Partner bzw. Ehemann. Und wenn der nicht da ist, dann gibt es aber doch sicher die Unterhaltszahlungen für mindestens die drei im Haushalt lebenden Kinder...?

25.01.2018 06:22 Frank der Baugutachter 18

1990 haben sich die Menschen der DDR für den Rückschritt entschieden. Der Weg zur Erneuerung dauerte Ihnen zu lang ! Nur wenige waren bereit mit anzupacken. Wer mit offenen Augen durch das Land fährt sieht jetzt was Sache ist.

24.01.2018 00:32 Eulenspiegel 17

Also die Forderung nach Vollzeitstellen ist richtig. Wobei ich sagen muss das S. Müller auch nicht ganz unrecht hat. Als ehemaliger Handwerker habe ich die Leute bedauert die Tag für Tag immer am gleichen Ort arbeiten müssen. Und auch Heute noch als Rentner sehe ich viele Orte wo ich mir sage ist ja ganz schön hier für mich aber wenn ich daran denke das hier Leute Tag für Tag Arbeiten müssen. Frau Oertel hat ihren abwechslungsreichen Arbeitstag um den sie viele beneiden. Und Stress den haben alle Arbeitnehmer.Sie hat eigentlich nur einen Punkt zum klagen das eben nur knapp 1.500 Euro im Monat dabei heraus kommen. Es sollte etwas mehr sein.

24.01.2018 00:13 part 16

Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen erreicht nun mittlerweile auch in Europa amerikanische Dimensionen, wohl noch mit einem Minderheitsmaß an Existenzminimum, aber wie lange noch? Die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen ist aber auch den vorherrschenden gesetzlichen Regelungen geschuldet, die wiederum nicht Beschäftigte begünstigen sondern Unternehmen ( Trusts, Kartelle, Konzerne, Aktiengesellschaften usw.). Eine Zweiteilung ist eingetreten auf dem Arbeitsmarkt, entweder Vollzeitstellen mit Überstundennanteil ohne Ende oder die Geringfügigkeitsjobs als Erfolgsmodell um Sozialabgebaben einzusparen, wenn Unternehmen vieleicht sonst schon keine Steuern bezahlen, wegen gesetzlicher Begünstigungsverhältnisse. Nimmt man dann noch die geplante Automatisierungswelle + Einsatz von KI hinzu, die ebenfalls nicht mit Steuern belegt werden wird ohne Sozialabgaben zu generieren auf Wertschöpfung, so wir klar wo die Richtung hingeht.

24.01.2018 22:12 petrafel 15

Mir stellt sich bei solchen Berichten die immer gleiche Frage: Wo ist der Vater der fünf Kinder???????

24.01.2018 20:49 S. Müller 14

Wo ist das Problem? Die fleißige Frau arbeitet wie jeder andere und erwirtschaftet ein durchschnittliches Einkommen. 4 Jobs heißt ja schließlich nicht 4 mal 40 Arbeitsstunden. Jeder Außendienstler wechselt mehr als ein Mal am Tag seinen Arbeitsplatz. Wenn sie die Abrechnung der Selbstständigkeit ohne Stress auf die Reihe bekommt, finde ich diesen Lebensentwurf gut abwechslungsreich. Als fünffache Mutter Vollzeit zu arbeiten- egal ob an einer oder an 4 Arbeitsstellen- verdient allemal Respekt.

24.01.2018 18:57 Sachse43 13

Wenn ihr Merkel und co. weiterhin wählt, wird sich daran nichts ändern. Mir geht es ähnlich wie Frau Oertel. Wehe man fällt mal aus, die Mahnungen von Finanzamt und co. kommen pünktlich. Hätte ich die Möglichkeit, ich würde der BRD adieau sagen.

24.01.2018 18:12 Michaela 12

Warum wohl wollte die damalige BRD eine schnelle Vereinigung? Inzwischen dürfte es jeder wissen!

24.01.2018 16:56 Renate 11

Ich habe mir auch die Frage gestellt, ob Hartz IV auch Hartz IV beibt. Der Grund ist immer der Gleiche.
Jobs, Jobs und immer wieder Jobs. Aber keiner tut was dagegen. Oder muss man sagen, dass Hartz IV immer Hartz IV beibt. Da helfen auch keine weiteren Flops für Jobs. Und wenn wir nicht mehr in der EU auf
Platz 7 sind, wie könnte dann unser tägliches Brot aussehen???. Hurra, wir sind alle auf Slum4 herunterkonsumiert. Amen. Wir schaffen das!!!