exakt | 22.08.2018 Neonazitreff in der Kleingartensparte

Steffen Pätzig in seinem Kleingarten in Dresden. Ruhe findet er hier schon lange nicht mehr, sein kleines Paradies bröckelt. Denn Pätzig wird bedroht und beschimpft. Der Gartenfreund erzählt von nächtlichen Angriffen, zeigt Flugblätter, die Unbekannte hier verteilt haben. Wer diese Schmähbriefe aufgehängt hat, weiß Pätzig nicht. Doch er hat sich Feinde gemacht. Vor eineinhalb Jahren erfuhr er, dass sich Mitglieder der rechtsextremen „Freien Kameradschaft Dresden“ in der Gartenanlage trafen. Pätzig ist geschockt.

Neonazi-Liederabende im Vereinsheim

Mann hält Schmähblatt in die Kamera
Steffen Pätzig zeigt Schmähbrief Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Regelmäßige Liederabende der Neonazi-Szene hier in seinem Vereinsheim? Steffen Pätzig wollte das nicht. Er distanzierte sich davon in der Presse und erteilte dem Organisator René Despang Hausverbot.

Der ehemalige NPD-Politiker Despang meldete 2015 zum ersten Mal eine Feier an, offenbar seinen Geburtstag. Bald traf sich hier die rechtsextreme Szene regelmäßig. Höhepunkt: Der Auftritt des bekannten Liedermachers Frank Rennicke, mit rund 100 Rechtsextremisten. Unter ihnen auch Mitglieder der „Freien Kameradschaft Dresden“, die jetzt wegen anderer Taten vor Gericht stehen. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft der Gruppe 14 Straftaten vor. Unter anderem versuchte Brandstiftung, Körperverletzung und Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion.

Gastwirt des Vereinslokals gewährte Neonazis Zutritt

Der mutmaßliche Anführer Benjamin Z. sitzt derzeit in Untersuchungshaft, der Prozess gegen ihn läuft. Er war ein enger Freund von René Despang. Auf einem Foto sind beide beim geselligen Abend im Vereinsheim der Kleingartenanlage zu sehen. Wieso ließ der Wirt zu, dass solche Partys fast zwei Jahre lang in seinem Räumen gefeiert wurden? Steffen Pätzig erzählt uns, dass er das Gespräch suchte: Der Wirt habe ihm gesagt, er brauche die Gäste, weil die Gartenfreunde nicht kommen.

Als der Pachtvertrag mit dem Gastwirt im Mai 2017 ausläuft, ist hier Schluss mit den rechten Liederabenden, aber erst der Anfang der Anfeindungen gegen Pätzig. Die ersten Schmähbriefe wurden im Sommer 2017 aufgehängt. Dann ein Paar Boxhandschuhe. Der Kleingärtner erzählt uns, eines Nachts sei er in der Nähe seiner Parzelle verprügelt worden. Seitdem hat er Angst vor weiteren Übergriffen.

Steigende Zahl von Veranstaltungsorten für Neonazis

Der Wirt, der an den Veranstaltungen der Neonazis über zwei Jahre verdiente, erklärt er uns: Die Straftaten der "Freien Kameradschaft Dresden" würde er nicht gut heißen. Dass er sie als  Gäste bewirtet habe, würde er aber nicht bereuen.

In den letzten Jahren wurden Rechtsextremen sachsenweit immer mehr Orte zur Verfügung gestellt. Waren es 2015 noch 28, sind es im Jahr 2016 schon 45 Orte, an denen unter anderem die Neonazi-Szene ideologisch aufgeladene Liederabende und Konzerte abhält. Laut Verfassungsschutz hat sich die Anzahl solcher Veranstaltungen im vergangenen Jahr verdoppelt. Die rechtsextreme Szene konzentriere sich wieder auf ihr eigentliches Anliegen: rechtsradikale Ideologien zu verbreiten.

Jetzt, da die Flüchtlingsdebatte nicht mehr in der gesellschaftlichen Diskussion so einen hohen Stellenwert hat, gibt es bei allen rechtsextremistischen Akteuren, bei den parteilichen aber auch bei den nicht parteilich gebundenen rechtsextremistischen Akteuren, eine Rückbesinnung auf das Eigentliche. Man versucht, die Szene zu festigen, zu mobilisieren.

Martin Döring, Verfassungsschutz Sachsen
Rechte Band "True Agression" auf Bühne
Rechtsextreme Band "True Agression" auf der Bühne Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch in einem Ferienheim in Moritzburg soll es im Mai 2017 ein Nazikonzert gegeben haben. Rechtsextreme Bands wie "True Agression" und "Hobbit" aus Italien spielten hier vor 130 Gästen.

Erst ein Jahr nach dem Ereignis hat der Bürgermeister von Moritzburg von dem Konzert erfahren. Er ist heute noch schockiert und hätte sich gewünscht, noch früher von der Veranstaltung gewusst zu haben. Seiner Gemeinde gehört das Grundstück. Jetzt, da er von den Vorfällen weiß, will der Bürgermeister aufklären, wie es dazu kommen konnte.

Keine Aufklärung durch Behörden

Bei den Gartenfreunden des Sommerland e.V. in Dresden wird der Vorsitzende Steffen Pätzig bei einer Sitzung des Vereins kritisiert. Er hätte die Angelegenheit in die Öffentlichkeit getragen. Das würde den Rechten nur nutzen - diese Aufmerksamkeit in der Presse. Und wieder hören wir den Vorwurf: Uns hat keiner gesagt, wer da eigentlich bei uns verkehrt.

Hat der Verfassungsschutz tatsächlich bewusst Informationen einbehalten? Verfassungsschützer Martin Döring will sich zum konkreten Fall nicht äußern. Beruft sich aber auf laufende Ermittlungsverfahren - aus ermittlungstaktischen Gründen könne man nicht alle Informationen veröffentlichen. Auch die zuständige Polizeidienststelle wusste offenbar Bescheid. Doch auch die informierte niemanden im Kleingartenverein. Der Leidtragende: Steffen Pätzig. Er hofft, dass die Hetzjagd auf ihn bald endet, die Ermittler die Verantwortlichen stellen. Damit hier endlich wieder Frieden einkehrt.

Richtigstellung: In einer früheren Version dieses Beitrages berichteten wir, dass der „SJD - sozialistische Kinder- und Jugendverband - Die Falken“ der Verwalter des Ferienheims in Moritzburg sei, in dem das rechtsextreme Konzert stattfand. Das ist nicht korrekt. Der „SJD – sozialistische Kinder- und Jugendverband - Die Falken“ legt Wert auf die Feststellung, dass die Verwaltung nicht ihm, sondern dem eingetragenen Verein „Die Falken, KV Dresden e.V.“ obliege, welcher mit dem „SJD – sozialistischer Kinder- und Jugendverband - Die Falken“ nicht identisch sei.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. August 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 14:26 Uhr

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