exakt | 28.06.2017 Pflegedienst-Notstand auf dem Land

Jeder Morgen beginnt für Karin Rösler um 05:45 Uhr. Die 52-Jährige aus dem kleinen Ort Burgtonna bei Gotha pflegt ihren Mann Stefan allein. Weil sie erst keinen Pflegedienst fand – und es ihrem Mann dann so auch lieber war. Vor sechs Jahren hatte Stefan Rösler einen Schlaganfall. Er ist seitdem auf der linken Seite gelähmt. Der 53-Jährige wird nach dem neuen System als Pflegegrad 5 eingestuft. Er bekommt 900 Euro Pflegegeld im Monat plus 125 Euro Sachleistung. Davon bezahlten sie bis vor kurzem eine Haushaltshilfe. Wenigstens dafür hatten sie einen Pflegedienst gefunden.

Ich muss ja alles regeln alleine. Es ist ja egal, ob das jetzt die Pflege direkt betrifft oder die vielen Dinge, die drum herum passieren. Das sind Anrufe bei den Ärzten, Termine machen. Die Fahrten organisieren, dann muss ich gucken, dass ich das möglichst in eine Zeit packe, wo ich auch kann, weil ich geh voll arbeiten.

Karin Rösler

Wegen Personalmangels hat ihr der Pflegedienst diese Unterstützung Im Haushalt nach knapp drei Jahren abgesagt. Die Betreuung ihres Mannes, Hausarbeit und ihre Vollzeitstelle bringen die Finanzangestellte an ihre Belastungsgrenze.

06:30 Uhr wird Stefan Rösler vom Fahrdienst abgeholt. Er ist tagsüber in einer Behindertenwerkstatt, während seine Frau arbeitet. Schon eine kleine Unterstützung im Haushalt für einige Stunden in der Woche würde helfen. Karin Rösler startet einen neuen Versuch jemanden zu finden. Von sieben Pflegediensten, die sie anruft, wäre nur einer bereit zu helfen. Doch der verlangt für die Haushaltshilfe mehr Geld, als Karin Rösler ausgeben will.

Kathrin Helbing betreibt selber einen Pflegedienst im ländlichen Raum Thüringens und kennt das Problem der fehlenden Pfleger im ländlichen Raum. Die 52-Jährige und ihre Mitarbeiter betreuen täglich 85 Patienten.

Wir erhalten auch schon ganz viele Nachfragen. Aber das funktioniert halt nicht mehr, weil wir das einfach nicht mehr abdecken können, auch personalmäßig nicht.

Kathrin Helbing

Knapp 700 offene Stellen meldet die Thüringer Pflegebranche zurzeit. Ein weiteres Problem der Pflegedienste auf dem Land sind die Entfernungen zwischen den Patienten. Egal, wie weit die Schwestern und Helfer fahren: Sie bekommen eine Pauschale von maximal 2,69 Euro, aber auch nur für die medizinische Leistungen, nicht für die Hilfe zu Hause.

Unser Umfeld umgibt ungefähr jetzt nur einen Umkreis bis zu zwölf Kilometer. Aber das ist auch das Maximum. Die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, das Spritgeld, was da extra noch dazu kommt. Das ist dann einfach zu viel.

Kathrin Helbing

Das heißt im Klartext: Patienten, die zu weit außerhalb wohnen, haben schlechtere Chancen, einen Pflegedienst zu finden. Bei denen, die sie betreuen, erleben die Pflegedienste häufig, dass sie mit den Kassen ums Geld kämpfen. Die Probleme kennt auch Thomas Engemann, der Thüringer Landesbeauftragte des Berufsverbandes privater Anbieter.

Das ist seit Jahren so, dass die Kassen an der Stelle auf der Bremse stehen. Bei der Preisentwicklung für die Leistungen. Und die Pflegedienste und Pflegeheime bislang in Thüringen längst nicht aufschließen konnten, zu dem Vergütungsniveau, was in den benachbarten westlichen Bundesländern herrscht.

Thomas Engemann

Karin Rösler hat noch immer keinen Pflegedienst gefunden, der ihr im Haushalt Unterstützung geben könnte. Nun bleibt alles an ihr hängen. Sie steht unter enormen Druck. Nicht auszudenken, wenn sie einmal ausfällt, sagt sie, dann bliebe für ihren Mann nur das Heim.

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 18:19 Uhr

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