exakt | 22.08.2018 Zeitzeuge Christoph Wonneberger und der Prager Frühling

Christoph Wonneberger fährt mit Exakt nach Prag. Vor genau 50 Jahren hat er die Tour schon einmal gemacht. Als 24-jähriger Theologiestudent. Der spätere Pfarrer Christoph Wonneberger wurde im Herbst ´89 deutschlandweit bekannt als einer der wichtigsten Wegbereiter der friedlichen Revolution. Er leitete in der DDR jahrelang Menschenrechtsgruppen und war einer der Pfarrer der berühmten Leipziger Friedensgebete. Vor 50 Jahren wollte er sich vor Ort ein Bild von den demokratischen Reformen der tschechoslowakischen kommunistischen Partei machen.

Seit Anfang des Jahres 1968 war Alexander Dubcek 1. Sekretär der Partei und reformierte den Sozialismus in der CSSR. Pressefreiheit wurde eingeführt und die Zensur abgeschafft. Auch das Wirtschaftssystem sollte reformiert werden. Christoph Wonneberger war dabei als sich am 21. August alles änderte. Um 5:00 Uhr morgens wurde er von dröhnendem Lärm jäh aus dem Schlaf gerissen. Er rannte auf die Straße, um zu sehen was los ist.

Und dann habe ich die Bescherung gesehen. Ringsum waren überall Panzer hier. Und dann gab es Auseinandersetzungen mit Panzern, viele sind auf die Panzer gestiegen, ohne aggressiv zu sein und haben versucht, mit denen zu diskutieren.

Christoph Wonneberger, Zeitzeuge

Die Machthaber im Kreml hatten in der Nacht 6.000 Panzer und fast eine halbe Million Soldaten geschickt, um das Land zu besetzen. Der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war den Stalinisten ein Dorn im Auge. Das tschechische Volk stellte sich den Panzern vergeblich in den Weg. 150 Menschen starben und über 700 wurden verletzt.

Der heute 74-jährige Wonneberger hielt die schockierenden Ereignisse mit seinem Fotoapparat fest. Christoph Wonneberger zeigt uns heute die Orte, an denen er damals unterwegs war und unter Gefahr fotografierte. Zum Beispiel das Rundfunkgebäude. Hier wendete sich Alexander Dubcek vor 50 Jahren an sein Volk, die Invasoren griffen daraufhin den Rundfunk an.

An dieser Stelle kam ich dann gar nicht mehr weiter, dann stand hier die Straßenbahn quer, die hatten Leute umgeworfen - als Barrikade.

Christoph Wonneberger, Zeitzeuge

Auf dem Wenzelsplatz stehen heute überall Schautafeln, die die Niederschlagung des Prager Frühlings zeigen. Christoph Wonneberger erinnert sich auch an dramatische Gegenwehr.

Auf dieser Hauptstraße bin ich den Panzern entgegengekommen und dann habe ich gesehen wie mehrmals junge Leute auf die Panzer aufgestiegen sind, mit einer Hacke. Die haben ein Loch in dieses Fass reingeschlagen und dann ist der Diesel herausgeflossen und sie haben den Diesel angezündet. Und der ganze Panzer war ein einziger Feuerball.

Christoph Wonneberger, Zeitzeuge

Aus solchen Szenen schöpfte Christoph Wonneberger Mut, dass Widerstand selbst in einer Diktatur möglich ist. Und er lernte auch, dass gegen Panzer Gewalt keine Chance hat, bestenfalls demonstrative Friedfertigkeit.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. August 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2018, 20:09 Uhr

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