exakt | 30.05.2018 Reporter im Praktikum: Beim Lieferdienst

Sie gehören mittlerweile zum Stadtbild: Die Fahrrad-Fahrer mit ihren großen Rucksäcken, in denen sie Essen und Getränke transportieren. Ein moderner und flexibler Job sei das, verspricht einer der größten Anbieter auf dem Markt. Wir haben einen Selbstversuch beim Lieferdienst Foodora gestartet.

Ein Büro von Foodora gibt es in Leipzig nicht. Unser Reporter beginnt seine Schicht in einer sogenannten Startzone. Nur dort können die Fahrer sich per App zu ihrem Dienst anmelden. Sie werden angehalten, die vom Unternehmen gestellte Kleidung zu tragen. Dazu kommt noch die riesige Wärmebox auf dem Rücken. Mit einem Leergewicht von vier Kilo ist sie schon sehr schwer.

Bei mir im Team war tatsächlich mal jemand, der das einfach vom Rücken her nicht geschafft hat mit dem Rucksack.

Stephan Garling, Teamleiter Foodora Leipzig

Das Prinzip hinter Foodora ist simpel: Läden ohne eigenen Lieferdienst schließen mit Foodora einen Vertrag ab – weltweit sind das etwa 10.000. Etwa genauso viele Fahrer transportieren die Bestellungen dann nach Hause. Von den Einnahmen jeder Bestellung gehen 30 Prozent an Foodora. Nicht wenige Restaurants bieten deshalb ihr Essen über den Dienstleister teurer an als im Laden.

Praktikum Fahrradkurier
Neun Euro pro Stunde bekommt ein Fahrradkurier. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die erste Schicht des Tages beginnt für unseren Reporter um 11:30 Uhr. Rund 75 Fahrer decken in Leipzig ein rund 24 Quadratkilometer großes Liefergebiet ab. Dafür erhalten sie neun Euro die Stunde. Die Aufträge kommen per App auf das Smartphone. Dort müssen sie angenommen und, nach erfolgreicher Lieferung, auch abgeschlossen werden. Sehr umständlich, wie unser Reporter findet. Für Smartphone und Internetgebühren müssen die Fahrer selbst aufkommen.

Die Fahrer stehen permanent unter Druck: Nur wer viele Wochenend-Schichten fährt, nie ausfällt und mindestens zwei Aufträge pro Stunde schafft, dessen Stundenlohn erhöht sich um einen Euro. Bei Verkehrsbehinderungen oder sonstigen Verzögerungen ist dies allerdings kaum machbar.

Zusätzlich müssen alle Fahrer pro Woche Mindeststunden ableisten, die vertraglich gefordert sind. Wenn ein Fahrer es nicht schafft, seine Mindeststunden zu erfüllen, bekommt er Stunden zugewiesen. Sollte er diese dann nicht ableisten und sein Versäumnis nicht plausibel rechtfertigen, droht nach drei Abmahnungen die Kündigung.

Ein weiteres Problem, dass auch unserem Reporter nach nur einem Tag auffällt, ist der Verschleiß am Fahrrad. Denn für Ersatzteile mussten die Fahrer bisher selbst aufkommen. Mittlerweile bekommen sie 25 Cent pro gefahrene Stunde, die auf einem Extra-Konto gesammelt werden. Dieses Geld sollen die Fahrer dann bei einem Dienstleister eintauschen, der eine mobile Fahrradwerkstatt betreibt.

Und jetzt kommt der Haken: Dieses Mobil hat noch nie jemand gesehen. Zumindest nicht in Leipzig. Und es wird auch nicht Bescheid gesagt, wann das kommt, ob es kommt.

Theresa Ingendaay, ehemalige Foodora-Fahrerin
Praktikum Fahrradkurier
Bei einer Fahrradpanne oder Verschleißteilen bleiben die Kuriere oft auf den Kosten sitzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu Besuch in der Foodora Zentrale in Berlin. Der Lieferdienst ist Teil der milliardenschweren Delivery Hero Aktiengesellschaft. Auf das Problem mit der mobilen Werkstatt angesprochen, gibt Pressesprecher Vincent Pfeifer zu, dass diese nicht flächendeckend im Einsatz sei. Fahrer könnten allerdings Rechnungen von normalen Fahrradläden vorlegen. Foodora prüfe diese dann und erstatte die Kosten in der Regel. Doch Fahrer berichteten immer wieder, dass genau diese Variante nicht funktioniere. Pfeiffer kann das nicht bestätigen. Die Theorie besagt, dass es so funktionieren müsse, so Pfeiffer. Auch bei den neun Euro Stundenlohn sieht er kein Problem. Es sei alles im gesetzlichen Rahmen, zusätzlich werde ja auch Urlaubs- und Krankengeld bezahlt.

Wir finden es eine sehr faire Bezahlung und würden wir anfangen, Gehälter, ob es jetzt bei den Fahrern, den Kollegen auf der Straße oder auch bei mir ist, zu erhöhen oder jedem dieser Ansprüche gerecht werden würden, dann würde die Dienstleistung nicht lange überstehen.

Vincent Pfeiffer, Pressesprecher Foodora

Restaurants haben sich mittlerweile auf die Fahrradlieferanten eingestellt. Alle Vertragsrestaurants sind dazu angehalten, den Fahrern kostenloses Wasser anzubieten. Einige halten sogar Werkzeug und Ersatzteile für eine schnelle Reparatur bereit. Alles wichtig für die Fahrer, die bei Regen, Schnee und Wind täglich bis zu 50 Kilometer zurücklegen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 30. Mai 2018 | 20:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2018, 22:25 Uhr

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