Exakt - Die Story | 30.11.2016 | 20:45 Uhr Pflegebedürftig - Wenn es allein nicht mehr geht

Unsere Gesellschaft altert. Das heißt, die Menschen leben länger. Doch damit steigt auch die Zahl Menschen, die im Alter auf Unterstützung und Pflege im Alltag angewiesen sind. Das soll die Pflegeversicherung leisten. Doch nach welchen Kriterien entscheidet sie, wer Leistungen aus der Versicherung erhält und welche Leistungen er oder sie bekommt? Im Kampf um eine höhere Pflegestufe mischen viele mit. Aber oft haben die Betroffenen das Nachsehen.

Ein Mann rasiert einen anderen Mann 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 2,8 Millionen Menschen haben Ende 2015 Leistungen aus der Pflegeversicherung bezogen. Sechs von zehn waren dabei bedürftig im Sinne der Pflegestufe Eins. Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 auf 3,4 Millionen erhöhen wird. Ende 2015 waren nach Angaben der Bundesgesundheitsministeriums insgesamt 71,12 Millionen Menschen in der sozialen Pflegeversicherung versichert, weitere 9,36 Millionen in der privaten Pflegeversicherung.

Leistungsbezieher der Pflegeversicherung
  Soziale Pflegeversicherung Private Pflegeversicherung
ambulant 1.907.095 128.140
stationär 758.014 49.935

Ob es eine Pflegestufe gibt und wenn ja welche, das schätzt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein. Vor diesem Termin haben viele Menschen Angst. Denn sie müssen unangenehme, oft sehr intime Fragen beantworten - und haben Angst die falschen Antworten zu geben. Gibt man leichtfertig an, noch viele Aufgaben der eigenen Pflege selbst erledigen zu können, reicht es oft nicht für die Pflegestufe. Doch auch die Gutachter des MDK stehen bei ihrer Arbeit oft vor großen Herausforderungen:

Wir kennen von den Krankheiten nicht wirklich viel. Wir sind im Prinzip auf die Angaben von den Versicherten, von den Pflegepersonen angewiesen, auf die Pflegedokumentation. Das macht es auch sehr schwierig. Weil - man hat nur eine Stunde Zeit für den Hausbesuch und das ist eigentlich immer eine große Herausforderung.

Gutachterin des MDK Sachsen-Anhalt

Es gibt viele Fälle, in denen es zu einer Ablehnung kommt, obwohl die Menschen auf fremde Hilfe angewiesen sind. Doch die Gutachter gehen nach einem strengen Schema vor: Wie lange benötigt der Antragsteller Hilfe bei der Körperpflege, wie viel Zeit bei der Zubereitung des Essens? Oft ist es ein regelrechtes Feilschen um Minuten zwischen Gutachtern und Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen.

Man schafft das gar nicht. Ich weiß nicht was für Zeitvorgaben die haben, aber wie haben sie die gegeben? Das schafft kein Mensch.

Jörg Bordlik, pflegender Angehöriger

Immer mehr Anwälte beschäftigen sich mit Klageverfahren. Zu Pflegende und Angehörige verstehen das System nicht, sind ratlos und bezweifeln eine unabhängige Begutachtung durch den Medizinischen Dienst.

Pflegebedürftig - Wenn es allein nicht mehr geht

Eine Frau sitzt auf einem Bett. Vor ihr sitzen zwei weitere Frauen auf Stühlen.
Eine Gutachterin des MDK Sachsen-Anhalt im Gespräch mit einer Patientin. Im Gespräch geht es um eine Bewertung des Pflegeaufwands für die Patientin. Bildrechte: MDR/Burkhard Kunst
Eine Frau sitzt auf einem Bett. Vor ihr sitzen zwei weitere Frauen auf Stühlen.
Eine Gutachterin des MDK Sachsen-Anhalt im Gespräch mit einer Patientin. Im Gespräch geht es um eine Bewertung des Pflegeaufwands für die Patientin. Bildrechte: MDR/Burkhard Kunst
In einem Krankenhaus-Zimmer steht ein Mann am Fenster und schaut hinaus.
Im Krankenhaus gibt es eine "Rundum-Versorgung" für pflegebedürftige Patienten. Doch wie wird es nach der Entlassung, zu Hause sein? Diese Frage stellt sich vielen Betroffenen. Bildrechte: MDR/Burkhard Kunst
Auf einem Formular liegt ein Bediengerät für ein Krankenhaus-Bett.
Ein verstellbares Bett - für Patienten wie auch für Pflegende eine große Erleichterung. Doch nicht jeder Pflegebedürftige hat Anspruch auf ein solches Bett. Bildrechte: MDR/Burkhard Kunst
Porträtaufnahme einer Frau mit kurzen Haaren und Brille
Der Streit um die Leistungen der Pflegeversicherung wird oft vor Gericht ausgetragen. Rechtsanwältin Carina Hofmann-Kunz hat mit vielen solcher Fälle zu tun. Bildrechte: Miamedia
Ein Mann im Rollstuhl sitzt in einem Bad vor dem Waschbecken. Ein anderer Mann steht neben ihm und trocknet ihm die Haare mit einem Handtuch.
Klaus-Dieter Ohland erhält Hilfe von seinem Angehörigen Jörg Bortlik - hier bei der Morgentoilette. Bildrechte: Miamedia
Zwei Männer sitzen sich an einem Wohnzimmertisch gegenüber. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Essen, daneben liegen mehrere Medikamenten-Schachteln.
Wie viel Zeit braucht man für die Medikamentegabe? Auch das ist ein Kriterium für die Entscheidung, welche Pflegestufe ein Patient erhält. Bildrechte: Miamedia
Alle (6) Bilder anzeigen
Auf einem Formular liegt ein Bediengerät für ein Krankenhaus-Bett.
Ein verstellbares Bett - für Patienten wie auch für Pflegende eine große Erleichterung. Doch nicht jeder Pflegebedürftige hat Anspruch auf ein solches Bett. Bildrechte: MDR/Burkhard Kunst

Dieses Minutensystem erscheint im ersten Moment plausibel, weil jeder kennt Zeit. Jeder weiß, wenn ich 10 Minuten für etwas brauche, dann ist das so. Aber das Gesetz ist relativ kompliziert. Da hat der medizinische Dienst, der Gutachter, der das einschätzen soll, manchmal andere Einschätzungen, wie viel Zeit gebraucht wird, als die Pflegebedürftigen oder die Angehörigen selbst. So kommt es dann häufig dazu, dass nicht nachvollzogen werden kann, weshalb keine Pflegestufe erreicht wird, obwohl subjektiv das Gefühl da ist, wir haben ganz viele Belastungen im Alltag.

Dr. Klaus Wingenfeld, Pflegewissenschaftler Universität Bielefeld

Private Berater versprechen den Menschen eine optimale Vorbereitung auf den MDK-Termin und begleiten die Betroffenen bei Bedarf auch persönlich - allerdings gegen ein hohes Honorar. Die Berater machen sich die hohe Ablehnungsquote des MDK zu nutze. Immerhin wird etwa jeder vierte Antrag auf eine Pflegestufe abgelehnt. Doch diese Beratung ist manchmal fragwürdig. Ein Test soll zeigen: Bekommen wir seriöse Ratschläge für unser Geld, oder werden wir zum Lügen angestiftet, um die Pflegestufe zu erhalten? Ist das Honorar pauschal oder erfolgsorientiert?

Wenn ich jetzt einschätzen würde, es kommt nicht zur Pflegestufe, dann wäre ein Festbetrag von 553 Euro. Ich würde Sie zwar begleiten, aber kann nicht versprechen, ob es die Pflegestufe wirklich wird. Wenn ich jetzt in der Begutachtung einschätze, das will ich aber mit ein paar Sachen gern sehen und wissen und sage, ok wir kriegen die Pflegestufe durch, dann sind das 790 Euro. Aber nur, wenn dann die Pflegestufe ist, das ist dieses Erfolgshonorar.

Pflegeberaterin

Ab 1. Januar 2017: Pflegegrade statt Pflegestufen
Im kommenden Jahr tritt das Zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Darin ist unter anderem festgelegt, dass die bisher geltenden drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt werden. Diese sind wie folgt definiert:

Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten

Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2018, 20:48 Uhr