exakt | 16.05.2018 "Sachsensumpf" - Der letzte Prozess

Georg Wehling war Kriminalkommissar in Leipzig. Spezialgebiet Schwerverbrechen. Oft löste er knifflige Fälle ganz unkonventionell. Simone Henneck war erfolgreiche Staatsanwältin. Später wechselte sie zum Verfassungsschutz, übernahm dort die Beobachtung der organisierten Kriminalität. Seit 2007 sind die Vorzeigebeamten Unpersonen. Kaltgestellt. Beschuldigt.

Beide sollen den "Sachsensumpf" quasi erfunden haben, indem sie Gerüchte über kriminelle Netzwerke im Freistaat aufbauschten. So wurde in umfangreichen Geheimdossiers des Verfassungsschutzes der Verdacht geäußert, auch Richter und Staatsanwälte in Leipzig seien nicht nur in Immobilienschiebereien verwickelt, sondern sogar Kunden eines Minderjährigenbordells gewesen, hätten sich erpressbar gemacht. Als die Korruptionsvorwürfe 2007 bekannt wurden, war der Aufschrei groß. Die Dresdner Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln, legte sich dann aber fest: Alles heiße Luft. Und entlastete die Beschuldigten.

So erklärte Erich Wenzlick damals Chef der Staatsanwaltschaft Dresden auf einer Pressekonferenz am 29. April 2008: "Im Kern liegt, um das vorab zu sagen, den Vorwürfen eine Art Verschwörungstheorie zugrunde. Es ist fraglich, ob man die hinter den Angaben stehenden Motive wird endgültig klären können."

Beamten-Verfahren - Hauptvorwurf: Verfolgung Unschuldiger

Kaum vorstellbar: Elf Jahre zog sich das Strafverfahren gegen die Beamten. Nun fällte das Landgericht Dresden sein Urteil: Vom Hauptvorwurf der Verfolgung Unschuldiger wurden beide freigesprochen. Selbst der Staatsanwalt hatte dafür plädiert. Trotzdem gab es Geldstrafen, wegen Falschaussagen vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages. Die Verurteilten wollen einen Freispruch, kündigten Revision beim Bundesgerichtshof an.

Tatsächlich wurden vier Verfahren dieser Art angestrengt, wo nachgewiesen werden sollte, dass Ermittler Unschuldige verfolgten. In drei Fällen scheiterte die Staatsanwaltschaft mit ihrem Hauptvorwurf, ein Fall blieb ungeklärt.- Ein Überblick:

"Journalisten-Prozess" - Vorwurf: Verleumdung und üble Nachrede

2010 standen zwei Leipziger Journalisten - darunter ein Autor dieses Beitrags - in Dresden vor Gericht. Beide sollen durch zwei Artikel Justizbeamte und Polizisten diffamiert haben. In den Beiträgen war berichtet worden, dass zwei ehemalige Zwangsprostituierte des Leipziger Minderjährigenbordells "Jasmin" zwei Richter als vermeintliche Kunden identifiziert hatten. Fünf Jahre nach Verfahrensbeginn wurden die Journalisten in zweiter Instanz freigesprochen.

Frauen-Prozess - Vorwurf: Verleumdung und üble Nachrede

Als nächstes gerieten Mandy Kopp und eine weitere Zeugin aus dem "Jasmin" auf die Anklagebank. Hier im Leipziger Westen hatten die Frauen als 16-Jährige in einem Wohnungsbordell anschaffen müssen. Die Anklage unterstellte ihnen, zwei ranghohe Justizbeamte als ehemalige Freier verleumdet zu haben. Später musste das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit der Frauen abgebrochen werden.

Mandy Kopp erinnert sich, wie der Staatsanwalt ihnen zuvor immer wieder ein Angebot machte. Gegen einen gesichtswahrenden Deal sollte die Verleumdungsanklage auf Eis gelegt werden: „Und zwar in Hinsicht darauf, dass Prozess eingestellt wird, sämtliche Kosten vom Staat übernommen werden und wir dafür aber eine Ehrenerklärung abgeben, dass wir nicht den besagten Personen schaden wollten, und das kam für uns nicht in Frage."

Geheimdienstprozess - Hauptvorwurf: Geheimnisverrat

Auch Ex-Verfassungsschützer Michael H. fand sich als Angeklagter wieder.  Er soll "Sachsensumpf"-Akten des Geheimdienstes an einen Journalisten durchgestochen haben. Beweise dafür gab es nie. Der Hauptvorwurf wurde zurückgenommen, doch bis heute zieht sich der Streit, gegen welche Geldstrafe das Verfahren eingestellt wird. Mit dem Staat hat der frühere Geheimdienst-Mann längst gebrochen.

Das Aktuelle Verfahren - der letzte Prozess

Zurück zum letzten sogenannten "Sachsensumpf"-Prozess. Simone Henneck ist durch den jahrelangen Druck gesundheitlich angeschlagen. Einiges kann die Beamte bis heute nicht fassen.

Es sind hier Dinge passiert, die für mich noch vor 11 Jahren unvorstellbar gewesen wären. Dass man hilflos hier einem System ausgeliefert ist. Ich habe keine Akteneinsicht, nur teilweise Akteneinsicht bekommen. Ungeschwärzte Akten haben mir nicht vorgelegen. Ich konnte mich nicht verteidigen, ich habe keine Aussagegenehmigung umfassend erhalten.

Simone Henneck Ex-Verfassungsschützerin Sachsen

Nach dem Urteil treffen wir Kriminalkommissar Georg Wehling in seinem Garten. Obwohl von den Vorwürfen gegen ihn wenig übriggeblieben ist, hat der pensionierte Polizist teuer bezahlt.

Ich habe über Jahre eine drastische Gehaltskürzung gehabt und dieses ganze Unternehmen hat mir unerhört viel Geld gekostet und hat meine Familie in höchstem Maße belastet. Meine Kinder, die ich dann ins Ausland geschickt habe zum Studieren, um diesen ganzen Bedrohungsmist und was hier an Schriftstücken eingegangen ist zu meiner Anschrift, um diese aus dieser Gefahrenzone herauszunehmen.

Georg Wehling

Die juristische Aufarbeitung der "Sachsensumpf"-Affäre. Überlange Verfahren, gezeichnete Angeklagte, zerbröselnde Anklagen. Das Vertrauen in den Rechtsstaat stärkt so etwas nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 16. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 22:57 Uhr

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5 Kommentare

17.05.2018 18:39 Paulchen 5

Es ist trotzdem komisch, dass es in diesem öminösen Bordell angeblich nie Freier gab. Oder sie jedenfalls nie ermittelt wurden und angeblich auch kein öffentliches Interesse an der Ermittlung der Freier besteht. Früher war der Besuch solcher Etablissements generell strafbar, bei Minderjährigen nach aktuellem Recht auch heute noch.

17.05.2018 16:05 Baron von Münchhausen 4

Es wird in den nächsten tausend Jahren keine Revolution mehr in Deutschland geben, denn den guten alten Amtsschimmel in seinem Lauf, hält weder ein alter Ochs noch ein junger Esel auf weil die
Rentenpension sicher ist.

17.05.2018 13:20 Udo Degen 3

Habt ihr gelogen in Wort und Schrift, andern ist es und euch ein Gift. Auch in die allergröbsten Lügen
mischt oft ein Schein von Wahrheit sich. Denn Lügen und Dichten sind ja Künste der besonderen Art. So geht wohl sächsisch im Sumpf?

17.05.2018 11:49 Ludwig 2

Hilfreich für die Allgemeinheit (mit Ausnahme der begünstigten "Unschuldigen" der Prominentenszene) wäre eine Chronologie der beteiligten Staatsanwälte und Richter im Prozeßmarathon, damit man sich als kleiner Pupser vor denen hütet. Recht hin oder her. 16jährige Zwangsprostituierte einzuschüchtern ist meines Erachtens keine staatstrgende Leistung. Und ich hoffe auf die Journalisten im Freistaat.

17.05.2018 11:18 Rico 1

"Beide sollen den "Sachsensumpf" quasi erfunden haben, indem sie Gerüchte über kriminelle Netzwerke im Freistaat aufbauschten." Na was denn nun, aufbauschen oder erfinden? Da haben sich das Ganze also zwei Personen grundlos einfach mal so ausgedacht....??? Soviel zum Thema 'Rechtsstaat'!