Mi 24.04. 2019 20:45Uhr 29:53 min

Exakt - Die Story Schlank dank Operation?

Umstrittener Trend und letzter Ausweg

Film von Anja Walczak und Sven Stephan

Komplette Sendung

Mann hält eine übergroße Hose in den Händen 30 min
Bildrechte: MDR/Anja Walczak
MDR FERNSEHEN Mi, 24.04.2019 20:45 21:15
16 Millionen Menschen in Deutschland sind fettleibig. Ihre Zahl steigt. Und immer mehr sehen nur eine Lösung, die Pfunde loszuwerden: die Magen-Operation.

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist stark oder sogar krankhaft übergewichtig. Tendenz steigend - in den vergangenen Jahren um 22 Prozent. Die Diagnose Adipositas  geht für die Betroffenen einher mit einem höheren Risiko, frühzeitig zu sterben. Fettleibigkeit begünstigt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes-mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einzelne Krebserkrankungen.  

Viele Betroffene schaffen es trotz Diät oder Bewegung nicht, ihr starkes Übergewicht dauerhaft loszuwerden. Damit wird Adipositas zu einer wachsenden Herausforderung für das Gesundheitssystem, bestätigt Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am Forschungs- und Behandlungszentrum für Adipositas-Erkrankungen an der Universität Leipzig: "Es ist wichtig, selbst Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen, aber ab einem bestimmten Grad der Erkrankung können viele Betroffene das nicht mehr."

Dann besteht der Ausweg oft nur in einer Magen-Operation. Durch den Eingriff wird das Magenvolumen stark reduziert. Die Betroffenen essen weniger, in der Folge purzeln die Pfunde. Soweit die Theorie. Denn ein Wunschgewicht oder gar die Wunschfigur erreichen die Patienten nicht in jedem Fall. Hinzu kommt, dass die meisten von ihnen viele bürokratische Hürden nehmen müssen, bevor sie die Operation von der Krankenkasse überhaupt bewilligt bekommen.

Trotzdem steigt mit der Zahl der Adipositas-Fälle auch die Zahl der OPs. Deutschlandweit spezialisieren sich Kliniken auf diese Eingriffe. Während es bei der technischen Ausstattung keine Probleme gebe, beklagen sowohl Betroffene als auch Ärzte und Forscher, dass die therapeutische Versorgung von Adipositas-Patienten in Deutschland nicht ausreiche.  

Vor allem fehle es an einer ausreichenden Betreuung in der Zeit nach der Operation. Weder in den behandelnden Kliniken noch im ambulanten Bereich bekämen Ärzte die Nachsorge adäquat vergütet. Und für eine notwendige psychologische Nachbetreuung fehle es an entsprechend ausgebildeten Therapeuten, bestätigt auch Adipositas-Forscherin Anja Hilbert: "Niedergelassene psychologische Psychotherapeuten haben meist sehr wenig oder gar keine Erfahrung mit der postoperativen Nachsorge von Patienten mit Adipositas. Darin besteht in Deutschland wirklich ein großer Nachholbedarf."

Betroffenen-Verbände haben inzwischen eine Petition gestartet, um mit Hilfe der Politik eine bessere Versorgung von Adipositas-Patienten in Deutschland zu erreichen.

Kritik kommt aber auch von anderer Seite. Dass es immer mehr Magen-Operationen gebe, sei auch Folge einer gesellschaftlichen Stigmatisierung dicker Menschen, so die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Ärzte und Kliniken nutzten diese Entwicklung, weil sich mit den Eingriffen gut Geld verdienen ließe. Es sei endlich an der Zeit, Menschen mit Übergewicht zu akzeptieren, anstatt sie in eine Norm pressen zu wollen.

Ist die Gewichtsreduktion nur eine Willensfrage? Oder sind Operationen die Lösung? Wie gelingt es, mit dem Thema Übergewicht angemessen umzugehen?

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