exakt | 21.02.2018 Siemens – Jobversprechen gilt nicht mehr

Siemens will das Werk in Erfurt schließen, angeblich aus Wettbewerbs-Gründen. Doch der Umzug der neuen Turbinen-Sparte in die USA, wo Steuererleichterungen für Unternehmen locken, lässt einen ganz anderen Hintergrund vermuten. Die Belegschaft ist schwer enttäuscht.

Auf der Aktionärsversammlung in München sprach der Siemens-Vorstandsvorsitzende, Joe Kaeser, noch von sozialer Verantwortung, die Siemens trägt: „So sieht uns die Welt. Sie sieht uns als Vorreiter, als Vordenker, als ein Unternehmen, das seiner Verantwortung gerecht wird und der Gesellschaft dient.“

Doch in der Realität ist von sozialer Verantwortung des Konzerns nichts zu spüren. Frank Zenner hat immer gerne für Siemens gearbeitet. Seit 25 Jahren fährt er jeden Morgen zur Arbeit ins Generatoren-Werk von Siemens in Erfurt. Es eine gute Zeit für ihn und seine Familie. Seine Söhne haben auch im Werk gelernt und sein Bruder arbeitet dort als Elektriker in der Endmontage.

Vor gut zwei Jahren ist man in Erfurt besonders stolz: Joe Kaeser kommt zu Besuch ins Siemens-Werk. Und Frank Zenner wird sogar für die Zeitung fotografiert, weil der Konzernchef ihn persönlich trifft – und ein Versprechen abgibt: Das Werk solle so, wie es hier steht, erhalten bleiben. Aber die neue Realität sieht ganz anders aus: Kaeser will in Deutschland, trotz Rekordgewinnen, 2.600 Arbeitsplätze in der Kraftwerksparte streichen. Auch Erfurt steht auf der Streichliste. Die Begründung: Mit Kraftwerken könne man nicht mehr genug verdienen.

Aus kurzfristigen Profitinteressen die Kraftwerksparte in Deutschland zusammenzustreichen, das sei ein Fehler, meint Werner Fembacher. Er ist Siemensianer im Ruhestand. 26 Jahre hat der Physiker für Siemens geforscht. Er ist auch Aktionär. Also eigentlich am Gewinn interessiert. Aber stumpfes Sparen anstatt den Wandel zu gestalten, das passe nicht zu diesem Unternehmen, meint der Physiker.

Was Siemens heute ist, demonstriert Unternehmenschef Kaeser im Januar in Davos. Dort verkündet Siemens-Chef Joe Kaeser in einer Gesprächsrunde mit Donald Trump, US-Präsident: „Wir haben beschlossen, die nächste Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln.“ In diesem Moment wird Kaeser in den Augen einiger Siemens-Mitarbeiter zum Verräter. Die Siemens-Mitarbeiter in Erfurt sind fassungslos, als sie die Bilder von Kaeser und Trump sehen. Sie sollen ihre Arbeitsplätze verlieren, auch weil Donald Trump Steuern senkt?

Letztendlich bedeutet diese Entscheidung eine Verlagerung von Arbeitsplätzen von Deutschland in die USA, mein Siemens-Physiker Werner Fembacher: „Das wird erst in einigen Jahren zum Tragen kommen. Aber es wird eines der Ergebnisse dieser Entscheidung sein.”

Siemens lässt ausrichten: Von einer Verlagerung könne man nicht sprechen. Man sei im Dialog mit den Arbeitnehmern. Noch ist Joe Kaeser Chef von fast 400.000 Mitarbeitern. Wie weit reicht seine soziale Verantwortung? Dass Trumps Steuerreform nur den Reichen dient, also ungerecht sei, das sieht er ganz anders: „Und diese Geschichte, dass die Reichen noch reicher werden und alles ist schrecklich, das kann sein. Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen.“

Viele Siemens-Mitarbeiter halten diese Einschätzung für realitätsfremd und sehen ihren Chef inzwischen als rücksichtslosen Zahlenmann, ohne jedes Verständnis für die Lebensumstände der Belegschaft. Die Kritik ist heftig. Kaeser reagiert, auf seine Weise. Eine kritische Frage der Süddeutschen Zeitung beantwortet er mit einem Familiengespräch: „Meine älteste Tochter hat vor Kurzem zu mir gesagt: ‚Papa, Jobs sind nun mal ein wichtiger Bestandteil im Leben.‘ Das hat mich echt nachdenklich gemacht.“

Für Frank Zenner und seine Erfurter Kollegen kommt die für Kaeser neue Erkenntnis, dass Jobs wichtig für Menschen sind, womöglich zu spät. Der Betriebstechniker kann nicht fassen, dass der Chef ihm bei seinem Besuch vor mehr als zwei Jahren Zusagen gemacht hat, die heute einfach nicht mehr gelten sollen: „Das ist enttäuschend, gerade von so einem Mann belogen zu werden“, sagt Frank Zenner.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 21.02.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 19:29 Uhr

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1 Kommentar

22.02.2018 08:24 Wo geht es hin? 1

Zitat aus dem Artikel: "Der Betriebstechniker kann nicht fassen, dass der Chef ihm bei seinem Besuch vor mehr als zwei Jahren Zusagen gemacht hat, die heute einfach nicht mehr gelten sollen: „Das ist enttäuschend, gerade von so einem Mann belogen zu werden“, sagt Frank Zenner." Zitat Ende. Und DAS halte ich nun wiederum für "realitätsfremd". Wie kann man ausgerechnet einem der obersten Hüter der Gewinnmaximierungsinteressen der Aktionäre (nur denen ist er nämlich verpflichtet) auch nur im entferntesten vertrauen?