exakt | 06.06.2018 Wenn es zu Hause dunkel wird – Die Sperrschließer kommen

Stromabsteller 7 min
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Markus Hofmeister ist ein sogenannter Sperrschließer in Quedlinburg. Seine Aufträge führen ihn in eine bürgerliche Wohngegend. Der Kunde wurde dreimal schriftlich gemahnt, seine Rechnung zu begleichen. Weil auch auf die letzte Forderung keine Reaktion erfolgte, wird nun der Strom abgeschaltet. So reagieren die schon ab einer offenen Rechnung von 125 Euro.

Da gibt’s Kunden, die werden gleich aggressiv. Da muss man natürlich deeskalieren und versuchen, den Kunden zu beruhigen. Und wenn das nichts bringt, dann breche ich ab. Aber das verzögert das ganze nur. Im schlimmsten Fall wird es immer teurer und wir kommen dann irgendwann mit dem Gerichtsvollzieher.

Markus Hofmeister, Sperrschließer

Quedlinburg hat etwa 25.000 Einwohner. Die Stadtwerke verschickten 2016 über 1.000 Mahnungen im Monat. 150 Mal im Jahr mussten Markus Hofmeister und seine Kollegen zum allerletzten Mittel greifen - und den Strom abstellen. In ganz Deutschland geschah das 2016 rund 318.000 Mal, laut Bundesnetzagentur.

Markus Hofmeister, Sperrschließer - sitzt im Auto
Markus Hofmeister, Sperrschließer, auf dem Weg zu seinen Kunden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum manche ihre Stromrechnung nicht zahlen können? Das liegt auch an den steigenden Strompreisen. Bei den Stadtwerken Quedlinburg ist der Preis für Haushaltskunden pro Kilowattstunde von 22 Cent auf 31 Cent gestiegen. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Strompreis in Deutschland sogar verdoppelt. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung müssen sozial schwache Haushalte 82 Prozent ihres Einkommens für Grundbedürfnisse, wie Miete, Strom und Wasser, ausgeben. Besserverdiener dagegen knapp die Hälfte.

Eine Familie, die Probleme mit der Stromrechnung hat, treffen unsere Reporter in Erfurt. Sie waren mehrere Jahre auf Hartz IV angewiesen. Jetzt verdient Vater Stefan 1.900 Euro im Monat als LKW-Fahrer. Unterstützung durch Wohngeld kommt dazu. Trotzdem wurde. Ihnen schon mehrmals der Strom abgestellt.

Man kommt nach Hause und mit einem Schlag wird es dunkel. Und dann muss man schnell gucken, dass man Gelder mobilisiert, durch Verwandte, durch Freunde um die Stadtwerke zu ihrem Geld zu bringen. Die haben eine Leistung erbracht, die wollen sie natürlich auch bezahlt haben.

Stefan, Lkw-Fahrer
Markus Hofmeister, Sperrschließer
Der Sperrschließer stellt bei säumigen Kunden den Strom ab Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

122 Euro gibt die Familie im Monat für Strom aus. Weil das zu viel ist, hat sie sich Hilfe von dem Stromsparcheckteam der Caritas ins Haus geholt. Die zeigt: Die größten Stromfresser und damit die größten Kostenverursacher sind Geräte im Standby-Betrieb. Durch ausschaltbare Steckdosen und einige weitere Tipps, kann die Familie rund 100 Euro im Jahr an Stromkosten sparen. Um sozial schwachen Familien zu entlasten, reicht das aber nicht. Es brauche auch politischen Willen.

Derjenige, der einen Regelsatz bekommt, bekommt 33 Euro monatlich für den Strom. Aber die reichen nicht, für denjenigen, der den ganzen Tag zu Hause ist. Wir haben festgestellt, dass es in der Regel einen Fehlbedarf von neun bis zehn Euro gibt.

Robert Kümmel (Projektkoordinator Stromsparcheck)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Juni 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018, 14:43 Uhr

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