Menschen bei den Tafeln
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FAKT | Das Erste | 03.04.2018 Die Tafel und das Anspruchsdenken

Die Tafeln sind gegründet worden, um Essen vor der Tonne zu bewahren. Doch sind die Tafeln für viele mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Über 1.5 Millionen Menschen nutzen diese Einrichtungen regelmäßig. Viele haben sich daran gewöhnt, die Waren zu einem Spottpreis mitzunehmen. Das bringt neue Probleme mit sich.

Menschen bei den Tafeln
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Die Tafel in der Kleinstadt Pirna ist eine von 1.000 in ganz Deutschland. Hier kümmert sich die Tafel um bis zu 80 Haushalte. Für Tafelchefin Sandra Furkert ist das Problem, dass sich bei einigen Kunden eine gewisse Selbstverständlichkeit entwickelt hat. Die Kunden würden die Tafel als einen Supermarkt betrachten. Für eine kleine Abgabe bekämen sie dort alles, was es auch in einem Aldi oder Rewe gibt. Ein kleiner Obolus kann so schon Mal einen Warengegenwert von 30 bis 40 Euro haben. Dieses Denken sei vor allem bei denen der Fall, die schon seit 25 Jahren kommen. Sie hätten sich seit dem ersten Tag auf ein Leben mit der Tafel eingerichtet.

Die Tafeln sind zu nichts verpflichtet

Dieses Denken kennt auch Werner Wehmer, Leiter der Leipziger Tafel.

Dieses Anspruchsdenken geht auch soweit, dass man ganz bestimmte Produkte immer wieder vorfinden möchte. Wir sagen den Leuten dann auch, wir sind kein sortierter Supermarkt. Sondern wir nehmen das was wir bekommen, sortieren das für Sie aus, dass das auch menschenwürdig ist, was Sie bekommen.

Werner Wehmer Leiter der Leipziger Tafel
Ein Mann mit Brille und Bart
Werner Wehmer muss einigen Kunden erklären, dass die Leipziger Tafel kein Supermarkt ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zusätzlich stört ihn, dass das Sozialamt die Menschen offenbar zur Tafel schicken würden, wenn das Geld nicht reicht. Bei den Betroffenen würde nach einem Termin im Sozialamt der Eindruck entstehen, die Tafel sei eine kommunale Einrichtung. Deswegen würden bestimmte Anforderungen an die Tafeln gestellt, die diese nicht leisten könnten.

Auch Sandra Furkert, Leiterin der Pirnaer Tafel kennt dieses Anspruchsdenken: "Ihr müsst dafür sorgen, dass ihr uns was zu essen gebt, ihr seid verpflichtet. Hab ich öfters hier. Dazu muss ich sagen, wir sind zu gar nichts verpflichtet."

Erst kommt die Scham, dann die Gewöhnung

Auch Holger Schäfer, vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft, kennt diese Probleme. Der Ökonom forscht zu den Themen Langzeitarbeitslosigkeit und Armut. Seiner Ansicht nach sei zwar der erste Gang zur Tafel ein Problem, sobald es aber zu einer Regelmäßigkeit würde, trete eine Gewöhnung ein. Und mit dieser Gewöhnung käme dann auch ein gewisser Anspruch, den die Kunden an die Tafel hätten. Oder besser gesagt, der Glaube einen Anspruch zu haben. Denn viele Kunden würden vergessen oder wüssten nicht, dass die Tafeln aus sozialem Engagement und Wohltätigkeit entstünden. Einen Anspruch auf bestimmte Leistungen bei der Tafel habe niemand, so der Ökonom.

Die Tafel ist keine Dauerlösung

Eine Frau vor einer Tür
Die Leiterin der Pirnaer Tafel, Sandra Furkert, wünscht sich auch mal ein Dankeschön für die Arbeit ihrer Kollegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Pirna hat Sandra Furkert beobachtet, dass sich die Menschen auf ein Leben mit der Tafel einstellen. Das ist eigentlich nicht ihr Zweck. Nach Meinung von Ökonom Schäfer sollten die Tafeln nur kurzfristig helfen. Das langfristige Ziel sei immer noch die Grundsicherung. Die Menschen sollen zukünftig wieder auf eigenen Beinen stehen. Das wünscht sich Sandra Furkert auch für die Kunden der Pirnaer Tafel. Was sie sich ebenfalls wünscht, wäre ein bisschen Anerkennung für ihre Arbeit und die ihrer Mitarbeiter.

Dass die Tafelkunden die Arbeit von meinen Kollegen oder von allen Tafeln, dass die mal ein Dankeschön kriegen, dass die mal ein Feedback für die Arbeit, die sie leisten. Das würde ich mir sehr wünschen. Denn das würde auch viel Kraft geben, denn die brauchst du jeden Tag, jeden Tag aufs Neue. Viel Nerven und viel Kraft.

Sandra Furkert Leiterin der Pirnaer Tafel

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 3. April 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2018, 22:56 Uhr

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9 Kommentare

04.04.2018 09:59 Lothar Schwarz 9

Eine Frau Furkart, die eine solche Meinung über die haben, die zu der Tafel kommen ist vollkommen fehl am Platz. Wenn eine Situation anhaltend ist wie z.B. Arbeitslosigkeit, wenn z.B. Behinderte keinen Job bekommen und zur Tafel gehen, dann muß man nicht diese Leute kritisieren sondern Jene, die das politisch zu verantworten haben. Nach unten treten und sich nicht trauen, die Realitäten zur Kenntnis nehmen ist einfach nur schlimm Frau Furkart !

04.04.2018 03:21 Grummelchen 8

Die Tafel sind das Symptom einer verfehlten Sozialpolitik.
Das eine Reform der Sozialhilfe nötig war bestreite ich nicht.Doch Menschen mit den derzeitigen ALG 2 Sätzen ist ein Leben in Armut beschert worden.Sie brauchen sich nur die ganzen Gerichtsverfahren ansehen..Die meisten werden zu gunsten der Leistungsempfänger entschieden.
Es ist Zeit die Reform auf grundlegene fehler zu untersuchen und diese zu beheben.
In einigen Bereichen werden Jobs geschaffen die durch Aufstocken vom Staat auf Billiglohn gehalten werden.

04.04.2018 00:40 Bernd Flügel 7

Sehr geehrte Frau Furkert,
es macht mich Traurig, wenn ich Ihre Einlassungen zu den Vorgängen in Ihrer Einrichtung Ansehe. Sie verunglimpfen bzw. stigmatisieren Hilfsbedürftige Menschen. Als Leiterin in Ihrer Position führen Sie und das noch Medienwirksam, Wehrlose und Hilfsbedürftige Menschen an den Pranger. Ich finde es eine Schande, dazu haben sie kein Recht.

03.04.2018 23:14 Lupo5410 6

Bin Hartz IV-Empfänger. Der Bericht ist mir zu tendenziös geraten. Vielleicht auch, weil er das selbst gestellte Tema: "Tafelversorgung - Wie Gewohnheit zur Abhängigkeit führen kann", nicht ausreichend selbstkritisch reflektiert. Er hebt zu unreflektiert auf die (auch wissenschaftliche vertretene) Position der Armut als von den Betroffenen selbst erlerntes Kulturverhalten und dadurch zuerst selbst verursachtes/mit verursachtes Problem ab. Armut kann als ein allein durch Lernen zumindest sich selbst verstärkendes Problem weder ausreichend beschrieben noch schlüssig erklärt werden. Das verstärkt die bekannte pol. Tendenz, Armut zu individualisieren.

03.04.2018 23:03 Dr. Kevin de Silva 5

ARMUT hat viele Gesichter und ebenso vielfältig ist seine Entstehungsgeschichte. Das ist werteneutral und auf jede Nation zutreffend. Gleiches gilt aber auch für REICHTUM. Die Existenzfrage stellt sich jedoch anders. Müssen WIR arm oder reich sein ?? Muß die berühmte Schere tatsächlich immer für alles herhalten, was schief läuft und die Gleichgewichte stört ?? Die Menschen müssen erst noch lernen, ihre Ellenbogen für nützlichere Dinge einzusetzen, als NUR für den täglichen Überlebenskampf. Mit anderen teilen, was an Werten geschöpft wird, ist der einzigste Ausweg aus dieser alle belastenden Atmosphäre. Maximalprofit um jeden Preis ist nicht der Lebensquell von Inovation in die Zukunft. Die Tafeln sind nichts anderes, als die Fortsetzung des Abendmahls und die Botschaft Christi an seine versammelten Jünger. Aber auch MAHNUNG !!

03.04.2018 22:54 Christina Arpe 4

Ein Bericht, der mich als Vorstand einer Tafel, den Kopf schütteln lässt!
25 Jahre Tafel ist ein Jubiläum in diesem Jahr, es heißt aber nicht, dass in Pirna oder in anderen Tafeln tatsächlich schon 25 Jahre lang die gleichen TafelGäste erscheinen oder alle TafelGäste undankbar sind!
In Pirna z.B. ist die Tafel erst im Jahr 2000 gegründet worden.

Klar, es gibt viele Bedürftige die gern eine Tafel in Anspruch nehmen und mit den gespendeten Lebensmitteln rechnen. Es gibt aber auch Bedürftige die es gern möchten aber nicht können, weil die Kapazität einer Tafel auch erschöpft ist!

Man kann und sollte nicht jede Tafel in eine Tüte stecken! Jede Tafel hat ein eigenes Konzept. Es gibt Tafeln in Trägerschaften oder als Verein.

Jeder ehrenamtliche ist das höchste Gut in einem Verein und ich bin stolz auf jeden Einzelnen! Ohne Ehrenamtliche ginge vieles in unserem Land nicht!

Danke

03.04.2018 22:33 Bruno Schillinger-Safob 3

Wieso wird so plötzlich und überall auf "Anspruchsdenken" gezielt? Sollen die Menschen so dazu gebracht werden, nicht zur Tafel zu gehen, sich zu verstecken?
Wieso stellen sich die Tafeln nicht auf die Seite der Notleidenden und marschieren zu den Politikern?
Vorschlag ehrenamtliche Tätigkeit Das ist etwas naiv gedacht, denn hier entstehen Kosten die nirgendwo in Hartz 4 eingeplant sind und eine Erstattung des "Aufwandes" führt zu Anrechnung auf Hartz 4. Es gibt zwar Freibeträge, doch diese werden oft willkürlich verweigert mit Begründung "dann klagen Sie doch". Hinweis: die Aufwandsentschädigung auf keinen Fall ansparen, sondern monatlich auszahlen, denn Freibetrag gilt nur im Auszahlungsmonat.
Gleiches bei Verweis "gehen Sie zur Tafel" - lt. BVerfG dürfen Behörden NICHT an Dritte verweisen, gegen die kein Rechtsanspruch besteht. Also ist dieser Verweis illegal=kriminell.
Übrigens, es gibt auch Tafeln die grundsätzlich keine H4 Bezieher als ehrenamtliche Helfer nehmen.

03.04.2018 21:39 I. Schüring 2

Also ich denke ja, wenn so ein Tafelkunde mal höflich nachfragt 'ob es denn heute keine Äpfel gibt' oder sonstiges, ist das dann schon Anspruchsdenken? Oder vielleicht doch nur unverfänglicher Smaltalk ....

Ich war auch schon mal gezwungen zur Tafel zu gehen, weil nichts zu essen mehr im Kühlschrank war. Es bildete sich vor dem Haus eine Schlange, die Leute unterhielten sich in angemessener Lautstärke, nichts ungewöhnliches. Da kamen zwei Frauen von der Tafel nach draußen und meckerten die Wartenden an, wir sollten uns doch bitte "etwas mehr auf der Straße verteilen", denn "die Nachbarn sähen es nicht gern, wenn vor dem Tafelgebäude so viele Menschen 'herumstehen'".....
Was immer das nun bedeuten soll?!

HartzIV reicht nicht zum Leben! Jeder der was anderes behauptet, der sollte mal versuchen mit 416 Euro im Monat auszukommen. Nur zur Erinnerung, Strom und Telefon müssen davon auch noch bezahlt werden.

03.04.2018 19:42 Gabriele Gastebois 1

Liebe Frau Furkert,

das möchte ich - auch wenn oder gerade weil ich kein Tafel-Kunde bin - hiermit tun.

Vielen, vielen Dank an Sie und alle ihre Kollegen für Ihr Engagement! Ich finde es einfach toll!

Gabriele Gastebois