Lebensmittel werden in der Ausgabestelle der Essener Tafel einsortiert.
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exakt | 07.03.2018 Umfrage unter Tafeln: Schwierigkeiten, aber keine Essener Verhältnisse

Lebensmittel werden nur noch an "Neukunden" mit deutschem Pass verteilt - mit dieser Entscheidung hat die Essener Tafel für Aufsehen gesorgt. Doch auch Tafeln in Mitteldeutschland haben mit Konflikten zu kämpfen.

Lebensmittel werden in der Ausgabestelle der Essener Tafel einsortiert.
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An den Tafeln von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen herrschen keine Essener Verhältnisse. Wie aus einer Umfrage des Nachrichtenmagazins MDR-exakt hervorgeht, haben die meisten Tafeln anfängliche Probleme und Konflikte bewältigt. Lediglich zwei Tafeln, Jena und Freiberg, berichteten davon, dass ursprüngliche Kundschaft ausbleibe. Die Umfrage ging an zahlreiche Tafelverbände, Antworten liefen von neun Tafelvereinen ein.

Bernburg

"Verdrängungsprobleme gibt es bei uns keine. Dazu muss gesagt werden, dass die Ausgabe der  in Körbe vorgepackten Lebensmittel, entsprechend der Größe der Bedarfsgemeinschaft, durch ein Fenster erfolgt. Vor dem Fenster befindet sich ein abgegrenzter Bereich, den jeweils nur drei Tafelkunden betreten dürfen. Dort werden die Lebensmittel dann von den Kunden in mitgebrachte  Taschen umgepackt", sagt Petra Hetzel, Projektleiterin der Tafel Bernburg

Plauen

"Verdrängungsprobleme gibt es nicht. Wenn es zu Konflikten kam, wurde sofort die Hausleitung informiert, damit gegengesteuert werden konnte.“ Das sagt Konstanze Schumann, Geschäftsführerin der Arbeitsloseninitiative Sachsen. Sie sagt: „Ab und zu meldeten sich anonyme Anrufer, die sich über Ausländer beschweren - damit versuchen wir umzugehen." So arbeiten seit November 2015 Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge bei der Tafel mit. Diese haben 1-Euro-Jobs, leisten einen Bundesfreiwilligendienst oder sind in einer flüchtlingsintegrierenden Maßnahme beschäftigt. "Das sehen auch die deutschen Kunden, dass dieser Kundenkreis auch mithilft. Wir haben keinen gesonderten Flüchtlingstag in Plauen. Das war angedacht, aber da hätten vielleicht die anderen Tafelkunden wieder eine Besserstellung der Flüchtlinge vermutet", sagt Schumann. "Dienstag und Donnerstag sind die Tage, wo bevorzugt Menschen mit einem GdB (Grad der Behinderung), oder Betreuer oder junge Muttis bedient werden. Montag, Mittwoch und Freitag seien die Tage für alle.

Freiberg

"Verdrängungsprobleme gab und gibt es. Wir haben sehr zeitig mit Dolmetschern gearbeitet und konnten so die Probleme leichter klären", sagt Monika Zeuner, Leiterin der Tafel Freiberg des Caritasverbandes Chemnitz. "Seit Herbst 2016 haben wir in unser Ehrenamtsteam eine Afghanin aufgenommen. Sie spricht vier Sprachen und ist auch sonst sehr engagiert." So habe der Verband nicht nur Probleme besser klären können, sondern auch die Denkweise und Gepflogenheiten der Asylbewerber besser verstehen gelernt.  "Für die ausländischen Kunden ist es auch schön, wenn sie von einer ´Landsmännin´ bedient werden." Diese Praxis habe die Tafel Freiberg bereits vor vielen Jahren mit den Spätaussiedlern begonnen. "So konnten wir uns unsere Kundschaft, egal welche Nationalität sie haben, auch etwas ´erziehen´, was Umgangsformen, Schlange stehen und Verständigung angeht." Trotzdem seien viele Rentner, vor allen Frauen, ausgeblieben. "Das ist für uns sehr schade, aber da spielen auch andere Dinge eine Rolle."

Halle

"Es gibt im Moment keinerlei Verdrängungsprobleme", sagt Sophia Krupa von der Stadtmission Halle. "Die Probleme, welche in der Vergangenheit im Frühjahr 2016 durch einen großen Zustrom an Neukunden auftraten, wurden durch strukturelle Maßnahmen geregelt." So sei der Ausgabeturnus von zwei Wochen auf drei Wochen geändert worden. Die Kleiderkammer werde täglich geöffnet. "Produkte, die in großen Mengen regelmäßig gespendet werden, sind für registrierte Kunden auch außerhalb des Turnus zugänglich", sagt die Mitarbeiterin. Das betreffe etwa Backwaren, Obst und Gemüse.

MDR-exakt traf auch auf unzufriedene Neu-Kunden getroffen. Einer sagte: "Ich wollte mich neu anmelden hier – und bekomme heute nichts. Weil ich Neukunde bin, und die haben keine Zeit. Müssen irgendwas sortieren, und dadurch kriege ich heute nichts."

Nordhausen

"Wir sind eine Hilfe für alle Bedürftigen beziehungsweise Haushalte – unabhängig von der Herkunft", sagt die Chefin der Tafel Nordhausen, Helga Rathenau. Ausschlaggebend sei die Bedürftigkeit. "Uns stehen genug Lebensmittelspenden zur Verfügung. Unsere Suppenküche versorgt circa 400 Personen im Monat mit Frühstück und Mittagessen. Bei uns gibt es keinerlei Probleme bei der Versorgung der Hilfesuchenden."

Chemnitz

Tafel in Chemnitz
Die Tafel in Chemnitz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Tafel in Chemnitz hat für Deutsche zwei Tage und für Ausländer einen Tag pro Woche geöffnet. Die Menge und Auswahl an Lebensmittel sei für alle gleich, erklärt Christiane Fiedler, Geschäftsführerin der Chemnitzer Tafel. Diese Regelung gebe es seit 20 Jahren. "Damals gab es vor allem Konflikte zwischen Spätaussiedlern und Einheimischen."

Magdeburg

"Zu Beginn der Flüchtlingskrise war auch die Tafel Magdeburg einigermaßen überfordert", sagt Alexandra Rießler, Geschäftsführerin des Trägers der Magdeburger Tafel. Das habe insbesondere die Kommunikation betroffen. "Es kam schon vor, dass einige ´Stammkunden´ nicht mehr gekommen sind. Worauf dies zurückzuführen war, wurde uns nicht kommuniziert." Zwischen den einzelnen Kunden gebe es nicht mehr Probleme als zuvor.

"Eine halbe Stunde vor Ausgabebeginn ziehen die Kunden Lose mit Nummern, die die Reihenfolge der Ausgabe festlegt. So ist Schubsen und Drängeln unnötig und man muss auch nicht Stunden vorher vor der Tafel stehen", erklärt Rießler. In beiden Ausgabestellen der Tafel in Magdeburg seien "in arbeitsförderlichen Maßnahmen Geflüchtete tätig, die immer mit vor Ort sind und so auch bei Problemen muttersprachlich eingreifen können". Bei Problemfällen, wie Handgreiflichkeiten oder Beleidigungen mache die Tafel von ihrem Hausrecht Gebrauch und spreche Verweise oder auch ein sogenanntes „Tafelverbot“ aus.

Jena

"Der Flüchtlingsanteil beträgt etwa 30 Prozent. Durch die Flüchtlingswelle 2015 hat sich die Anzahl der Bedürftigen in den letzten Jahren sprunghaft erhöht, so dass wir eine Warteliste eingeführt haben", sagt Wilfried Schramm, Vorsitzender der Jenaer Tafel. Es bestünden Verdrängungsprobleme,  viele langjährige Bedürftige fühlen sich benachteiligt. "Art und Weise des Auftretens der Flüchtlinge entsprechen nicht den gesellschaftlichen Normen", so Schramm. Eine spezielle Herangehensweise an das Problem gebe es aber bei der Jenaer Tafel nicht.

Saalfeld

"Es gibt jetzt keine Verdrängungsprobleme mehr", sagt Jürgen Brengel, Vorsitzender der Saalfelder Tafel. In den Jahren 2015 und 2016 habe es aufgrund der Sprachprobleme und der Unkenntnis der jeweils anderen Kultur auf beiden Seiten Probleme gegeben. "Inzwischen gibt es ein friedliches Nebeneinander. Wir haben die bestehenden Probleme gelöst, indem wir Kontakte und Sprachkundige gesucht haben, die als Dolmetscher und Ein-Euro-Jobber die Tafelarbeit und die bestehenden Richtlinien erklärt haben."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 07. März 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 22:00 Uhr

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3 Kommentare

16.03.2018 10:52 Michael Beck 3

Wieso wurden Flüchtlinge überhaupt zu den Tafeln zugelassen? Der Staat muss das doch regeln. Fr. Merkl hat sich hingestellt und stolz behauptet „Wir schaffen das“. Alleine die Idee damit Flüchtlinge Taflen benötigen ist doch verrückt. Wenn wir Flüchtlinge ins Land lassen um ihnen zu helfen, dann müssen diese auch versorgt werden. Aber die Flüchtlinge dann als Konkurrenz zu den den Taflen zu schicken ist doch pervers. Da macht es sich die Regierung verdammt einfach auf Kosten der ärmsten.

08.03.2018 11:52 Ekkehard Kohfeld (Lieber Demokrat als grünes Ziegelstein) 2

Natürlich kann man Tafeln finden wo das nicht so schlimm wie in Essen ist,es gibt ja auch Orte wo nicht so viele Flüchtlinge sind.Das ist doch keine Antworten auf die Probleme die es nun mal gibt wieder nur der Versuch die Probleme klein zu reden warum kann man die Wahrheit nicht vertragen?Passt wohl nicht in die aktuelle Politik.Warum schafft man es in Deutschland nicht mehr die Probleme beim Nahmen zu nennen bricht man sie da einen Zacken aus der Krone oder wird der Heiligenschein schmutzig?Dem Ansehen kann das nicht schaden da sind wir in Europa eh unten durch.Germany 0 Points!

08.03.2018 10:56 Kathinka 1

Natürlich gibt es Probleme bei den Tafeln, nur ist keiner so mutig wie der Tafelbetreiber aus Esssen und berichtet objektiv darüber. Nehmen sie sich ein Beispiel an der Kanzlerin, die jetzt auch zugibt, dass es no-go-Arreas in Deutschland gibt, gegen die man etwas unternehmen muß.

Wenn einige schreiben, wie die Tafel aus Freiberg, dass sie Dolmetscher einsetzen frage ich mich, wo kommt denn das Geld dafür her? Das macht doch niemand umsonst. Es ist auch sehr hoch anzuerkennen, dass man auf die Befindlichkeiten der Flüchtlinge Rücksicht nimmt, indem sie lieber von einer Landsmännin bedient wird. Hoffentlich bringt sie ihnen auch die gesellschaftlichen Normen bei.
Beachtet die Tafel aus Bernburg bei der gutgemeinten Ausgabe von vorgepackten Körben auch, dass sich die richtigen Lebensmittel darin befinden? Ansonsten finden sie die auf der Straße wieder.

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