Exakt die Story "Glyphosat - Tote Tiere, Kranke Menschen"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Glyphosat im Bier, Glyphosat im Urin Die Relevanz des Behördenstreits für die Bevölkerung

Exakt die Story "Glyphosat - Tote Tiere, Kranke Menschen"
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Immer wieder haben Meldungen aufgeschreckt, wo überall Glyphosat gefunden wurde: In Brot, in Brötchen, in Saft, in Wein, in Bier. Der Stoff scheint für die Bevölkerung unvermeidbar.

Besonders heftige Diskussionen gab es erstaunlicherweise um die – Reinheitsgebot hin oder her – Glyphosatrückstände in verschiedenen Biersorten. Höchstwert: 29,74 Mikrogramm pro Liter. Das private Umweltinstitut in München, das die Untersuchungen durchgeführt hat, wies darauf hin, dass dies fast 300-fach über dem Trinkwasser-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm (= 0,1 Millionstel Gramm) liege.

Kurze Zeit später, Anfang März 2016, stellte eine Bürgerinitiative die Ergebnisse einer Aktion vor, in deren Rahmen mehr als 2.000 Bürger Urinproben untersuchen ließen. In mehr als 90 Prozent dieser Proben wurde Glyphosat gefunden, und in einem Drittel der Proben mehr als 1 Mikrogramm pro Liter. Höchster Wert: 4 Mikrogramm, sprich 4 Millionstel Gramm.

Natürlich fragt sich jeder: Welche Relevanz hat das für mich?

Die deutsche Behörde, die für diese Frage zuständig ist, das Institut für Risikobewertung in Berlin (BfR), sagt: praktisch keine. Die gefundenen Mengen seien viel zu klein, um eine negative Auswirkung auf die Gesundheit zu haben. Um den Faktor 1000 lägen die gefundenen Werte unter jenen Dosierungen, bei denen man mit gesundheitlichen Problemen rechnen müsste. Oder, bezogen aufs Bier: 1000 Liter pro Tag müsse man trinken, um hinsichtlich des Glyphosatgehalts in einen kritischen Bereich zu kommen.

Dies spiegelte sich dann auch in einigen Medien unter Überschriften wie "Panikmache auf Kosten der Verbraucher". 

Allerdings sollte man im Gedächtnis behalten, dass das BfR die Glyphosat-Einstufung der WHO-Krebsforschungsagentur IARC ablehnt. Die deutsche Behörde geht also von anderen Voraussetzungen aus.

Sollte dagegen IARC mit seiner Klassifizierung von Glyphosat richtig liegen und Glyphosat tatsächlich eine krebserregende und genotoxische Stoffeigenschaft aufweisen, dann würde das 1000-Liter-Argument des BfR problematisch werden. Dazu unten mehr, nach einigen Informationen zur Einordnung.

Glyphosatfunde im Urin: das Umweltbundesamt warnt

Das erste Mal kochte die Diskussion um Glyphosatfunde im Urin im Jahr 2013 hoch. Im Frühsommer jenes Jahres veröffentlichte die Umweltorganisation BUND die Ergebnisse einer Untersuchung aus 18 europäischen Ländern. Dazu wurden aus jedem Land 8 bis 12 Urinproben untersucht, und zwar durchgehend von Großstadtbewohnern – bei Menschen also, die landwirtschaftsfern leben und bei denen ein direkter Kontakt mit dem Pflanzengift eher unwahrscheinlich ist.

Insgesamt 182 Urinproben wurden untersucht, die Nachweisgrenze lag bei 0,15 Mikrogramm pro Liter. Fast in der Hälfte der untersuchten Proben fand sich Glyphosat, der Höchstwert lag bei 1,8 Mikrogramm pro Liter.

Zwar ist zu beachten, dass die Probenzahl aus den einzelnen Ländern eher klein war, Prozentangaben also mit Vorsicht zu betrachten sind. Aber immerhin vermittelte diese Untersuchung einen ersten Eindruck von der Verbreitung des Pflanzengifts in der Bevölkerung.

Weitgehend bestätigt wurden diese Ergebnisse des BUND erst jüngst, nämlich im Januar 2016, durch das Umweltbundesamt. Die Behörde hatte in die Archive der Umweltprobenbank gegriffen und von 2001 bis 2015 für jedes Jahr 40 Proben eines bestimmten Bevölkerungskollektivs (junge Erwachsene, 20 bis 29 Jahre) untersucht. Das Ergebnis: Während sich im Jahr 2001 nur in 10 Prozent der Proben das Pflanzengift Glyphosat nachweisen ließ, war dies in den Jahren 2014 bis 2016 bei etwa der Hälfte der Proben der Fall. Auch wurden die gemessenen Konzentrationen mit den Jahren höher. Höchstwert: 2,8 Mikrogramm pro Liter Urin.

Auch hier also das Ergebnis: Ein Großteil der Bevölkerung hat nachweisbar das Pflanzengift Glyphosat im Körper. (Abweichungen in den Prozentangaben haben auch damit zu tun, dass es Unterschiede gibt bei der Grenze, bis zu der hinunter in den verschiedenen Untersuchungen Glyphosatgehalte festgestellt wurden.)

Damit stellt sich natürlich zwingend die Frage: Relevant oder nicht? Gesundheitlich bedenklich oder nicht?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin (BfR) teilte dazu schon 2013 mit: völlig unbedenklich. Es hieß:

Die Studienergebnisse des BUND sind plausibel und liefern einen Hinweis darauf, dass es eine Hintergrundbelastung mit Glyphosat gibt, die jedoch weit unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs liegt.

BfR Stellungnahme Nr. 023/2013 vom 29.07.2013

Hintergrund dieser Aussage ist der von den europäischen Behörden festgelegte Grenzwert, der besagt, wie viel Glyphosat der Mensch über lange Zeit täglich "ohne erkennbares Gesundheitsrisiko" soll aufnehmen dürfen: nämlich der sogenannte ADI-Wert ("acceptable daily intake") – also die tolerierbare bzw. duldbare tägliche Aufnahmemenge. Und die beträgt 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht –  also 0,5 Tausendstel Gramm. Was tatsächlich um Größenordnungen über den Millionstel-Gramm-Funden im Urin der Menschen liegt. Entsprechend teilte das BfR mit:

Sofern die gemessenen Konzentrationen auf den Verzehr belasteter Lebensmittel zurückgingen, lag die Glyphosat-Aufnahme über diese Lebensmittel um mehr als den Faktor 1.000 unter gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen.

BfR Stellungnahme Nr. 023/2013 vom 29.07.2013

Die Botschaft also: Rückstände dieser Art im Menschen erwartbar, aber ohne jede gesundheitliche Relevanz.

Das gleiche Erklärungsmuster fand dann später auch auf die Glyphosatfunde im Bier Anwendung. Das BfR teilte im Februar 2016 mit:

Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1.000 Liter Bier trinken.

BfR Mitteilung Nr. 005/2016 vom 25.02.2016

Doch wie verhält es sich, wenn man davon ausgeht, dass die Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) mit ihrer Glyphosatbewertung Recht hat: Wenn Glyphosat also tatsächlich "sicher krebserregend bei Tieren" ist, "wahrscheinlich krebserregend beim Menschen" ist, und auch noch genotoxisch – also die DNA in den Zellen und damit das Erbgut schädigt?

Interessant in diesem Zusammenhang ist, wie das Umweltbundesamt (UBA) im Januar 2016 seine eigenen Untersuchungsergebnisse an Urinproben interpretiert hat. Auch hier wies man zunächst darauf hin, dass die gefundenen Werte im Urin um den Faktor 1.000 niedriger liegen als die amtlich zulässigen Werte. Gemessen daran, so das UBA, wären sie demnach unbedenklich.

Gleichzeitig wies die Behörde aber auch auf die zwischenzeitlich erfolgte Klassifizierung von Glyphosat durch die WHO-Krebsforschungsagentur IARC hin. Und vor dem Hintergrund dieser Einstufung als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen", sagt die Behörde:

Folgt man der IARC-Bewertung, kann derzeit keine Entwarnung gegeben werden. Insbesondere der in den UPB-Proben beobachtete Anstieg wäre dann als besorgniserregend einzustufen.  [UPB = Umweltprobenbank]

Umweltbundesamt Glyphosat-Gehalt in Urinproben der Umweltprobenbank im zeitlichen Verlauf (2001 bis 2015), Stand 21.01.2016

Weiter schreibt das Amt, es sei:

unbefriedigend, dass derzeit keine abschließende Aussage darüber möglich ist, ob es ein zusätzliches Krebsrisiko im Zusammenhang mit der Glyphosat-Applikation in Deutschland gibt.

Umweltbundesamt Umweltbundesamt: Glyphosat-Gehalt in Urinproben der Umweltprobenbank im zeitlichen Verlauf (2001 bis 2015), Stand 21.01.2016

Das heißt nichts anderes als: Folgt man den Zulassungsbehörden (BfR/EFSA), dann keine Besorgnis. Folgt man IARC, dann Besorgnis.

Die Sache mit dem Schwellenwert und der sicheren Dosis

Der Hintergrund dieser Einschätzung des Umweltbundesamts ist folgender: Wenn die WHO-Krebsforschungsagentur IARC Recht hat – und Glyphosat mit Wahrscheinlichkeit krebserregend für den Menschen ist sowie genotoxisch ("strong evidence for genotoxicity") –, dann hat das relevante Folgen, was die Frage eines sicheren Dosisbereichs angeht: Denn einen solchen gibt es, nach derzeitigem Stand der Wissenschaft, bei genotoxischen Substanzen nicht.

Wenn ein Stoff genotoxisch ist, dann bedeutet das, dass er DNA-Schäden in den Zellen verursachen kann. Und das tut er auch in kleinen Dosierungen, die Schäden summieren sich. Weshalb in diesem Fall gilt: Es gibt keinen Schwellenwert – und folglich auch keinen Dosisbereich, den man als sicher ansehen kann.

Das lässt sich auch auf der Website des BfR nachlesen:

Nicht alle gesundheitsschädlichen Wirkungen unterliegen einem Schwellenwertmechanismus. Für erbgutverändernde (genotoxische) Wirkungen wird generell davon ausgegangen, dass sie keinem Schwellenwert unterliegen. Da viele Stoffe, die erbgutverändernd wirken, auch Krebs erzeugen können, wird grundsätzlich auch krebserzeugenden Stoffen sicherheitshalber eine Wirkungsweise ohne Schwellenwert unterstellt. ... Für solche Stoffe ohne Schwellenwert-Wirkungen kann keine Exposition bestimmt werden, unterhalb der die menschliche Gesundheit nicht beeinträchtigt werden kann. Ein sicherer Grenzwert ist nicht ableitbar.

BfR Toxikologische Beurteilung von chemischen Stoffen

Solches gilt also, wenn IARC mit seiner Bewertung der Stoffeigenschaften von Glyphosat – inklusive Genotoxizität – richtig liegt. Denn, wie dargestellt:  Genotoxizität bedeutet, dass es auch bei kleinen Dosierungen ein Problem gibt. Das heißt: Auch kleinste Mengen können Schaden anrichten, wenn der Mensch damit in Kontakt kommt. Was natürlich wieder Rückwirkungen auf die Frage hat, ob die in Brot und Brötchen oder auch Bier gefundenen Mengen schädlich sind.

Mai 2016: "JMPR" hat entschieden

Im Mai hat ein Gremium, das der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation (FAO) gemeinsam unterstellt ist, eine eigene Bewertung zu Glyphosat abgegeben. Schon der Name des Gremiums sagt, dass es  sich mit dem Risiko beschaftigt, welches durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in der Nahrung entstehen kann: "Gemeinsame Expertengruppe zu Pestizidrückständen" ("Joint WHO/FAO Meeting on Pesticide Residues"), kurz: JMPR.

Und diese Gremium JMPR hat nun am Pfingstmontag 2016 ein sehr kurzes, zusammengefasstes Fazit seiner Bewertung veröffentlicht. Hauptaussage dieser Zusammenfassung: Man sehe keine Risiken durch Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln. Insbesondere sei eine Genotoxizität von Glyphosat – jedenfalls über den oralen Weg, also die Nahrungsaufnahme – nicht gegeben. Was die Tierversuche an Nagetieren angeht (an Ratten und Mäusen), so erkenne man ein kanzerogenes Potential bestenfalls bei sehr hohen, für den Menschen nicht relevanten Dosierungen. Und hinsichtlich der Erkenntnisse beim Menschen gäbe es zwar einige Hinweise ("some evidence"), die auf einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und  Lymphdrüsenkrebs hinweisen könnten. Aber: Die einzige große und qualitativ hochwertige Kohortenstudie (Langzeitbeobachtung von Landwirten) habe keinen Zusammenhang gefunden.

All dies bedeutet, dass das Expertengremium JMPR mit seinen Ergebnissen in einem klaren Kontrast zur Bewertung der spezialisierten Krebsforschungsagentur der WHO steht.

Die Weltgesundheitsorganisation selbst allerdings versucht, diesen Umstand so gut es geht zu verschleiern. So heißt es in einer begleitenden Veröffentlichung des JMPR-Sekretariats mit dem Titel "Fragen und Antworten", von einem Widerspruch zwischen den beiden Bewertungen (IARC hier, JMPR dort) könne keine Rede sein:

Frage: “Stehen die Schlussfolgerungen von JMPR zu Glyphosat, die im Mai 2016 veröffentlicht wurden, im Widerspruch zu der Gefahreneinstufung ("Hazard classification"), die von IARC 2015 publiziert wurde?"

Antwort:

Nein. JMPR hat in seiner Beurteilung die IARC-Bewertung berücksichtigt, indem deren Daten und Interpretationen in die Betrachtung einbezogen wurden. Die Tätigkeiten von IARC und JMPR sind unterschiedlich, ergänzen sich aber auch; ihre jeweiligen Funktionen können als Teil eines Kontinuums gesehen werden, bei dem potentielle Gefahren für die Öffentlichkeit ("Hazard") identifiziert werden, und nachfolgend das Risiko ("Risk"), das mit solchen Gefahreneinstufungen verbunden ist, bewertet wird.

WHO WHO/JMPR Sekretariat, 16.Mai 2016

Im Original:

"Are the JMPR conclusions on glyphosate, published in May 2016, contradictory to the IARC hazard classification published in 2015?"

No. JMPR, in its assessment, has taken the IARC review [of glyphosate] into account by taking their data and interpretations into consideration. The work by IARC and JMPR are different, yet complementary, and their respective functions can be seen as part of a continuum where potential hazards to public health are identified, and the level of risk associated with any such hazards is subsequently assessed.

WHO WHO/JMPR Secretariat, 16.May 2016

An dieser Stelle soll zunächst nur darauf hingewiesen sein, dass sich das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nicht an den Bemühungen der WHO beteiligt, den Widerspruch zwischen der eigenen Krebsforschungsagentur IARC und dem Gremium JMPR (das ja auch zur Hälfte der WHO zuzuordnen ist) zu verschleiern. Vielmehr spricht das BfR klar von den "Divergenzen innerhalb der unter dem Dach der WHO agierenden Gremien".

In der eigenen Sichtweise sieht man sich durch die JMPR-Bewertung vollends bestätigt:

Dieses Bewertungsergebnis des WHO/FAO-Gremiums unterstützt die Schlussfolgerungen ("EFSA-Conclusion") der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die am 12. November 2015 veröffentlicht worden waren (www.efsa.europa.eu), besonders hinsichtlich der darin formulierten unwahrscheinlichen kanzerogenen und erbgutverändernden Risiken von Glyphosat.

BfR BfR-Hintergrundinformation Nr. 012/2016 vom 16.Mai 2016

Festzuhalten ist, dass die europäischen Behörden sich durch das JMPR-Ergebnis bestätigt fühlen in ihrer Position, dass Glyphosat (wahrscheinlich) nicht genotoxisch, sprich erbgutverändernd sei, und auch nicht kanzerogen.

Für den Verbraucher allerdings bleibt die Situation unbefriedigend. Denn er weiß noch immer nicht, woran er ist. Zumal der Wiederspruch zwischen den Behörden-Bewertungen weiterhin besteht. Noch immer steht die Frage im Raum, ob das Erklärungsmuster, das in manchen Medien nahegelegt wurde, tatsächlich richtig ist: Nämlich, dass zwar eine grundsätzlich kanzerogene Wirkungsweise von Glyphosat möglicherweise bestehen mag, dass dies aber angesichts der real auftretenden Mengen, mit denen der Mensch in Kontakt kommt (also der realen Exposition), unbedenklich sei.

Um hier klarer zu sehen, sind einige Ausführungen zu den sehr zentralen Begriffen "Hazard" (= Gefahreneinstufung) und Risk (=konkretes Risiko für den Menschen) erforderlich.

→ Siehe dazu im Kapitel "Hazard versus Risk".

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 13:05 Uhr