Botulismus Ist Glyphosat mitverantwortlich für Tausende tote Rinder?

Im Jahr 2012 berichtete FAKT ausführlich über den möglichen Zusammenhang zwischen Glyphosat und einem dramatischen Rindersterben, das sich seit Mitte der 90er Jahre vor allem in Norddeutschland ausbreitete und auch bis nach Sachsen kam.

Rinder
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Doch der Reihe nach:

Als der dänische Schweinezüchter Ib Pedersen im Jahr 2013 seine missgebildeten Ferkel zur Professorin Monika Krüger an die Universität Leipzig bringt (siehe Artikel: Teratogene Wirkung von Glyphosat), da tut er das nicht aus reinem Zufall, sondern weil die Forschungen der Veterinärmedizinerin und Mikrobiologin Krüger zu Glyphosat zu diesem Zeitpunkt bereits über Deutschland hinaus bekannt sind. Drei Jahre vorher war das Leipziger Wissenschaftlerteam bei Untersuchungen zu einem rätselhaften Rindersterben, das seinen Weg von Norddeutschland bis nach Sachsen gefunden hatte, auf den mutmaßlichen Einfluss von Glyphosat gestoßen.

Die Öffentlichkeit hatte bis dahin von dem stillen Sterben der Tiere seit Ende der 90er nicht viel Notiz genommen, denn die Landwirte litten leise. Dennoch war die Situation dramatisch: Mehr als tausend betoffene Höfe, zigtausende tote Rinder, verwaiste Ställe – viele Landwirte standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Es begann mit nachlassender Milchleistung, die Tiere zeigten Muskelschwäche, Lähmungen, es kam zu Fehlgeburten, toten Kälbern, schließlich begann das große Sterben im Stall.

Ja, ja. Und hier an der Seite sieht man den eingezogenen Bauch. Und das Laufen! Wenn ich so was sehe, tut mir echt das Herz weh!

Mario Kuder Landwirt aus dem sächsischen Vogtland

Verschiedene Wissenschaftlergruppen vermuten seit vielen Jahren, dass bei diesem Krankheitsgeschehen ein bestimmtes, hochgiftiges Bakterium eine wesentliche Rolle spielt: Clostridium Botulinum. Dieser pathogene Erreger produziert eines der gefährlichsten Gifte der Welt: Botulinumtoxin.

Und diesen Erreger identifizieren die Wissenschaftler um Monika Krüger auch im Stall des sächsischen Landwirts Mario Kuder.

Sein Gift ist verantwortlich, wenn Lebensmittelvergiftungen tödlich ausgehen. Auch das sogenannte Leichengift entsteht durch Botulinumtoxin. Bereits minimale Mengen töten durch Hemmung der Signalübertragung von Nervenzellen, Lähmung der Muskulatur, Lungenversagen ...

Der Begriff, unter dem diese Tierkrankheit – allerdings sehr kontrovers – diskutiert wird, lautet "chronischer Botulismus". Die Behörden dagegen verweisen darauf, dass der Zusammenhang zwischen der klinischen Symptomatik der Tiere und dem Bakterium wissenschaftlich nicht gesichert sei. In Norddeutschland gab es Landwirte, die schon Ende der 90er Jahre mehr als 800 Tiere verloren.

Wir haben seit 1995 sehr extreme Problem im Viehbestand gehabt. Erst sehr schleichend, 96/97 ist die Sache dann eskaliert. Wir haben von '95 bis '98 am Tag mindestens ein bis zwei Kühe tot aus dem Stall geholt bzw. getötet. Was das bedeutet, wenn man tote Kühe aus dem Stall ziehen muss, dass brauche ich keinem zu sagen hier.

Landwirt Niels Bratrschovsky im Januar 2012 vor bayerischen Landwirten

Aber nicht nur die Tiere, auch die Landwirte erkrankten. So Heiko und Heinrich Strohsahl aus Schleswig-Holstein, die ebenfalls Hunderte Rinder verloren hatten, und die selbst wegen Muskelschwäche ins Krankenhaus mussten. Sie bekamen skurrile Empfehlungen von den Behörden:

Das war die Hölle hoch zehn! Wir selbst waren ja auch an Botulismus erkrankt, und bevor wir ins Krankenhaus gekommen sind, hatten wir das Gesundheitsamt bei uns auf dem Hof – also von der Humanmedizin. Die haben gesagt: Das ist kein Problem, ihr könnt ja mit Masken die Kühe melken, ihr könnt Schutzanzüge tragen, ihr könnt euch jedes Mal nach dem Melken duschen. Und wenn man Kühe melken soll mit Schutzanzügen, und Handschuhen, und sich jedes Mal duschen muss, ich frag´ mich dann: Warum sollen wir dann noch die Kühe melken? Das ist doch ein hohes Problem, was wir auf dem Betrieb haben!

Heiko Strohsahl Landwirt aus Schleswig-Holstein

Die Landwirte fühlten sich von der Politik allein gelassen.

Minister, ob auf Bundes- oder Landesebene, antworten dann immer nur: Es ist Forschungsbedarf da, es ist Bedarf da – ich aus meiner Sicht kann nur sagen: In 15 Jahren haben sie sich nicht einen Zentimeter bewegt. Und das kann nicht sein! Es sterben nämlich nicht nur die Kühe – wenn wir so weiter machen, sterben irgendwann die Landwirte!

Landwirt Niels Bratrschovsky zusammen mit anderen Betroffenen

Viele der Landwirte zeigten dieselben Symptome wie ihre Tiere. An der Medizinischen Hochschule Hannover, wo viel Erfahrung mit dem Gift Botulinumtoxin vorliegt, wurden sie systematisch untersucht:

Es ist dasselbe Krankheitsbild im Prinzip wie bei den Rindern. Es kommt zu einer dauerhaften Beeinträchtigung eines Organismus mit Botulinumtoxin. Die Ausfallerscheinungen sind einerseits im Muskelsystem des Menschen, es kommt also zu Lähmungen. Und andererseits kommt es zu Ausfällen im Bereich des autonomen Nervensystems: das heißt, es könnten Blasenstörungen auftreten, Störungen der Pupillenmotorik können auftreten, es können Schluckstörungen auftreten, es können Veränderungen des Schwitzens bei den Patienten auftreten.

Prof. Dirk Dressler Medizinische Hochschule Hannover

Auch der sächsische Landwirt Mario Kuder ist erkrankt.

Herr Kuder ist ein sehr kranker Mann. Bisher konnte keine Therapiemaßnahme irgendeine Linderung bringen ... Das Krankheitsbild ist neu, es ist unerforscht und wir wissen als Therapeuten jetzt auch nicht, wie der Verlauf dieser Krankheiten ist, und ob jeweils eine spezifische Behandlung möglich sein wird.

Die Behörden, ob in Norddeutschland oder in Sachsen, boten den Landwirten wenig bis keine Hilfe. Eine anzeigepflichtige Tierseuche wurde verneint - mit der Folge, dass auch so gut wie keine Unterstützungszahlungen für die Landwirte erfolgten. Im Gegenteil: Meist wurde die Schuld bei den Bauern selbst gesucht: Fehler bei der Tierhaltung, Managementfehler etc. Eine Argumentation, die angesichts des verbreiteten und dramatischen Geschehens geradezu absurd anmutete.

Die Veterinärin und Mikrobiologin Monika Krüger ging dagegen von einem "seuchenhaften Geschehen" aus.

Aus meiner Sicht muss man hier in dem Bestand doch von einem seuchenhaften Geschehen ausgehen, weil eben doch über einen begrenzten Zeitraum eine Vielzahl von Tieren verloren gegangen sind. Sowohl direkt als Verendungen, aber auch zum Beispiel durch Euthanasie.

Prof. Monika Krüger Veterinärmedizinerin und Mikrobiologin

Unklar war jedoch, warum Clostridium Botulinum seine zerstörerische Wirkung nur auf manchen Höfen entfaltete, auf anderen aber nicht. Denn dieses Bakterium gilt als ein sogenannter ubiquitärer Keim - einer also, der überall in der Umwelt zu finden sei. Allerdings kann er nur unter sehr beschränkten Umständen sein gefährliches Gift bilden, vor allem: unter Sauerstoffabschluss.

Es gab also noch keine Antwort darauf, warum bestimmte Höfe betroffen waren, andere aber nicht. Bis der Verdacht der Leipziger Wissenschaftler um Monika Krüger auf das Pflanzengift Glyphosat fiel. Viele Landwirte setzen es selbst auf ihrem Betrieb ein, um Flächen vor der Aussaat totzuspritzen – oder vor der Ernte, um eine gleichmäßige Trocknung herbeizuführen.

Von höherer Bedeutung aber als die Verwendung auf dem eigenen Hof schien die Verfütterung von Kraftfutter zu sein, das vor allem Hochleistungs-Milchkühe erhalten. Da dieses Kraftfutter meist aus Nord- und Südamerika importiert wird, besteht es zum größten Teil aus genveränderten Pflanzen, vor allem Soja.

Der Glyphosatgehalt dieses importierten Tierfutters ist ungleich höher als von Futter, das aus Europa stammt. Denn hier dürfen genveränderte Pflanzen im Regelfall nicht angebaut werden. Anders bei dem importierten Soja sowie weiteren Pflanzen aus Nord- und Südamerika: Da die Genveränderung in der künstlichen Schaffung einer Glyphosat-Resistenz besteht, kann dort sehr viel mehr gespritzt werden als in Europa. 

Was die Leipziger Wissenschafter herausfanden war, dass Glyphosat, welches im Magen-Darm-Trakt der Kuh landet, sich auf die dort befindlichen Bakterien höchst unterschiedlich auswirken kann:

Die These: Glyphosat zerstört das Gleichgewicht der Bakterien

Wir haben festgestellt, dass Glyphosat auf die gesundheitsfördernden Bakterien abtötend wirkt, während pathogene oder krankheitsauslösende Bakterienspezies durch das Glyphosat nicht beeinträchtigt werden. Sie können also an Masse, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt, gewinnen!

Prof. Monika Krüger Universität Leipzig

Damit war ein wesentlicher Schlüssel zur Antwort auf die Frage gefunden, warum Clostridium Botulinum sein zerstörerisches Werk beginnen kann: Denn wenn Glyphosat gesundheitsfördernde Bakterien hemmt oder tötet, pathogene Keime dagegen eher unempfindlich sind, so ist der Weg bereitet für eine schwerwiegende Störung der Bakterienbalance im Magen-Darm-Trakt der Tiere: Krankheitsauslösende Keime können dann ein Übergewicht bekommen.

Über diese Entwicklung haben wir in FAKT am 14.08.2012 berichtet (Video siehe oben).

Bis heute herrscht hinsichtlich dieser Theorie Streit. Die Behörden verweisen auf eine Studie der Tierhochschule Hannover, in deren Rahmen 139 Betriebe, bei denen sich  Krankheitserscheinungen zeigten, mit 47 Kontrollbetrieben verglichen wurden. Dabei seien keine Nachweise dafür gefunden worden, dass Clostridium Botulinum eine wesentliche Ursache sei. Weshalb die TiHo Hannover als Ergebnis der Studie mitteilte, dass

... ein direkter und deutlicher Zusammenhang zwischen dem Auftreten von C. botulinum und einem chronischen Krankheitsgeschehen auf Milchviehbetrieben oder bei Tieren nicht bestätigt werden kann.

Abschlussbericht der Tierhochschule Hannover vom Mai 2014 zur Untersuchung "Bedeutung von Clostridium Botulinum bei chronischem Krankheitsgeschehen"

Diese Feststellungen fanden allerdings harrsche Kritik von jenen Wissenschaftlergruppen, die den gegensätzlichen Standpunkt vertreten:

Die Anzahl und Auswahl der teilnehmenden Betriebe und der einzelnen untersuchten Tiere halten nicht den Anforderungen einer Fall-Kontrollstudie Stand. ... Die Studie wurde zahlenmäßig völlig falsch geplant ... Der Versuchsansatz zeigt, dass man keine chronische Botulismusintoxikation finden wollte. Die Ergebnisse lassen keinerlei gesicherte Aussagen zum Krankheitsverlauf zu.

Nutztierpraxis Aktuell 49/2014: "Keine Frage: Chronischer Botulismus existiert bei Tier und Mensch", Autoren u.a. Prof. Helge Böhnel, Prof. Monika Krüger

Festzuhalten bleibt, dass die Frage des Zusammenhangs zwischen Glyphosat und dem geheimnisvollen Rindersterben weiterhin als ungeklärt anzusehen ist. Zumal keine befriedigende alternative Erklärung für das massenhafte Sterben der Tiere auf Hunderten Höfen angeboten wurde. Die von den Behörden erwogenen Erklärungen (Fütterungs- und Managementprobleme, Hygienemängel, Überbelegung der Ställe etc.) klingen angesichts des vielfach dramatischen Geschehens nicht sehr überzeugend. Zumal es auch Betriebe getroffen hat, die vorher Preise gewannen und als Musterbetriebe galten.

So steht weiter die Frage potentiell schädlicher Wirkungen von Glyphosat auf Bakterien im Magen-Darm-Trakt von Mensch und Tier im Raum.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung teilte dazu am 14.08.2012 mit:

Nach den vorliegenden umfangreichen toxikologischen Daten gibt es jedoch bisher keine Anzeichen für eine spezifische antibakterielle Wirkung von Glyphosat. ... Glyphosat ist kein Antibiotikum.

BfR-Stellungnahme Nr. 033/2012 vom 14.08.2012

Wissenschaftler, die dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in diesen Fragen kritisch gegenüber stehen, sehen hier einen Widerspruch zu der Tatsache, dass die antibakterielle Wirkung von Glyphosat sogar Grundlage eines Patents ist, das Monsanto im Jahr 2010 erhalten hat. Das Patent beruht gerade auf der hemmenden Wirkung von Glyphosat auf Pathogene, die denselben Stoffwechselweg haben, der auch in den Pflanzen unterdrückt wird, um sie zu töten. Auch Clostridien sind in dem Patent als Zielorganismen angesprochen.

Das BfR teilte uns im vergangenen Jahr mit, keine Kenntnis von diesem Patent zu haben. Wir hatten es übermittelt, aber es wurde nicht kommentiert.

Letzter Stand in dieser Frage ist eine Mitteilung des BfR aus dem Januar 2014: Dort wurde von einem weiteren Forschungsprojekt der Tierärztlichen Hochschule Hannover berichtet, bei dem der Einfluss eines glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittels auf den Stoffwechsel und die mikrobielle Population bei Wiederkäuern untersucht worden sei (also die Bakterien im Magen-Darm-Trakt).

Ergebnis dieser Studie sei gewesen, dass der Wirkstoff Glyphosat und die Beistoffe keinen negativen Einfluss auf den Vormagen hätten. Auch gäbe es keine Hinweise, dass Bakterien der Spezies Clostridium sich unter dem Einfluss von Glyphosat verstärkt vermehren.

Allerdings ist die Aussagekraft auch dieser Studie der TiHo Hannover umstritten.

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2017, 16:07 Uhr