Glyphosat
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Streit – Die Entstehungsgeschichte Der Streit: EFSA gegen IARC gegen BfR gegen JMPR gegen …

Glyphosat
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Der Gegensatz zwischen den wissenschaftlichen Bewertungen zu Glyphosat ist immens – und das bei einer Substanz, der die gesamte Bevölkerung ständig ausgesetzt ist. Einen derart öffentlich ausgetragenen Streit der Institutionen hat es auf dem internationalen wissenschaftlichen Parkett so wohl kaum jemals gegeben.

Die Aussagen der internationalen Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) auf der einen Seite, und jene der europäischen Zulassungsbehörden auf der anderen, sind einander diametral entgegengesetzt: 

Wahrscheinlich krebserregend für den Menschen

IARC

gegen

Wahrscheinlich nicht krebserregend

EFSA, BfR

Das Besondere: Beide Seiten nehmen für sich in Anspruch, auf dem Boden der Wissenschaft zu stehen.

Die Mitte 2016 vorgelegte neue Bewertung eines weiteren Expertengremiums namens JMPR (diesmal von WHO und FAO gemeinsam, zuständig für Pestizidrückstände in der Nahrung) steht offenbar näher beim Standpunkt der europäischen Behörden. Die Botschaft, die man hinter dem knappen Fazit vermuten kann, das bis jetzt veröffentlicht wurde, dürfte lauten:

Eher nicht krebserregend. Und: Krebsrisiko durch Lebensmittel "unwahrscheinlich".

Es stellt sich die Frage: Wie können auf dem Boden der Wissenschaft derart unterschiedliche Antworten möglich sein?

Die Entstehungsgeschichte des Streits

Hintergrund der Auseinandersetzung ist die in der Europäischen Union alle zehn Jahre erfolgende Überprüfung der  Zulassung von Pestiziden. Diese routinemäßige Neubewertung findet im Fall von Glyphosat bereits seit 2012 statt. In der EU für Glyphosat zuständig: Deutschland – so wie auch schon bei der ersten Bewertung Ende der 90er Jahre, als der Stoff seine erste EU-Zulassung bekam. (Zu diesem Zeitpunkt war er allerdings in den meisten Mitgliedsstaaten bereits seit vielen Jahren auf dem Markt, mit jeweils nationaler Zulassung.)

Die EU-Neubewertung verzögert sich zunächst, läuft dann aber nach Plan: Ende 2014 schließt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seinen vorläufigen Bewertungsbericht ab und übergibt ihn an die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA. Diese veröffentlicht den Bericht im Internet, und es folgt eine mehrwöchige Konsultationsphase, in deren Rahmen die Öffentlichkeit Stellungnahmen einreichen kann; was viele Wissenschaftler und Nicht-Regierungsorganisationen genutzt haben.

Auf der Basis dieser Stellungnahmen – und nach Abstimmungen zwischen den Mitgliedsstaaten – erstellt das BfR eine überarbeitete Fassung dieser Neubewertung, die das Fertigstellungsdatum 29.01.2015 trägt, sowie noch eine weitere mit dem Enddatum 31.03.2015. An der grundsätzlichen Bewertung, die von Anfang an bestand, ändert sich durch diese nachfolgenden Versionen allerdings nichts mehr:

Der Wirkstoff ist nicht mutagen, er ist nicht kanzerogen, er ist nicht reproduktionstoxisch, er ist nicht fruchtschädigend, und er ist nicht neurotoxisch.

Dr. Lars Niemann (BfR) beim öffentlichen Symposium zu Glyphosat im Januar 2014 in Berlin

Mitten in die letzte Phase der Fertigstellung jedoch platzt jene Neuigkeit aus Lyon, die weltweit für Schlagzeilen sorgt: Die internationale Krebsforschungsagentur der WHO, kurz IARC, stuft nach einjähriger Prüfung Glyphosat in die zweithöchste Risikostufe ein:

IARC: Glyphosat ist "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen".

Ein Paukenschlag.

FAKT hat bereits Ende März 2015 über diese überraschende Entwicklung berichtet.

In der Folge schlägt das BfR sehr schnell einen scharfen Ton an. Nur drei Tage nach Bekanntwerden der IARC-Bewertung, am  23.03.2015, veröffentlicht die deutsche Behörde eine Stellungnahme, in der die Einstufung der WHO-Krebsforscher als "auf Basis der vorliegenden Informationen wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar" bezeichnet wird. Und: Die Einstufung sei "offenbar nur mit wenigen Studien belegt".

In den folgenden Monaten verschärft sich dieser Ton seitens des BfR noch:

Es gibt weltweit keine einzige Fachbehörde, die die Einschätzung des IARC teilt.

BfR-Präsident Prof. Andreas Hensel in einem Interview mit "topagrar", veröffentlicht am 06. September 2015

Ist die Klassifizierung von Glyphosat durch die internationale Krebsforschungsagentur IARC wirklich so exotisch, wie vom BfR-Präsidenten dargestellt? Immerhin verkörpert diese WHO-Institution auf internationaler Ebene seit Jahrzehnten so etwas wie die Spezialkompetenz auf dem Gebiet der Krebsforschung. Die großen Monographien, die IARC über die Jahre veröffentlicht hat – mehr als hundert – stellen den Standard auf dem Gebiet der Identifizierung kanzerogen wirkender, also krebserzeugender Substanzen dar.

Sollte sich jetzt herausstellen – anlässlich der Beurteilung von Glyphosat –, dass die Experten in Lyon derartige Fehlurteile fällen? Dass sie eine zentrale Substanz, deren internationale Bedeutung im Agrarsektor kaum zu überschätzen ist, als "wahrscheinlich krebserregend" einstufen – immerhin der zweithöchsten von fünf Risikostufen –, obwohl es in Wahrheit gar nicht so ist?

Die nun vorgelegte neue Bewertung eines anderen WHO-Untergremiums (Kürzel: JMPR) – dessen Aufgabe die Beurteilung von Pestizidrückständen in der Nahrung sind – sieht ein wenig wie ein Kompromißversuch aus. Sinngemäß wird gesagt:

Grundsätzliche Fähigkeit von Glyphosat, Krebs zu erzeugen, möglicherweise gegeben, Hinweise aber wohl eher schwach. Jedenfalls aber kein Risiko aus den Rückständen in der Nahrung.

Der Unterschied zu IARC ist klar: Dort sieht man die Belege für eine grundsätzlich krebserregende Wirkung von Glyphosat nicht für schwach, sondern für stark an: deshalb Einstufung in die zweithöchste Risikogruppe „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“.

Unklar bleibt, welches Risiko bei der tatsächlich auftretenden Exposition der Bevölkerung – den Dosierungen, die auf sie einwirken – besteht. Ob die neuen Erkenntnisse des JMPR-Gremiums schlüssig sind, wird man erst beurteilen können, wenn der gesamte Bericht vorliegt.

→ Mehr zur Frage "grundsätzlich krebserregende Wirkung" versus "Risiko durch tatsächliche Exposition / Dosierungen" im Artikel "Hazard oder Risk"

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 13:04 Uhr