exakt | 23.05.2018 Therapeuten wollen raus aus dem Job

Für viele begann die Arbeit in einem therapeutischen Beruf als Traumjob – doch die Arbeit ist sehr stressig und auch noch schlecht bezahlt. Nun wollen immer mehr Menschen ihren Job an den Nagel hängen. Das kann in Zeiten von steigender Lebenserwartung ein großes Problem für die Gesellschaft werden.

Jonas Eberth aus Leipzig hat zwei Jahre als Physiotherapeut gearbeitet, war hoch motiviert in den Beruf gestartet. "Das hab ich heute noch. Wenn ich einen Patienten habe und ich merke, es funktioniert, was ich mir überlegt habe", sagt der 26-Jährige. Wenn alles gut und individuell angepasst sei, dann merkt auch der Patient, "dass du dich kümmerst".

Therapeuten
Das positive Gefühl bei der Arbeit war angekratzt. Jonas Eberth hat seinen Job als Physiotherapeut gekündigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch nun will er seinen Job aufgeben. Denn sein Arbeitsalltag sieht so aus: Patienten im 20 Minuten Takt. Da bleibt das Gefühl, wirklich Zeit für den Patienten zu haben, oft auf der Strecke. Das hat auch Jonas Eberth für sich festgestellt: "Aber je mehr Missstände irgendwie vorhanden sind, desto mehr wird dieses positive Gefühl angekratzt."

Hinzu kommt noch die schlechte Bezahlung: Ein Physiotherapeut verdient in Sachsen in Vollzeit durchschnittlich 1.730 Euro brutto. Zum Vergleich: Ein Krankenpfleger kommt durchschnittlich auf 2.881€. Das sind offenbar die Gründe, warum laut einer Umfrage der Hochschule Fresenius über 60 Prozent der Beschäftigten in therapeutischen Berufen darüber nachdenken ihren Job aufzugeben.

Der Beruf ist unattraktiv geworden – sagt Volker Maihack. Der Professor für Gesundheitsmanagement an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera befürchtet sogar eine Zuspitzung der Situation: "Die Leute werden nicht mehr da sein." Es gebe schlichtweg immer weniger junge Menschen. "Das ist eine ganz einfache demografische Tatsache", sagt er. Und dies treffe auf immer höher werdende Bedarfe.

Was da entsteht, das wird uns alle betreffen.

Volker Maihack Professor für Gesundheitsmanagement

In der Berliner Politik ist das Problem inzwischen angekommen. Im Koalitionsvertrag ist verabredet, dass das Schulgeld für die Ausbildung abgeschafft werden soll. In der letzten Legislaturperiode wurden Weichen für eine Verbesserung der Vergütung gelegt.

"Wir haben mit dem HHVG (Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung) in der letzten Legislatur den ersten Schritt gemacht, der wirkt aber nicht so nachhaltig, wie ich mir das vorgestellt hatte", sagt Roy Kühne (CDU), Mitglied des Bundestags und selbst Physiotherapeut. "Von daher müssen wir da nachsteuern."

Die Signale der Therapeuten seien eindeutig: "Tut etwas, sonst verlassen wir den Beruf und gefährden damit die Versorgung vor Ort", erklärt Kühne. Geld sei da. Die Rücklagen der gesetzlichen Krankenkassen wachsen derzeit auf Rekordniveau. Doch statt die Überschüsse an die Beitragszahler zurück zu geben, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant, wäre es besser, das Geld dafür zu verwenden, die Therapeutenberufe attraktiver zu machen.

Für Jonas Eberth kommt dies zu spät. Er will jetzt Lehrer für Sport und Spanisch werden und bereitet sich derzeit auf die Aufnahmeprüfung für das Sportstudium vor. Wenn alles klappt, geht es im Oktober los – und mit seinem Fortgang gibt es wieder eine Fachkraft weniger im Land.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 23. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2018, 18:38 Uhr

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18 Kommentare

25.05.2018 07:29 Stiedl Birgit 18

Bin 52 Jr. -verdiene schlechter,trotz 20min-Takt (früher 30') - nebenher Terminplanung/Rezeptzuzahlung/Tel.dienst/Wäsche-Trockner befüllen/Bänke desinfizieren - alles zwischendurch ohne Pausen!! Motivation=am Boden

25.05.2018 07:24 Lorena Seckinger 17

Hallo MDR-team!
Danke dass sich anscheinend etwas bewegt.
Auch ich bin Ergotherapeutin in der Orthopädie.
Wenn man sich mit einer Vollzeitstelle, 40 Stunden die Woche, nur das Nötigste leisten kann, wie Essen und Wohnen, ist das sehr deprimierend.
Zudem kommt die Verantwortung, die wir als Therapeuten tragen!
Ich für mich spreche vom Bereich Orthopädie: habe ich nicht das medizinische Know-how kann ich die Arbeit eines Operateurs in Sekunden zunichte machen. Ebenso muss ich mit verschiedenen Patientenschicksalen umgehen - das ist natürlich nicht nur in meinem Bereich der Fall!
Diese Verantwortung die wir tragen sollte ebenso mit in die Vergütung einberechnet werden, wie die Tatsache dass wir 15-20 tausend Euro in unsere Ausbildung investieren und danach weiterhin in Fortbildung. Wir sind ständig unterbesetzt, da wir keine neuen Therapeuten finden! Verständlicherweise.
Unter diesen Bedingungen kann ich mir nicht vorstellen, weiterhin im Beruf zu arbeiten.

25.05.2018 07:14 Astrid Weißenbacher 16

Ich bin mit Leib und Seele seit 19 Jahren Ergotherapeutin. Seit 2005 selbstständig mit mittlerweile 2 Praxen. Eine würde diese Woche geschlossen, da ich kein Ersatz für schwangere und erkrankte Mitarbeiter finden konnte. Nicht eine Bewerbung habe ich erhalten. Auch meinen Hauotstandort muss ich schließen, da ich ihn alleine nicht weiter wirtschaftlich betreiben kann. Die Praxis ist mit ihren Fixkosten zu teuer. Aber Ersatz für Personal, dass aus dem Beruf des Ergotherapeuten ausgestiegen ist, konnte ich nicht finden. Ob ich als Ergo weiter arbeite? Vorerst ja. Als Angestellte, weil ich keine Gewerbefläche finden konnte, die den Vorgaben der Krankenkassen entsprach und die ich alleine hätte erwirtschaften können. Unser Therapeutenberuf ist so unattraktiv geworden, dass ich ihn heute auch nicht nochmal erlernen würde.
In unserem Ort bin ich eine von 2 Praxen. Mit anderen Worten, 50% der Versorgungsmöglichkeiten gibt es ab 30.06.2018 bei uns nicht mehr.

24.05.2018 22:09 Viola Winkels 15

Vielen Dank für den Bericht, ich kann zwar leider wegen Berufsunfähigkeit schon seit 3 Jahren nicht mehr als Physio arbeiten, aber zum einen verfolgt mich als Umschülerin das Physio Gehalt bis heute...wird ja alles daran bemessen. Zum anderen erinnere ich mich immer noch an die Situation...Patienten, die es nötig haben bekommen nix (hier profitiere ich mittlerweile von meinem Physio Job...den nun als Patientin kann ich im Gegensatz zu vielen anderen Patientrn gegenüber Ärzten argumentieren.

Zum anderen waren schon die Wartezeiten auf einen Termin zu meiner Zeit als 2015 ne Katastrophe. Wenn dann oft Patienten erst nach einer geplanten ÖP gesagt wurde, dass sie Physio brauchen....war das Chaos vorprogrammiert.

24.05.2018 21:40 Julia Riest 14

Daumen hoch für die Reportage. Ich bin Ergotherapeutin und seit fast 7 Jahren in der neurologischen Reha. Ich habe Abitur gemacht, meine Ausbildung kostete über 15000€. Weiterbildungen (für die ich natürlich meinen Urlaub "geopfert"habe) haben mich bis heute zusätzlich ca 7000€ gekostet. Aber man möchte seinen Patienten die bestmögliche Versorgung zukommen lassen und seine Fachkompetenz dauernd erweitern. Meine 40Std Woche ist in der Regel eine min. 50Std Woche, wann ich Überstunden abbauen kann steht in den Sternen. Ich bin 30 Jahre alt und eigentlich würde ich gerne so langsam eine Familie gründen...aber bei 1900€ brutto!?!
Wir Therapeuten sind alle am Limit!!!

24.05.2018 16:34 Berit Groß 13

Vielen Dank an den MDR für diese Reportage!
Sie spiegelt die Realität sehr deutlich.
Wir Therapeuten haben zu lange gehofft, dass sich die seit Jahren verschlechternden Rahmenbedingungen zum Guten wenden. Dies ist nicht geschehen! Die Belastungsgrenze ist erreicht und der Fachkräftemangel spürbar. Die flächendeckende therapeutische Versorgung ist gefährdet und wird erhebliche Folgekosten nach sich ziehen! Es besteht dringender Handlungsbedarf!

24.05.2018 12:42 A Schenck 12

Ich bin seit 2 1/2 in dem Job. Arbeite 40 Std in einer Praxis.
Und denke seit längerem über einen Wechsel nach.
Das liegt nicht an der Praxis,das liegt einfach an den Gegebenheiten.
Man arbeitet im 25 Minuten Takt und nebenbei Bürokram. Hinzukommt,dass man von den Ärzten leider nicht nur eine Diagnose für den Patienten bekommt sondern eben die Behandlungsart vorgegeben wird(und mal ehrlich, wieviele Ärzte wissen wirklich was wir bei MT,KG,MLD,BGM etc so veranstalten?). Und tatsächlich stört mich diese Eingrenzung in meiner Arbeit als Therapeut am meisten.
Und mal ehrlich, selbst als Laie kann man sich ausmalen das bei akuten und chronischen Leiden die 6 Behandlungen zu 15-20 Minuten nicht ausreicht!
Wir haben Wartezeiten wie bei Fachärzten. Die Terminkalender sind überfüllt.
Patienten werden weggeschickt, an Hausbesuche denkt kein Mensch mehr...
Alle sind am Limit,denn ob man es glaubt oder nicht,Therapeuten sind auch nur Menschen!

24.05.2018 10:48 Norbert Schulze 11

Vielen Dank für diesen gut recherchierten Bericht.
Ich verfolge seit über 20 Jahren die Entwicklung unmittelbar, da meine Frau als Physiotherapeutin eine eigene Praxis führt.
Wie im Beitrag genannt sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für alle Heilmittelerbringer (Physios, Ergos, Logos und Podologen) schlecht bis desaströs. Was die große Frustration der Physios ausgelöst hat ist jedoch, dass Sie in keiner Weise bei der Ausgestaltung ihrer Arbeitsbedingungen beteiligt sind.
Wer mit Fachkenntnis die Heilmittelrichtlinie (die Arbeitsgrundlage für die Leistungserbringung gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen) durchliest, stellt schnell fest, dass hier nicht ein einziger Physiotherapeut entscheidend beteiligt war.
Konsequenz daraus ist, dass im gesetzlichen Bereich in einer Art und Weise gearbeitet werden muss die kein Therapeut wirklich für sinnvoll hält.
Frage:
Wer möchte sein gesamtes Berufsleben über den Sinn seines Tuns (ver)zweifeln ?
Die Antwort war hier zu sehen.

24.05.2018 10:30 Damian 10

Ich bin 25 Jahre alt und als Physiotherapeut Vollzeit in einer Praxis angestellt. Während unserer Ausbildung (die ich dank meiner Eltern ohne Schülerbafög finanziell stemmen konnte - 20 000 Euro) wurde uns von den Dozenten schon früh gesagt, das wir in diesem Beruf gehaltstechnisch schlecht da stehen. Ich kenne Kollegen die für 10 Euro Stundenlohn arbeiten - und das ist garnicht mal so selten.
Ich freue mich schon auf meine Gehaltsabrechnung diesen Monat , und überlege bereits jetzt wie ich meine 1300 Netto sparsam bis nächsten Monat verwalten soll.
An Kinder und Familie denken ? - Würde ich gerne , aber ist leider finanziell nur schwer möglich.
Danke für diese tolle Reportage , danke für an alle Therapeuten, die trotz dieser Umstände immer noch im Beruf sind!

24.05.2018 06:21 Maren Andrek 9

Danke an den MDR für die Reportage. Das Problem betrifft allerdings auch uns ERGOTHERAPEUTEN. Immer höherer Verwaltungsaufwand, Prüfpflicht der Verordnungen, zu geringe Vergütung durch die Krankenkassen und...zu hohe Ausbildungskosten. Dazu der immer noch zu geringe Bekanntheitsgrad und das allgemeine Unwissen ( auch bei Ärzten), was Ergotherapie eigentlich ist bzw. kann.
Wir Ergos sind keine Beschäftigungstherapeuten oder Basteltanten. Wir müssen uns in der Ausbildung ein umfassendes Wissen in den Bereichen Anatomie, Physiologie, Neurologie, Orthopädie, Psychologie und Pädagogik aneignen. Dazu kommen fachspezifische Fort- und Weiterbildungen, zu denen wir verpflichtet sind.
Ich arbeite als Selbstständige in eigener Praxis von 7:30 Uhr bis 19:30 Uhr. Ich liebe und lebe meinen Beruf, aber ohne die Möglichkeit, einer Angestellten UND mir ein leistungsgerechtes Gehalt zu zahlen, komme ich als Therapeutin an mein Limit.