Misshandelte Stuten in Südamerika
Bildrechte: Animal Welfare Foundation/MDR/ARD

FAKT exklusiv Der absurde Kreislauf der Tierquälerei

In Südamerika werden Pferde-Föten getötet. In Deutschland werden Schweine-Ferkel erschlagen. Es klingt absurd, aber das hängt zusammen. Und: Das Ausmaß dieser qualvollen Prozeduren ist größer als bislang angenommen.

Misshandelte Stuten in Südamerika
Bildrechte: Animal Welfare Foundation/MDR/ARD

Trächtige Stuten werden in Südamerika geschlagen, um ihnen viel Blut abzunehmen. Es ist Teil einer qualvollen und oft tödlichen Prozedur, um ein Hormon für die Schweinezucht in Deutschland zu erhalten. Doch durch den Einsatz dieses Produkts werden in Deutschland mehr Ferkel gezeugt, als die Säue Zitzen haben. So kommt es, dass die "überschüssigen" Schweinchen erschlagen werden. Das Ausmaß dieser absurden Prozedur und Tierquälerei ist größer als bislang angenommen. Das haben Recherchen von FAKT ergeben.

FAKT-Reporter haben bereits Ende März über dieses Problem berichtet. Nun gibt es neue Aufnahmen aus Uruguay. Die Bilder sind nur schwer zu ertragen. Gewaltsam werden trächtige Stuten in Boxen getrieben, um ihnen Blut abzuzapfen. Bis zu zehn Liter pro Woche.  Das ist rund ein Viertel des Blutes eines Pferdes. "Es geht hier elf Wochen, mindestens ein Mal pro Woche – dann sind die Pferde hinterher fertig", sagt Tierschützer York Ditfurth von der Animal Welfare Foundation.

Tausende Pferde-Föten werden abgetrieben

Misshandelte Stuten in Südamerika
Viele der Pferde vegetieren durch die Folgen der Schläge und den Blutmangel erbärmlich vor sich hin. Bildrechte: Animal Welfare Foundation/MDR/ARD

Hintergrund ist ein Millionengeschäft. Das Blut der trächtigen Stuten wird benötigt, um das Hormon PMSG (Pregnant Mare's Serum Gonadotropin) herzustellen. Dieses extrem teure Medikament wird in Europa zur Harmonisierung in der Tierzucht eingesetzt – in Deutschland vor allem in der Schweinezucht. Es dient dazu, dass Schweine zur gleichen Zeit brünftig werden und gleichzeitig ihre Ferkel bekommen.

Auf den neuen Videos hat Tierschützer Ditfurth eine weitere unglaubliche Szene entdeckt. Darauf soll ein Arbeiter bei einem Pferd eine Fehlgeburt einleiten. "Er greift hinten in die Stute ein, in die Scheide, öffnet mechanisch den Muttermund, ritzt mit seinen Händen die Fruchtblase an", erklärt er.  Die Stute springe dabei so hoch, dass es zeige, dass sie enorme Schmerzen aushalten müsse.

Der Tierschützer schätzt, dass tausendfach Pferde-Föten in Südamerika so abgetrieben werden. So sollen die Tiere bald wieder trächtig werden. Es zeigt die Brutalität der Blutgeschäfte, die bisher in einer absoluten Grauzone stattfinden. 30 Prozent der Stuten überleben nach Recherchen der Organisation die monatelange Quälerei nicht. Viele vegetieren durch die Folgen der Schläge und den Blutmangel erbärmlich vor sich hin.

1,3 Millionen Einzelgaben pro Jahr

Welche Dimension diese Geschäfte haben, ist bisher nicht bekannt gewesen. Bisher wurde in der Branche der Schweinezüchter argumentiert, dass PMSG eher selten eingesetzt wird. Doch tatsächlich sind es 1,3 Millionen Einzelgaben pro Jahr. Das hat eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Friedrich Ostendorff, ergeben.

"Ich war überrascht, dass es so viel ist", sagt Biobauer Ostendorff. Denn es sei immer gesagt worden: 10 oder 20 Prozent. Nun zeige sich, dass es selbst nach Kenntnisstand der Bundesregierung deutlich höher ist. "Das Dreifache höher." Deshalb steht für den Politiker fest:

Wir müssen handeln. PMSG muss raus aus der Sauenhaltung, das gehört da nicht hin.

Friedrich Ostendorff

Mehr als die Hälfte der Zuchtsauen in Deutschland könnten laut Ostendorff das Hormon PMSG bekommen. Und damit setzt sich die Tierquälerei in deutschen Ställen fort. Es sei laut dem Bundestagsabgeordneten immer mal vorgekommen, dass Wurfgrößen über das hinausgingen, was die Sau ernähren kann. Doch nun "ist es die Regel".

Überzählige Ferkel werden erschlagen

Dies erzeuge weitere schreckliche Bilder – nicht in Südamerika, sondern in Deutschland. Seit 2013 dokumentieren Tierschützer wie etwa Animal Rights Watch immer wieder, wie Ferkel einfach totgeschlagen werden. Es werde geschaut, welche Ferkel sind die Lebensfähigsten. Denn alle könne das Muttertier nicht ernähren. Für viele Unternehmen ist eine andere Aufzuchtsart nicht wirtschaftlich.

Ein Ende dieser Tierquälerei ist erst einmal nicht in Sicht. "Die Möglichkeiten der Bundesregierung, den Tierschutz in anderen Ländern zu beeinflussen, seien sehr gering", antwortet das Landwirtschaftsministerium auf Fakt-Nachfrage. Ein Importstopp des umstrittenen Hormons sei unmöglich, solange die Präparate hier nach den rechtlichen Vorschriften angewendet werden.

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2017, 17:45 Uhr