exakt | 13.12.2017 Trennungsväter werden benachteiligt

Mann geht Treppe hinab 7 min
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Das gemeinsame Kind oder Kinder auch nach der Trennung zusammen betreuen – das ist der Wunsch vieler Eltern, wenn die Partnerschaft zerbricht. Das sogenannte Wechselmodell, bei dem dies genau halbe-halbe geschehen soll, ist in einigen europäischen Ländern sogar im Gesetz verankert. In Deutschland nicht. Das macht es Vätern, die vor Gericht um Umgang kämpfen müssen, besonders schwer.

Ein Gang zum Gericht - für Klaus Fiegl ist das derzeit ganz normal. Es ist die 30. Gerichtsverhandlung seit der Trennung von seiner Frau im Jahr 2012. Zentraler Streitpunkt ist die Betreuung des gemeinsamen Sohnes. Weil sich die früheren Eheleute nicht einigten, musste die Justiz nachhelfen. In einem ersten Verfahren wurde festgelegt, dass sein Sohn alle 14 Tage am Wochenende und die Hälfte der Ferien bei ihm leben soll. Fiegl macht besonders der seltene Umgang mit seinem Kind zu schaffen, er hat Angst, dass er irgendwann den Kontakt zu seinem Sohn verliert.

Das Wechselmodell Als Wechselmodell (oder auch Paritätsmodell, Pendelmodell oder Doppelresidenzmodell) werden Regelungen zur Betreuung gemeinsamer Kinder bezeichnet, wenn diese nach einer Trennung ihrer Eltern in beiden Haushalten zeitlich annähernd gleichwertig betreut werden. Beide Elternteile bieten dem Kind ein Zuhause, in dem es sich abwechselnd aufhält.

Für viele Trennungskinder ist das Alltag in Deutschland: Die vaterlose Kleinfamilie. Schätzungen des Familiengerichtstags zufolge wird in 95 Prozent der strittigen Fälle der Lebensmittelpunkt des Kindes der Mutter zugesprochen. Doch immer mehr Väter wehren sich. Die Zahl der Umgangsverfahren hat sich in den vergangenen 17 Jahren fast verdoppelt.

Die klassische Rollenverteilung ist nicht mehr zeitgemäß

Die klassische Aufteilung in: Mutter betreut das Kind und Vater verdient das Geld, ist längst nicht mehr zeitgemäß, meint Jura-Professorin Sünderhauf-Kravets von der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg. Seit vielen Jahren forscht sie zum Wechselmodell. Dabei betreuen Vater und Mutter zu gleichen Teilen. „Die Frage, wer ist der bessere Elternteil darf nicht mehr gestellt werden, weil Mutter und Vater sind wichtig ... Das Wechselmodell als Leitbild würde bei Trennung und Scheidung die Frage stellen: Wie können wir erreichen, dass Mutter und Vater beide im Boot bleiben“, sagt die Rechtswissenschaftlerin.

Auch Klaus Fiegl klagte auf das Wechselmodell. Weil ihn Amts- und Oberlandesgericht zurückwiesen, ging er bis vor den Bundesgerichtshof und hatte dort Erfolg: Im Februar 2017 erklärte der BGH überraschend, dass Familiengerichte das paritätische Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils anordnen können. Das ist neu.

Nur ein Viertel aller getrennten Eltern nutzen das Wechselmodell

Rechtsanwalt Thomas Kofler vertrat Klaus Fiegl in seinem Verfahren. Der Jurist meint, der deutsche Gesetzgeber habe in vielen gesellschaftspolitischen Verfahren Nachholbedarf. Denn, die meisten Eltern wollen schon längst ihre Kinder nach einer Trennung gemeinsam betreuen. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage sind das 77 Prozent. Doch die Realität sieht anders aus. Von Eltern, die getrennt leben, teilen sich nur rund ein Viertel die Betreuung zu gleichen Teilen zur Hälfte. In anderen Ländern wie Schweden, Frankreich und Belgien ist das Wechselmodell sogar im Gesetz zu verankert - dazu hatte der Europarat 2015 alle europäischen Mitgliedsstaaten explizit aufgefordert. Doch in Deutschland passiert nichts.

Auch Jörg Schneider aus der Nähe von Altenburg wird das Wechselmodell verwehrt. Er ist Teilzeitpapa. Jeden zweiten Donnerstag bis zum folgenden Montag und hälftig die Ferien darf er für seine Kinder da sein. Öfter geht nicht, das lässt seine Ex-Frau nicht zu. Nach der Trennung 2013 teilten sich die Eltern Betreuungszeit und auch Kosten zuerst einvernehmlich. Schneider zog in eine neue Wohnung, unweit von seinen Kindern. Er kümmerte sich. Rund 45 Prozent der Zeit leben die Kinder bei ihm. Alles lief gut, bis seine Ex-Frau plötzlich Unterhalt für die Kinder forderte. Das Problem: Auf den Unterhaltsanspruch lassen sich keine Aufwendungen anrechnen, die bereits vom Vater getätigt werden. Im Fall von Jörg Schneider sind das die Ausgaben für Essen, Wäschewaschen, Schulsachen, für eine größere Wohnung und für eventuelle Freizeitaktivitäten.

Unterhaltsrecht geht noch vom Modell Familienernährer aus

Das geltende Unterhaltsrecht geht vom Modell Familienernährer aus. Ob ein Vater sein Kind nur am Wochenende oder mehrere Tage die Woche betreut, spielt für die Höhe der Unterhaltszahlungen an die Mutter keine Rolle. Die Väter, die ihre Kinder oft betreuen, haben also Mehrausgaben.

Jörg Schneider ist Außendienstmitarbeiter bei einem Medizintechnikunternehmen. Er verdient weniger als seine Ex-Frau, eine Oberärztin. Als er sich weigert, den Unterhalt zu zahlen, legt sie Rechtsmittel ein. Kurz darauf wird er gepfändet, der Unterhalt direkt vom Lohn abgezogen. Er versteht nicht, dass er zahlen muss, nur weil seine Ex-Frau das Wechselmodell verweigert. Denn wenn die Kinder genau zur Hälfte bei ihm wären, müsste er keinen Unterhalt zahlen. Das Verfahren gegen seine Ex-Frau läuft weiter.

Für Klaus Fiegl dagegen ist alles entschieden. Er hat mit seiner erfolgreichen Klage vorm Bundesgerichtshof sogar Rechtsgeschichte geschrieben. Für ihn persönlich kam die Entscheidung jedoch zu spät. Denn als vor dem Oberlandesgericht Nürnberg endgültig entschieden werden sollte, wurde sein Sohn befragt. Der hatte mittlerweile fünf Jahre fast ausschließlich bei der Mutter gewohnt und sagte aus, auch künftig bei ihr wohnen zu wollen. Das Wechselmodell wurde nicht angeordnet. Klaus Fiegl sieht ihn wie gehabt jedes zweite Wochenende.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 13.12.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2018, 18:24 Uhr

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13 Kommentare

16.12.2017 10:27 Michael Baleanu 13

@Kai-Uwe Bevc
Mal davon abgesehen, dass Sie keine Ahnung vom Thema Gleichberechtigung haben - denn Sie gehen IMMER davon aus, dass nur Frau benachteiligt ist, also hat Mann zu schweigen - könnten Sie mal freundlicherweise erklären, was Sie damit meinen:

"Die Misshandlung von Kindern nach Strafrechtsgrundsätzen bewiesen werden, von demjenigen, der selbst misshandelt wurde?"

Woher haben Sie die Info, dass Strafrichter selbst misshandelt wurden? Dann müssten sie reihenweise wegen Befangenheit abgelehnt werden.

16.12.2017 00:07 Max Esser 12

Das Unrecht dauert jetzt schon so lange. Seit der Eherechtsreform 1977 haben Frauen einen Freibrief erhalten.
Und es tut sich so wenig.
Ich habe es bald hinter mir. Meine ältere Tochter ist jetzt 20, meine jüngere wird nächsten Monat 16.
Seit der Trennung 2004 habe ich rund 40% der Betreuung getragen, weil ich zutiefst überzeugt war und bin, so das beste für meine Kinder zu erreichen. Und ich sie auch selbst nicht verlieren wollte.
Trotzdem musste und muss ich selbstverständlich vollen Kindesunterhalt und bis vor zwei Jahren sogar Ehegattenunterhalt zahlen, weil meine Ex-Frau geltend machen konnte, wegen der Betreuung nicht arbeiten zu können. Die tatsächlichen Verhältnisse sind für diese Zahlungen irrelevant.
Ich wünsche allen zukünftig Geschiedenen, daß sich die Gesetzeslage und auch Einstellung der Ämter und Gerichte endlich ändert.
Wie wichtig das ist, sehe ich nicht zuletzt an meinen Kindern, die auf die Art eine gesunde Entwicklung nehmen konnten.

15.12.2017 18:44 Wetzel Andreas 11

Nun wir haben das alles durch. Mit 66 Lebensjahren erlaube ich mir einzuschätzen, die Jugendamtbehörde und Familiengerichte leben im "Mittelalter". Es ist der Gang einer Behörde den Weg des geringsten Wiederstandes einzuschlagen. Auch in diesen und tausend anderen Fällen. Kindeswohl, ein Wort was zum Mißbrauch von Jugendämtern genutzt wird um ihre eigenen Unfähigkeiten beim Jugendschutz zu verdecken.
Dabei ist der beste Jugendschutz zum Wohle unserer Kinder die beidseitige Erziehung. Auch wenn die Ehe ein aus aufzeigt haben beide Eltern die verdammte Pflicht für die Erziehung der Kinder.
Da sollten auch Großeltern eine höhere Rolle mit spielen wenn nicht immer die Sicherung und Schutz der Kinder tagsüber oder Nachts von den Eltern gewehrt wrden kann. Oma und Opa können sich da gut einbringen nicht das Jugendamt oder der Familienrichter. Dieses bedeutet aber positives Denken als Voraussetzung bei der Entscheidungsfindung. Leider ist das ein großer Magel in unserer Gesellschaft.

15.12.2017 12:19 Jo. Zink 10

Eric U. (14.12.) kann ich bestätigen. Wir kennen im ISUV reichlich Fälle, in denen die zuvor gemeinsame, sogar paritätische Betreuung nach Trennung unterbunden wird und eine Hauptbetreuerin installiert wird. Wo hingegen zuvor der Vater überwiegend betreut hat, wird er üblicherweise dann zum 50/50-"Wechselmodell" heruntergestuft.

Kai-Uwe (14.12.) braucht sich keine Sorgen machen, bei erwiesener Gewalt gibt es kein Pardon. Sehr oft werden jedoch Vorwürfe ohne Substanz erhoben, da wird schon eine Handbewegung im Anwaltsschreiben zur Gewalt umgedeutet.

Wir brauchen keine "Regel" und auch kein "Modell", das ist richtig. Es genügt nach den Vorstellungen des ISUV e. V. eine Reform, wonach Eltern in strittigen Fällen nach Trennung als gleichwertig wichtig für ihre Kinder angesehen werden.

15.12.2017 11:42 Heidemarie Timmermann 9

Ich bekomme das Desaster als Oma mit. Es ist eine Schande was den Vätern angetan wird. Familiengerichte befinden sich im Mittelalter

15.12.2017 10:58 Werner BS 8

Anwaltszwang beim Familiengericht entmündigt Eltern.
Meistens die Väter müssen einen Anwalt bezahlen.
Es wird ihnen - als mündige Bürger - nicht zugestanden selbst die eigene aktuelle Verdienstbescheinigung und den Steuerbescheid vorzulegen. Die Anwaltspflicht verschafft in erster Linie den Juristen Aufträge und Einkünfte von den erarbeiteten Einnahmen der Eltern.
In welchem Jahrhundert denken und handeln eigentlich die deutschen Politiker?
Müssen noch mehr alternative Parteien in den Bundestag gewählt um die dortigen Lobby-Vertreter endlich los zu werden?
Dasselbe gilt für die "Düsseldorfer-Tabelle" ohne gesetzliche Grundlage. Die Beträge sind nicht nachvollziehbar. Irgendwelche unterbeschäftigten Richter haben scheinbar nichts wichtigeres zu tun als sich irgendwelche Tabellen und Unterhaltssätze auszudenken. Das Statistische Bundesamt ermittelt doch die tatsächlichen Kosten - da brauchen die Eltern keine wirklichkeitsfernen Fantasie-Werte.
Väter wehrt euch!

15.12.2017 09:30 Wolfgang G. 7

Was Kinder und Väter heute bei deutschen Gerichten erfahren ist schier unglaublich.

Da wird das gemeinsame Weihnachten oder gemeinsame Geburtstag in Frage gestellt.

In den Ferien müssen Trennungskinder in Kitas anstatt Betreuung durch den Vater zu ermöglichen.

Die Väter tragen nicht nur das Prozesskostenrisiko sondern auch beim Unterhalt nimmt der Staat eine unterschiedliche Bewertung zwischen Sozial- und Unterhaltsrecht vor.

Das deutsche Familienrecht ist für Kinder eine Schande!

15.12.2017 09:25 Heinz Drei 6

kinder brauchen beide eltern (auch in einer beziehung) - das ist wissenschaftlicher fakt & ueberall auf der ganzen welt so nachgewiessen (nicht nur von Fr. Suenderhauf)

das fuehrt zu den hoechsten bildungsabschluessen und lebenserwartungen & geringsten depressionen, selbstmordraten etc. p.p. was man auch schoen an kindern in gleichgeschlechtlichen beziehungen nachweisen kann

darum sollte wie der europaeische rat das auch beschlossen hat, das paritaetische betreuungsmodel (wechselmodell ist es auch bei wochenendumgang) als standard eingefuehrt werden von dem nur im ausnahmefall abgewichen wird

Frankreich, Belgien, Schweden und selbst die USA machen es vor und sind damit erfolgreich

und wem es aus idiologischen gruenden nicht passt, der sollte wenigstens sehen, dass das auch das beste fuer die aalleinerziehenden frauen und die volkswirtschaft ist ! das wuerde dem staat in deutschland pro jahr milliarden sparen !!!

14.12.2017 16:45 K. Weiß 5

Ulrich Witzlinger: „…kommt ein Wechselmodell zum Familienrichter, ist es wahrscheinlich schon gescheitert“.

14.12.2017 15:21 Björn Müller 4

Hier muß sich definitiv etwas tun.
Natürlich ist jeder Fall anders.
So wie auch jedes Kind sich vom anderen unterscheidet.

Meiner Meinung nach sollte das Wechselmodell nach einer Trennung aber der standart sein.
Und von diesem dann im Einzelfall abgewichen werden.
Anstatt das ein Vater ein recht auf gleichberechtigten umgang erkämpfen muß.
Denn diese kämpfe müssen Väter immer auch auf dem Rücken der Kinder austragen.