American Staffordshire-Terrier
Bildrechte: imago/Manja Elsässer

exakt | 18.04.2018 Warum greifen Hunde plötzlich an?

American Staffordshire-Terrier
Bildrechte: imago/Manja Elsässer

Der Hund Chico hat zwei Menschen getötet. Ein anderer Rüde hat ein Baby umgebracht, eine Frau musste nach einem Dobermann-Angriff notoperiert werden. Alles Vorfälle aus den letzten Wochen. Nun steht die Frage im Raum: Was kann getan werden, um solch dramatische Übergriffe von Hunden zu vermeiden?

In den aktuellen Fällen ist die Sachlage noch nicht gänzlich geklärt. Daher geht der Blick zurück – auf Hunde, die plötzlich angegriffen haben. Martina Bräutigam führt im Mai 2013 gerade ihren Chihuahua aus. Auf einmal springt ein anderer großer Hund auf sie zu. Reflexartig nimmt sie ihren kleinen Hund auf die Arme. In diesem Moment springt das große Tier an ihr hoch und beißt ihr in den Kopf. Sie kämpft bis heute mit den Folgen: "Ich leide unter Albträumen[..], zittere auch in der Wohnung."

Nur wenige Angriffe kommen von Hunden auf der Liste

Ein Hund steht auf einem Hof.
Dieser Hund hat Martina Bräutigam angegriffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Angriff ging von einem Kaukasischen Schäferhund aus. Dessen Besitzer schätzte das Tier eigentlich als ungefährlich ein. "Da ist nix, dass man sagen kann der ist aggressiv oder sowas", sagt Thomas Wegner vor zwei Jahren. Trotzdem habe sich das Tier bei der Attacke von der Leine gelöst und die Frau angefallen.

Der Kaukasische Schäferhund stand damals in Thüringen nicht auf der Liste gefährlicher Hunderassen. Der Halter war also nicht verpflichtet, eine besondere Sachkundeschulung abzulegen – und das bei einem etwa 50 Kilogramm schweren Tier.

Obwohl die Halter sogenannter gefährlicher Rassen in vielen Teilen Deutschlands inzwischen eine Art Hundeführerschein machen müssen, bleibt die Zahl der Hundeattacken auf Menschen seit Jahren auf dem ähnlichen Niveau. So wurden 2016 in Sachsen 255 Vorfälle gemeldet, bei denen Menschen durch Hunde verletzt wurden. In Sachsen-Anhalt 55 und in Thüringen 267.

Das Problem liege nicht bei den Hunden

Ein schwarzfelliger Hund in einem Zwinger.
Mischling Whisky steht nicht auf der Rasseliste - dennoch hat er mehrfach Menschen angefallen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch es sind nicht nur als "gefährlich" eingestufte Hunderassen, die Menschen angreifen. Ein Beispiel: Mischling Whisky steht nicht auf der Rasseliste in Sachsen. Dennoch hatte er sich mehrfach von seiner Kette losgerissen, Menschen angefallen und verletzt. Ein tieferer Blick in die Statistik zeigt: Rasselisten helfen wenig,  um die Zahl der Angriffe von Hunden auf Menschen zu reduzieren.

Von den 255 Attacken in Sachsen waren nur in acht Fällen Hunde sogenannter gefährlicher Rassen beteiligt. In Sachsen-Anhalt waren es 3 von 55 und in Thüringen 6 von 267. So hat Hans-Joachim Hackbarth vom Institut für Tierschutz und Verhalten in Hannover in Studien nachgewiesen: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Rasse und aggressivem Verhalten. "Hunde werden nicht böse geboren", sagt er. Das Problem liege bei den Haltern.

Aus der Sicht des Wissenschaftlers würde ein verpflichtender Führerschein für alle Hundehalter mehr Sicherheit bringen. In Niedersachsen hat Hackbarth immerhin dafür gesorgt, dass für jeden Hund ein Sachkundenachweis Pflicht ist.  "Wenn man erst mal eine Sachkunde nachweist, dann ist das gut.“ Klar könne sich der Halter im Laufe der Zeit verändern, sagt Hackbarth. "Doch dann haben wir die Möglichkeit, wenn jemanden auffällt, es ist etwas nicht in Ordnung, dann kann man das zur Anzeige bringen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 18. April 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2018, 22:03 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

3 Kommentare

18.04.2018 20:39 Mustermann 3

Hunde sind halt auch nur Menschen...

Einfaches Mittel: Beißkorbpflicht für jeden Hund in der Öffentlichkeit und das konsequent kontrollieren. Das würde das Risiko gebissen zu werden erheblich mindern.

"Mein Hund beißt doch nicht...aber halt nur bis zum ersten mal!"

18.04.2018 20:33 toberg 2

Ein sehr guter Beitrag! Das Problem bei Problemhunden ist immer am anderen Ende der Leine oben. Wenn das Herrchen schon nicht mit dem Leben klar kommt, dann kann das der Hund auch nicht. Er lernts ja nicht vom Vorbild-Herrchen. Nur ausgeglichene Menschen sollten Rudelführer eines oder mehr Hunde sein!

18.04.2018 20:04 Querdenker 1

Eine Aussage zur Gefährlichkeit kann nur im Verhältnis zu ihrer Population gemacht werden! Auch die Art der Verletzung und Spätfolgen ist wichtig. Wenn der Dackel in die Wade zwickt, dann ist das ggf. auch anders zu bewerten, als wenn ein Hund das Gesicht zerbeißt (vom Infektionsrisiko mal abgesehen).

siehe „evaluationsbericht tiergefahrengesetz Freistaat Thüringen“
Zitat: „Der statistischen Erfassung lässt sich entnehmen, dass in den Jahren 2012 bis 2014 nicht die Schäferhunde/Kreuzungen, sondern die Listenhunde im Vergleich zum jeweils erfassten Hundebestand eine höhere Auffälligkeitsquote besitzen.“

siehe „Tier und Menschenbiss verletzungen Deutsches Ärzteblatt“
Zitat: „Spezielle Hunderassen (Pit Bull, American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Rottweiler, Schäferhund) dominieren in den Statistiken tödlicher Bissattacken ...“

Hundeführerschein? Sinnvoll, aber wie oft werden Hunde von jemand anders ausgeführt, weil der eigentliche Hundehalter keine Zeit hat!