Eine Putzfrau wischt einen gefliesten Boden.
Bildrechte: Colourbox.de

exakt | 28.02.2018 Unrealistische Vorgaben: Wie bei Gebäudereinigern der Mindestlohn gedrückt wird

Gebäudereiniger sollten eigentlich den Mindestlohn von 9,05 Euro pro Stunde verdienen. Doch einige Firmen umgehen den. Viele Arbeiter bekommen so zu wenig Geld.

Eine Putzfrau wischt einen gefliesten Boden.
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18 Stunden auf den Beinen, 14 Stunden Arbeit: Das allein ist schon eine prekäre Beschäftigung. Allerdings hat der Gebäudereiniger, der das erlebt hat, dafür nicht einmal den kompletten Lohn erhalten. Dahinter steckt eine Vorgehensweise in der Reinigungsbranche, durch die die Löhne der Beschäftigten gedrückt werden.

Der junge Mann, der uns von seinen Erfahrungen berichtet, ist nicht mehr als Gebäudereiniger tätig. Dennoch möchte er anonym bleiben. Für seine Arbeit sollte er den Mindestlohn von 9,05 Euro verdienen. Doch es gibt Vorgaben, in wie vielen Stunden er ein Objekt geschafft haben soll. Diese liegen deutlich unter dem, was er tatsächlich an Zeit benötigt. An jenem 18-Stunden-Tag sei er angewiesen worden, mehrere Objekte zu reinigen.

"Man hat ja auch irgendwo Ansprüche an sich selbst", sagt der Mann. Er wolle seine Arbeit ordentlich erledigen. Es sollte unter anderem ein Baumarkt gereinigt werden. Diese große Fläche, dass "schaffst du nicht in 3,25 Stunden. Es ist einfach nicht machbar - vor allem gründlich. Der junge Mann arbeitete also länger. Die Überstunden habe die Firma aber erstmal nicht bezahlt.

Vorgaben nicht eingehalten: Selbst Schuld

Ein weiterer Mitarbeiter derselben Firma sagt MDR-exakt, er sei für die Abrechnung der Arbeitszeiten von mehr als 100 Angestellten zuständig gewesen. Für einen Großteil seiner Mitarbeiter seien Überstunden nicht bezahlt worden. "Da gab es Kollegen, die haben bis zu drei Monate auf ihr Geld gewartet. Und haben zum Teil die Stunden auch nicht bezahlt gekriegt", sagt der Mitarbeiter. Es sei das abgerechnet worden, was in der Kalkulation der Geschäftsleitung vorgeben wurde. "70 bis 80 Prozent der Lohnabrechnungen haben nicht gestimmt."

Beide Männer haben für eine Berliner Firma gearbeitet, die damals "Fritz Jahn Gebäudeservice" hieß. Sie gehört zu einem Reinigungsunternehmen aus Hannover - der Peter Schneider Unternehmensgruppe. Deren Jahresumsatz lag 2016 bei 76 Millionen Euro. Die Peter Schneider Gruppe weist die Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiter zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: "Alle Abweichungen […] werden [...] aufgezeichnet. Dies erfasst selbstverständlich auch Stunden, die aufgrund angeordneter Mehrarbeit erbracht wurden." Das heißt: Alle angeordneten Stunden werden bezahlt. Wenn jedoch ein Mitarbeiter sein Pensum nicht schafft: Selbst schuld.

300.000 Gebäudereiniger ohne Mindestlohn

Die Firma ist mit dieser Taktik nicht allein in der Branche. Gegen unrealistische Normen bei der Reinigung kämpfen die Gewerkschafter der IG Bau. Denn längere, unbezahlte Arbeitszeiten führten in der gesamten Branche letztlich dazu, dass die Gebäudereiniger den Mindestlohn nicht bekommen. "Es ist schon ein sehr deutliches Problem in der Reinigung. Es gibt eben nicht wenige Firmen, die sich mit der Unterschreitung des Mindestlohnes auch einen Wettbewerbsvorteil erhaschen wollen", sagt Mirko Hawighorst, Regionalleiter der IG Bau für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat errechnet, wie viele Menschen in der Reinigung keinen Mindestlohn bekommen. Demnach bezahlen die Gebäudereinigungsfirmen bis zu 62 Prozent ihrer Angestellten nicht den Mindestlohn. Bedeutet: Mehr als 300.000 Menschen in der Gebäudereinigung bekommen keinen Branchen-Mindestlohn. "Ich gehe davon aus dass dieser Bereich der Wirtschaft durch einen harten Preiskampf gekennzeichnet ist. […] Dieser Preiskampf droht natürlich ruinös zu werden", sagt Toralf Pusch von der Hans-Böckler-Stiftung. Ein Problem, dass auch durch den Mindestlohn nicht aus der Welt geschafft worden sei.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 28.02.2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2018, 11:49 Uhr

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4 Kommentare

10.03.2018 18:57 Anonym 4

Es stimmt wir sollen gründlich reinigen und Überstunden werden nicht bezahlt! Und ständig kommt was neues was dazu. Wie soll das gehn???? Bis heute warte ich auf mein Urlaubsgeld von Oktober 17. Ich bekomme zwar den Mindestlohn von 9,55 € aber Überstunden nicht bezahlt. Alleine für die Turnhalle brauche ich 45 min. Und dann noch der Rest der Räume! Da komm ich auf 2 Std!

09.03.2018 20:12 Anonym 3

Die zeit gibt bei mir das LRA vor . Wenig Zeit und wir sollen alles schaffen! So wie bei vielen. Das ist meistens nicht machbar! Ich arbeite täglich 40 bis 50 Minuten länger!

01.03.2018 07:45 Pfingstrose 2

Dies ist schon seit Jahren bekannt, doch dagegen etwas getan wurde bis jetzt nichts. Die AG können somit die Arbeitnehmer weiter ausbeuten und verheizen vor allem auch gegeneinander ausspielen.
Viele AN steigen aus Angst auf den Leim der Arbeitgeber, anstatt vereint mit ihren Kollegen gegen diese Ungerechtigkeit anzukämpfen. Wer Gewerkschafter ist sollte dies auch der Gewerkschaft mitteilen und vor allem alle Überstunden genau aufschreiben, das ist wichtig.

28.02.2018 17:05 astrodon 1

Da gehören zum einen die Kunden dazu, die das nicht sehen wollen. Und zum anderen die Mitarbeiter, die das mitmachen. Wer Überstunden leistet in dem Wissen dass sie nicht bezahlt werden ist mit Schuld.