exakt | 23.05.2018 Vermittlung von unnützem Wissen in Integrationskursen

Jeder, der in Deutschland einen Asylantrag stellt, muss einen Integrationskurs mit Deutschkurs absolvieren. Dabei wird Wissen über Deutschland vermittelt, was den Flüchtlingen wenig für das Leben hier nützt.

Die Unterrichtseinheiten nennen sich "Orientierungskurs". Über 100 Unterrichtsstunden lang sollen die Teilnehmer Deutschland kennenlernen – Geschichte, Politik und die bürokratische Ordnung. Viele der Teilnehmer haben in ihrer Heimat nicht einmal eine Schule besucht.  Gerade für die Syrer und Afghanen an der Dresdner Schule die "Sprachwerkstatt" ist es besonders schwer, dem zu folgen. Selbst diejenigen, die Lesen und Schreiben können, haben mit einigen Begriffen große Probleme.  

Kursteilnehmer
Trotz eines kleinen Versprechers: Mit den Begriffen Exekutive und Judikative kann Abdu aus Syrien bislang wenig anfangen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir wissen nicht, was ist das", sagt Abdu aus Syrien. "Wir wissen nicht, was wir machen mit Akkusativ – ähm – Exekutive und Judikative." Noch schwieriger wird es, wenn es um Wörter wie Volkssouveränität, Verfassungsprinzipien oder die Fünf-Prozent-Hürde geht.

Es sind Begriffe, mit denen wohl auch einige Deutsche so ihre Schwierigkeiten hätten. Auch Lehrerein Zara Schnelle zweifelt an Kursinhalten: "Ich finde so manche Fragen schwierig. Zum Beispiel welche Parteien wurden in der DDR-Zeit zusammengetan, um daraus eine SED zumachen. Solche Fragen sind völlig irrelevant und das wissen auch wir Muttersprachler nicht."

Was sind ihre Rechte und Pflichten

Die Teilnehmer interessieren ganz andere Dinge, bestätigt Ibrahim Al-Jared der ebenfalls in dem Kurs sitzt. "Zum Beispiel gibt es über 200 Fragen, die gar nicht nützlich für meinen Alltag sind. Ich möchte wissen, was sind meine Pflichten und Rechte?", sagt er. Er würde viel lieber erfahren, wie er sich beim Jobcenter zu verhalten habe, was darf er, was nicht. Wie sollen sich seine Kinder in der Schule verhalten. Das sei wichtiger für das Leben in Deutschland, sagt der ehemalige Pilot aus Syrien.

Begriffszettel an einer Wandtaffel
Die Geschichte der Parteien - ist das etwas, was Flüchtlinge für ihren Alltag in Deutschland lernen müssen? Die Teilnehmer des Kurses sagen: Nein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem dahinter: Der Lehrplan des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BamF) wurde seit 2006 nur teilweise überarbeitet. Damals waren die Neuankömmlinge vor allem Russlanddeutsche, erklärt Michael Rollberg, Schulleiter der Dresdner Sprachwerkstatt: "Es ist einfach ein riesiger Unterschied, ob  jemand im Rahmen der Migration als Russlanddeutscher nach Deutschland kommt oder im Rahmen von Flucht und Asyl aus Syrien." Der Lehrplan passe mittlerweile nicht mehr zur Teilnehmergruppe in den Integrationskursen. Aus Rollbergs Sicht, gehört der Plan überarbeitet.

Das BamF erklärt auf Anfrage von MDR-exakt, dass schon im letzten Jahr Themen wie die Arbeitssuche in den Lehrplan aufgenommen wurden.  Im Koalitionsvertrag steht nun, dass die Inhalte der Kurse in Zukunft an die Bedürfnisse der Teilnehmer angepasst werden sollen.

An der Schule in Dresden ist bisher von diesen Plänen noch nichts bemerkt worden. Immerhin 90 Prozent der Teilnehmer bestehen die Orientierungskurse – ein Resultat des sturen Auswendig-Lernens.  In der Deutschprüfung hingegen fällt jeder Zweite durch

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 23. Mai 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2018, 18:38 Uhr

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11 Kommentare

24.05.2018 16:41 Fragender Rentner 11

Bei n-tv brachten sie vorgestern Abend etwas über Großfamilien und was die so interessiert was in Deutschland los ist.

Und wie gut sie solches Wissen umsetzen.

24.05.2018 15:33 Ichich 10

Derailing vom Allerfeinsten. Bei diesen Integrationskursen geht es darum, "Werte" und Kenntnisse über den Staat zu vermitteln. Angeblich waren diese fehlenden Integrationskurse maßgeblich dafür, daß best. Einwanderergruppen so schlecht "integriert" sind. Weder soll dort Schulunterricht, noch Arbeitsvermittlung vorgenommen werden ... dafür gibt es entsprechende Beratung AUSSERHALB der sog. Integrationskurse. Ich habe ein bißchen lächeln müssen, wenn "Muttersprachler" - hier wohl Ostdeutsche, auch ehem DDR-Bürger - nicht wissen, aus welchen Parteien die SED gebildet wurde. Aber, wie gesagt: Ablenkungsmanöver.

24.05.2018 14:27 Na so was 9

1@ Christa Müller und 5@ andy: Vielleicht haben Sie den Kommentar von Frau Müller nicht in aller Ruhe gelesen. Wenn jemand während des Unterrichts unvermittelt aufsteht, um in einer Ecke zu beten, ist das schon eine Frechheit der Lehrkraft gegenüber. Die gleiche Unverschämtheit ist es, wenn an deutschen Schulen die Regel gilt, ihr könnt euer Handy mit in die Schule bringen, aber während des Unterichts ist es ausgeschalten. Punkt. Aus. Da gibt es auch kein diskutieren, wenn bei Nichtbefolgung das Handy eingezogen wird und nur den Eltern ausgehändigt wird. Irgendeine Grundordung muß schon gewährleistet sein und alle, auch diejenigen, die noch nie eine Schule besucht haben, müssen sich daran halten.

24.05.2018 13:29 MuellerF 8

@3: Es geht darum, (zunächst) Dinge zu lernen, die für die Bewältigung des Alltags wichtig sind. Darauf aufbauen kann man später immer noch. Normale Grundschüler lernen doch auch nicht als erstes Kant'sche Philosophie...

24.05.2018 12:52 Spottdrossel 7

Zeigt doch den Film "Asterix in Rom". Nirgends wird Bürokatie besser erklärt.

24.05.2018 11:46 mattotaupa 6

@#3: "Überflüssige Wissen gibt es nicht." mag prinzipiell stimmen aber was soll ein syrer jetzt aktuell mit der info über die sed anfangen? hier fordern andere die durchsetzung von grundprinzipien und der syrer im artikel geht auch insofern mit, daß er infos zu jobcenter und schule begehrt (also erforderlichen lernwillen bekundet) aber deutschland müllt ihn lieber mit irrelvantem wissen zu. was soll ein syrer jetzt aktuell mit der 5-prozent-hürde anfangen, er darf eh nicht wählen. @#1: sie belegen nen englisch-kurs, wissen aber was im deutsch-kurs ablief? kannten sie jemanden, der jemanden kennt, dessen schwager mal was gehört hatte? warum haben sie in der pause (!) nicht englisch geredet? als ich in der schule auf kosten des steuerzahlers russich lernte, sprach ich in der pause dennoch meine muttersprache. man was war ich unverschämt. es geht im artikel übrigens nicht um "arme flüchtlingen", sondern um irrsinnige und nicht zielgerichtete deutsche lehrpläne.

23.05.2018 23:05 andy 5

Was soll bitte daran unverschämt sein wenn ein Muslime zum beten geht? Wenn sie jahrelang mit Muslimen gearbeitet haben dürfte Ihnen das doch bekannt vorkommen. Und welche Grundprinzipien wollen Sie denn durchsetzen?...Ihre...???
Wenn ich so einen Mist lese wird mir schlecht.

23.05.2018 22:41 Blumenfreund 4

@Christa Müller, Sie haben absolut recht. Ein souveräner Staat würde diese Grundprinzipien absolut durchsetzen. Alles andere ist Selbstauflösung.

23.05.2018 22:38 Markus 3

Überflüssige Wissen gibt es nicht. Wenn die Asylbewerber niemals eine Schule besucht haben, so ist nun die Zeit dafür.

23.05.2018 22:01 catarina 2

mdr-Redaktion,

wer von ihnen hat denn den Satz "Viele der Teilnehmer haben in ihrer Heimat nicht einmal eine Schule besucht." verfasst?
diese pauschalisierende abwertung ist doch eine bodenlose frechheit! wie kommen sie denn dazu? haben sie zahlen und fakten?