exakt | 14.11.2018 Nur weg aus Chemnitz?

Nach der tödlichen Messerattacke und den nachfolgenden Ausschreitungen im August wollen viele Flüchtlinge Chemnitz verlassen – die Stimmung in der Stadt ist unruhiger und aggressiver geworden.

Nach der tödlichen Messerattacke und den nachfolgenden Ausschreitungen Ende August wollen nun viele Flüchtlinge aus Chemnitz weg. Einige packen bereits ihre Sachen, andere warten noch auf eine Genehmigung der Ausländerbehörde. Andere wollen bleiben und bedauern, dass es in der sächsischen Stadt inzwischen unruhiger und aggressiver sei.

Die syrische Familie Algabr, die während der Proteste rechtsradikale Parolen hörte und Bedrohungen erlebte, wird in den nächsten Tagen zu Verwandten nach Hamburg umziehen. Vor ihrem Haus finde jede Woche eine Demonstration statt. "Wenn ein Ausländer ein Verbrechen begeht, werden wir alle mitschuldig gemacht. Wir sind eine Familie, leben hier zusammen mit unseren Kindern, wir respektieren alle Regeln hier", sagt Mohammad Algaber. Trotzdem seien sie ständig Beleidigungen ausgesetzt.

Einige dürfen die Stadt nicht verlassen

Mohammad und seine Frau haben Jura studiert. Jetzt hat er in Hamburg einen Job bei Amazon gefunden. Deshalb wurde ihr Umzugsantrag genehmigt. Er ist nicht der Einzige, der aus Chemnitz weg möchte. Mohammad zeigt uns im Internet Anzeigen von seinen Freunden. Sie verkaufen ihre Möbel, Kühlschränke, ihre ganze Wohnungseinrichtung. Sie wollen ebenfalls die Stadt verlassen.

Eine Internetseite mit einem Foto
Der Post von "Pro Chemnitz" mit den Mädchen mit Kopftuch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andere dürfen die Stadt nicht verlassen – zum Beispiel zwei junge syrische Frauen, 18 und 20 Jahre alt, und ihre Mutter. Ein Foto, das sie mit Kopftuch zeigt, wurde auf der Facebook Seite von "Pro-Chemnitz" veröffentlicht. Der Kommentar "Die Zukunft von Chemnitz, wenn wir nix ändern!" Viele User klatschten Beifall – etwa mit solchen Worten: "Wir sind die Sowjets losgeworden, wir kriegen die auch los."

"Als ich mein Foto gesehen hab, war ich sehr traurig und wollte nicht mehr in die Schule gehen", sagt eine der beiden. Dann habe sie versucht, ihr Kopftuch zu verstecken. "Ich hatte das Gefühl, ich bin benachteiligt, ich werde diskriminiert. Ich habe hier keine Rechte."

Übergriffe nehmen zu

Doch das ist noch nicht alles: Die Mutter erzählt, dass sie an einer Haltestelle einmal bewusstlos geschlagen wurde. Außerdem werde sie ständig in der Straßenbahn beschimpft und bespuckt. Die Übergriffe habe sie zwei Mal bei der Polizei angezeigt. Dann aber aufgegeben.

Die Opferberatung Chemnitz registrierte dieses Jahr seit August 20  rassistisch motivierte Gewalttaten. Im gesamten vergangenen Jahr gab es in der Stadt nur 17 vergleichbare Ereignisse. Viele Übergriffe werden von den Betroffenen gar nicht erst angezeigt.

Demonstranten stehen in der Chemnitzer Innenstadt
Seit den Ausschreitungen ist in Chemnitz die Lage angespannt. Bildrechte: xcitepress

Der Sozial-Bürgermeister ist besorgt: "Dass wir diesen Anstieg in den letzten zwei Monaten hatten, ist genau der Tatsache geschuldet, dass manche Gruppierungen diese Gewalttat von Ende August für ihre eigenen Zwecke nutzen und versuchen Stimmung zu machen", sagt Ralf Burghardt. Es sei ein Risiko für das Image und die Entwicklung der Stadt.

Muhsen Farah dagegen will in Chemnitz bleiben. Der Syrer lebt seit 33 Jahren in der Stadt und betreibt ein Restaurant. Zu DDR-Zeiten studierte und promovierte der Mathematiker an der Universität Chemnitz.

Für ihn sei es in der DDR ein einfaches Leben gewesen. "Nicht so kompliziert wie nach der Wende, besonders für uns die Ausländer. Das heißt, von der rechten Szene haben wir nichts bemerkt. Meiner Meinung nach gab es immer Rechte, auch in der DDR, aber die Zellen waren nicht aktiv." Für den 61-Jährigen sind es auch die kriminellen Ausländer, die an der angespannten Situation in Chemnitz Schuld sind. Denn "hier haben die Rechten oder die Nazis einen Grund gefunden, um stärker aktiv zu sein."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 14. November 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 19:08 Uhr

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57 Kommentare

16.11.2018 14:35 Sachse 57

Wenn es den sog. Asylanten ln Chemnitz nicht gefällt, hintert sie niemand zurück in ihre Heimat zu gehen.

16.11.2018 13:40 na gugge ma 56

@Fakt: "Nur hier im Westen sehen es die meisten so, dass in jeder Gesellschaft ein gewisser Anteil kriminell ist." Genau, man spricht lieber hinter der vorgehaltenen Hand darüber oder gründet ein "Bürgerverein". Das, was in Ostdeutschland passiert, nennt man ein funktionierendes Immunsystem der Gesellschaft, welches im Westen schon seit Jahren verloren gegangen ist. Stichwort Ellenbogengesellschaft!
@10:15 Wolpertinger: Sie haben auf Grund Ihres "ideologischen Bretts" jegliche Realität verloren. Die Einheimische Bevölkerung zeigt doch bereits seine Anteilnahme durch Lichterketten, Konzerte etc.. Für den Rest ist der Rechtsstaat verantwortlich! Daher ist die Anmerkung von @Ichich nicht von der Hand zu weisen.

16.11.2018 13:26 Ekkehard Kohfeld 55

@ Wolpertinger 50 Ich kann mir jetzt die Frage nicht verkneifen: Was tun Sie denn, um die Gewalttaten Ihrer Landsleute einzudämmen ?##Wer kneift vor der Wahrheit?##
Oder fällt nach Ihrer Sicht auf Grund der Gnade der deutschen Geburt bei Ihnen diese Verpflichtung weg ?##Ich frage mich immer wieder warum es eurem Kartell der Verharmloser nicht gelingt mal beim Thema zu bleiben und ihr immer mit Whataboutism kommt?

16.11.2018 12:28 Happydiner 54

Fakt:
Stimmt in den alten Bundesländern würden die Menschen wegen einem Mord, verursacht durch Gäste, nicht auf die Strasse gehen. Die sind viel zu eingelullt in Haus, Auto, Wohlstand allgemein. Ich hab mal eine wissenschaftliche Studie eines westdeutschen Meinungsforschungsinstitutes gelesen, wo die behaupten das die Altbundesbürger egoistischer also ichbezogener sind, als die ehemaligen DDR-bürger. Ich weiß auch das die vielen Kubaner, Mosambikaner, Vietnamesen, Syrer, Iraker die hier in Dresden und Umgebung gelebt haben, sich wohlgefühlt und sich eingebracht und ordentlich benommen haben. Meine Freundin hatte in DDR beruflich ständig mit Ausländern die in die DDR gekommen sind um z.B. einen Beruf zu lernen oder hier zu studieren zu tun.

16.11.2018 11:59 GEWY38 53

41 aber marktschreierisch rechtes Gedankengut herauspicken und alle Chemnitzer, Sachsen unter Generalverdacht stellen, das ist in Ordnung.
Realitätsverlust nennt man das.

16.11.2018 10:45 Mario K. 52

"Seit den Ausschreitungen ist in Chemnitz die Lage angespannt."
Nette Bildunterschrift, lieber MDR. Sie haben nur wieder den kleinen "Vorfall" vor den "Ausschreitungen" vergessen. Kann ja auch "objektiven Qualitätsjournalisten" mal passieren...
Das Hauptübel ist doch, dass es dieser Staat seit Jahren nicht annähernd ausreichend schafft, wirklich Schutzbedürftige von kriminellen Zugewanderten zu trennen.

16.11.2018 10:23 Fakt 51

>>Happydiner, #47:
"...dann sind wir alle rechtsradikal weil wir das verurteilen."<<

Das ist Quatsch. Jeder normale Mensch wird Verbrechen verurteilen. Es kommt nur darauf an, wie man es macht. Durch das Anbiedern an rechtspopulistische bis rechtsextreme Gruppen, um mit denen auf der Straße Hassparolen zu brüllen, erreicht man das Gegenteil dessen, was man erreichen will und man wird selbstverständlich auch als diesen Gruppen zugehörig angesehen. Aber das scheint für manchen schwer verständlich.

16.11.2018 10:15 Wolpertinger 50

@16.11.2018 09:34 Ichich
Ich kann mir jetzt die Frage nicht verkneifen: Was tun Sie denn, um die Gewalttaten Ihrer Landsleute einzudämmen ?
Oder fällt nach Ihrer Sicht auf Grund der Gnade der deutschen Geburt bei Ihnen diese Verpflichtung weg ?

16.11.2018 10:02 Bernd 49

@37, Sachsensumpf ist etwas anderes. Und sie waren wohl noch nie in Sachsen, dort wären sie sonst auf viele freundliche Menschen getroffen. Sicher es gibt eine rechte Szene aber bei den Demos der rechten waren es nicht ausschliesslich Leute aus Sachsen.

16.11.2018 09:34 Ichich 48

Es wäre doch nett und würde vielleicht Vertrauen herstellen, wenn sich Zuwanderer etwas stärker engagieren würde, Gewalttaten ihrer Landsleute einzudämmen. Es ist wenig zielführend von "Opferberatungen" rassistisch motivierte Gewalttaten dokumentiert, die Vergewaltigungs- und Mordopfer aber nahezu allein auf deutscher Seite zu finden sind.

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