exakt | 30.05.2018 Wenn Pflegekinder plötzlich Schulden haben

Menschen, die sich entscheiden, Pflegekinder aufzuziehen, gibt es immer weniger. Diese Kinder brauchen besonders viel Zuneigung. Und die Pflegeeltern brauchen starke Nerven- weil sie immer wieder mit den Ämtern ums Geld streiten.

Karla Jeschke behält immer die Nerven. Seit über 20 Jahren erzieht die Bautznerin Pflegekinder. Derzeit lebt die siebenjährige Leonie bei ihr. Vorher sind Felix und Franziska bei Karla Jeschke aufgewachsen. Franziska ist schon ausgezogen und mittlerweile selbst Mutter. Felix wohnt noch am Wochenende zu Hause und ist bald mit seiner Ausbildung fertig. Die Pflegemutter ist stolz, dass sich ihre nun 20-jährigen Schützlinge gut entwickelt haben und auf dem besten Weg in die berufliche Selbständigkeit sind. 

Aber nun sollen Felix und seine Schwester mehrere Tausend Euro Schulden beim Jugendamt haben. Sie müssen das Taschengeld von etwa 100 Euro monatlich, das sie für ihre geförderte Ausbildung bekommen haben, zurückzahlen. Über 5.000 Euro fordert das Jugendamt insgesamt von Felix und Franziska zurück.

Kein Taschengeld mehr – dazu Zwangsvollstreckung

Warum? Das ist ein komplizierter Sachverhalt. Versuch einer Erklärung: Für den Unterhalt der Pflegekinder überweist das Jugendamt monatlich rund 680 Euro an die Pflegefamilie. Die Arbeitsagentur zahlt im Rahmen der geförderten Ausbildung ein Taschengeld von etwa 100 Euro direkt an Felix und seine Schwester.

Das Jugendamt wertet das als Doppelleistung - quasi gab es zweimal Mittel aus öffentlichen Kassen für die Sicherung des Lebensunterhalts. Deshalb rechnen Arbeitsagentur und Jugendamt ihre Ausgaben gegeneinander auf. Dass ihren beiden Schützlingen nicht mal ein Taschengeld zustehen soll, findet Karla Jeschke ungerecht.

Pflegemutter Karla Jeschke
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Meine Pflegekinder haben keine Oma, Opa oder sonstige Verwandte, die etwas schenken. Es gibt nur das Geld von uns und vom Jugendamt. Mehr ist nicht.

Karla Jeschke, Pflegemutter

Karla Jeschke ist regelmäßig beim Jugendamt. Sie hatte dort auch die Ausbildungsverträge ihrer Pflegekinder eingereicht - und ausdrücklich auf das Taschengeld hingewiesen. Zwei Jahre lang war von einer Verrechnung keine Rede. Warum? - Dazu bekommt MDR-exakt kein Interview. Nur die dürre Auskunft: "Bei erhöhtem Arbeitsaufkommen oder Personalwechsel kann sich die Prüfung und Festsetzung des Kostenbeitrags dementsprechend verzögern." Durch das Versäumnis der Verwaltung konnte sich über die Jahre ein Schuldenberg anhäufen, der Felix nun belastet.

Pflegekinder in Ausbildung müssen Einkünfte abtreten

Einkünfte der Pflegekinder vom Jugendamt und der Arbeitsagentur
Die Pflegekinder Franziska und Felix müssen ihr Taschengeld von der Arbeitsagentur ans Jugendamt abtreten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bundesweit gibt es mehrere Tausend Pflegekinder im Ausbildungsalter. Sie sind generell schlechter gestellt als Gleichaltrige, denn sie müssen alle Einkünfte ans Jugendamt abtreten: Bafög, Lehrgeld, Einkünfte im Freiwilligendienst - und eben auch das Taschengeld.

Karla Jeschke hat für ihren Pflegesohn Felix vor dem Verwaltungsgericht in Dresden einen Vergleich erstritten. Von ursprünglich 2.000 Euro muss er nun nur 1.200 Euro zurückzahlen. Ein wirklicher Erfolg ist das aber nicht. Im Vergleich mit seiner Zwillingsschwester Franziska aber immerhin etwas.

Für Franziska kann Karla Jeschke nichts tun. Denn seit diese ihre geförderte Ausbildung in Schleswig-Holstein angetreten hatte, durfte Karla Jeschke nicht mehr ihre gesetzliche Betreuerin sein. Die junge Frau muss sich ganz allein um ihre Angelegenheiten kümmern. Demnächst kann Franziska hoffentlich ihren ersten Job auf einem Pferdehof antreten. Mit dem ersten Lohn müsste sie anfangen, Schulden zu tilgen. 3.000  Euro – die junge Frau ist sich sicher - das schafft sie nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 30. Mai 2018 | 20:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2018, 21:49 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

7 Kommentare

01.06.2018 06:53 Wo geht es hin? 7

Zitat der MDR - Redaktion zu Beitzrag @Anmerkung 1: "[Liebe User, bitte bleiben Sie beim Thema. Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html ) nicht freigegeben. Ihre MDR.de-Redaktion]" Zitat Ende. Was soll der Quatsch? Der Kommentar ist PUNKTGENAU beim Thema! Und noch eine Anmerkung von mir dazu: So wie hier beschrieben, würde ich es verstehen, wenn solche jungen Menschen lieber gar nichts mehr machen, als einen von ihnen unverschuldeten Berg an Nachzahlungen abzuarbeiten. So ist die Perspektive dieser Menschen von vorhinein abzusehen - nämlich 0 - Kommanix! Der Bericht offenbart ein Ausmaß an Empathielosigkeit, Bürokratenallmacht, Ungleichbehandlung und Unmenschlichkeit, wie es gegen schon länger hier Lebende immer mehr zur Tagesordnung wird. Wer das jetzt immer noch nicht sieht - ja dem ist wohl nicht mehr zu helfen...

31.05.2018 21:14 MM 6

Dies betrifft auch Heimkinder in gleicher Weise!
Haben sie jahrelang ihr Taschengeld gespart, müssen sie mit 18 Jahren dieses Gesparte für ihren Unterhalt einsetzen...
Tipp für die jungen Erwachsenen:
Der Verein "Care Leaver" unterstützt und berät junge Azubis und Studierende, die aus der Jugendhilfe kommen.

31.05.2018 19:37 Constanze Börger 5

Richtig ist das Pflegekinder vom Staat Geld bekommen. Dieses Geld muss für Unterbringung, Essen und Trinken, Kleidung schlicht weg für alles reichen. Dafür, dass der Staat bis auf die Geldleistung die Verantwortung auf die Pflegeeltern ablegen kann bekommen diese für die rund um die Uhr Betreuung etwas über 200 Euro. Bis zu einem gewissen Punkt kommt man auch zurecht. Kompliziert und verantwortungslos wird es wenn diese Kinder dann einen guten Schulabschluss machen und die Frechheit besitzen studieren zu wollen. Es gibt zwar Fahrgeld aber kein Wohngeld. Und damit haben diese Kinder zum 2.mal verloren. Denn eine Ausbildung und Studium sind nicht an jedem Wohnort möglich.
Fazit: Der Staat ist gar nicht dran interessiert gut gebildete junge Menschen zu haben. Für Bildung reicht das Geld nicht oder gibt es zu wenig gebildete und rechenstarke Politiker. Ich würde mir wünschen das Pflegekinder so viel Geld für Leben und Bildung zur Verfügung haben wie zum Bsp. die Kinder von Frau Nahles.

31.05.2018 15:58 M.Möhwald 4

Wenn man diese Debatten über Pflegekinder in so einen reichen Land wie Deutschland hört, läuft es einen eiskalt über den Rücken. Wer dieses Gesetz erstellt hat und welche Abgeordneten es beschlossen haben, müssen vor Scham im Erdboden versinken. Sie sollen mal ohne Geld arbeiten, damit sie wissen wie es sich anfühlt und dann noch einen unverschuldeten Schuldenberg bekommen. Müssen die Asylanten/Ausländer die kein Bleiberecht, keine Aufenthaltserlaubnis haben das Geld auch zurück zahlen (hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun). Hier werden Milliarden verschwendet und unschuldige Kinder, die ohnehin schon Nachteile haben, bittet man zur Kasse. Wie soll das Kind Freude an der Arbeit haben? Hier muss umgehend die Politik zum Umdenken gezwungen werden. Wurde bei der Gesetzesverabschiedung überhaupt nachgedacht?

31.05.2018 14:56 G.Müller 3

Gibt es ein Spendenkonto? Ich würde gern etwas Geld für diese Kinder spenden! Aber nicht das das Geld die Kinder noch versteuern müssen! Das wäre noch die Höhe.
G.Müller

31.05.2018 13:39 Andreas Holczinger 2

Grundsätzlich ist das so, aber es gibt auch Ausnahmen, mit derer man keine Eigenleistung als PK erbringen muss. Hier mal der Gesetzestext:
(...) 2)Es kann ein geringerer Kostenbeitrag erhoben oder gänzlich von der Erhebung des Kostenbeitrags abgesehen werden, wenn das Einkommen aus einer Tätigkeit stammt, die dem Zweck der Leistung dient. 3)Dies gilt insbesondere, wenn es sich um eine Tätigkeit im sozialen oder kulturellen Bereich handelt, bei der nicht die Erwerbstätigkeit, sondern das soziale oder kulturelle Engagement im Vordergrund stehen.

Und nicht nur bei der Ausbildungsbeihilfe hält der Staat die Hände auf. Auch beim Kindergeld wird den PK bereits ein Eigenanteil abverlangt. Beträge von 25% und 50% sind die Regel. Abhängig ob das PK das älteste Kind in der Familie ist (50%) oder ein jünges (25%)

31.05.2018 10:44 Anmerkung 1

Unglaublich was hier imvLand möglich ist,cwir sind ja registriert und unter Kontrolle. Die Pflegeeltern haben sicher aus Liebe manchen Schein von ihrem Geld investiert und machen kein aufsehen damit . Müssen die Asylanten auch das Taschengeld zurück zahlen ,wenn sie sich illegal hier aufhalten und kein Bleiberecht haben ?

[Liebe User, bitte bleiben Sie beim Thema. Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html ) nicht freigegeben. Ihre MDR.de-Redaktion]