Modernes kleineres Wohnhaus
Wenn gebaut wird, dann fast nur im hochpreisigen Segment. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 25.04.2018 Wenn Wohnen kaum noch bezahlbar ist

Preiswerter Wohnraum ist knapp – erst recht in den Großstädten. In Leipzig, lange ein Paradies für Mieter, zogen die Preise in den vergangenen Jahren kräftig an. Laut einer Analyse der Angebotspreise großer Immobilienportale sind hier nur noch rund 13 Prozent aller Wohnungen günstig. Für einkommensschwache Familien ist es fatal, wenn sie aus ihren bisher preiswerten Wohnungen gedrängt werden, weil der Eigentümer mit Ferienwohnungen Kasse machen will.

Modernes kleineres Wohnhaus
Wenn gebaut wird, dann fast nur im hochpreisigen Segment. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn eine Familie mit kleinem Budget in Erfurt, Jena, Leipzig oder Dresden ihren alten Mietvertrag verliert oder umziehen muss, hat sie ein Problem: Es gibt zu wenig preiswerten Wohnraum. Die letzten unsanierten Häuser werden von den Besitzern flott gemacht - die Mieten steigen. Die Vielzahl an Ferienwohnungen verschärft die Situation zusätzlich.

Maria Kantak und Albrecht Lange wohnen seit zehn Jahren in Leipzig-Plagwitz. Noch, denn der Eigentümer will das Mietshaus aufwändig sanieren und Ferienwohnungen einrichten. Die Altmieter sind da im Weg. Einige sind bereits ausgezogen. Kantak und Lange aber wehren sich. Der Eigentümer klagt nun vor Gericht. Er will erreichen, dass das junge Paar und ihr kleiner Sohn die Modernisierungsarbeiten dulden müssen.

Muss immer luxussaniert werden?

Die Wohnung, in der die Familie lebt, ist eine Rarität in der durchsanierten Stadt. Sie ist noch extrem preiswert, hat nur einfache Fenster und wird mit Kohleöfen geheizt. Maria Kantak und ihr Mann wollen nicht aus ihrem Viertel wegziehen. Und im Quartier selbst, das sich in den vergangenen Jahren zu einem Szene-Viertel entwickelt hat, sei es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden, die sie sich auch leisten könnten.

Junges Paar in Wohnung
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir finden es moralisch verwerflich, bei diesem angespannten Wohnungsmarkt, das jemand meint, zehn Wohnungen dem Wohnungsmarkt entziehen zu können und daraus Ferienwohnungen machen zu dürfen.

Maria Kantak und Albrecht Lange, alteingesessene Mieter

Rechtsanwalt und Grünen-Politiker Jürgen Kasek vertritt neben der junge Familie weitere ähnliche Fälle. Er erklärt, warum es attraktiver ist, eine Wohnung temporär als Unterkunft anzubieten als eine Wohnung dauerhaft zu vermieten: "Ein Eigentümer will viel Gewinn erwirtschaften. Bei Ferienwohnungen kann er 300 bis 400 Euro pro Woche verdienen." Das ist das Vielfache einer Monatsmiete.

Rund 6.000 Betten werden pro Jahr in Leipzig allein über die Internetplattform Airbnb vermietet. Die rechtliche Lage ist laut Anwalt Kasek für Eigentümer sogar noch verbessert worden. Zum einen sei die Bauordnung angepasst worden, zum anderen seien Ferienwohnungen durch ein Gerichtsurteil für zulässig erklärt worden - als 'nichtstörende Gewerbeeinrichtungen'. "Was man bräuchte, wäre eine gesetzliche Grundlage, die den Kommunen die Möglichkeit gibt, selbst zu entscheiden, wo Ferienwohnungen zugelassen werden", sagte Kasek dem MDR-Nachrichtenmagazin "exakt".

In Berlin existiert bereits ein sogenanntes Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum. Sachsen könnte nachziehen. Die Staatsregierung prüft derzeit die Notwendigkeit. Bislang hätte aber noch keine Kommune ausdrücklich einen Bedarf angemeldet. Für den Sprecher der Stadt Leipzig, Matthias Hasberg, liegt das Problem woanders: "Wir bekommen gar nicht mit, wo Eigentümer Wohnungen einfach so über eine Vermietungsplattform anbieten."

Mieten werden zunehmend unerschwinglich

Der Wohnungsmarkt in vielen Städten ist angespannt. Jährlich kommen im Schnitt rund 10.000 Neuleipziger hinzu – und die suchen Wohnungen. Waren 2007 noch 13 Prozent der Wohnungen unbewohnt, liegt der Leerstand derzeit bei unter drei Prozent.

Strassenbauarbeiten-Schild steht vor einem Haus
In Deutschland werden so viele Wohnungen hochgezogen wie lange nicht. Dabei entstehen vor allem teure Apartments. Günstige Mieten sind Mangelware. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 2.000 neue Wohnungen entstehen jährlich in der Stadt. In attraktiven Lagen ist bald nahezu jede Baulücke zugebaut. Doch das Problem ist, dass vor allem einkommensschwache Familien diese Mietpreise nicht zahlen können.

25 Prozent der Leipziger sind Geringverdiener, prekär Beschäftigte, Azubis, Studenten oder Geflüchtete. Aber nur 13 Prozent der Wohnungen sind dementsprechend günstig. Einfach Umziehen ist also für viele nicht möglich. Für den Stadtsoziologen Dieter Rink spielen auch soziale Aspekte eine Rolle. "Das Problem ist die Verdrängung. Dadurch werden Nachbarschaften, stabile soziale Kontakte, die für viele Menschen, gerade wenn sie älter sind, wichtig sind, kaputt gemacht." Damit ein besser verdienendes Klientel einziehen könne, würden soziale Strukturen der unteren Mittelschicht zerstört.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 25. April 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2018, 18:19 Uhr

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16 Kommentare

27.04.2018 16:07 Clown Ferdinand 16

Ich dachte immer, dass Deutschland so voller Wohlstand ist, dass man die halbe Welt versorgen kann. Nun wurde ich einem Besserem belehrt.

27.04.2018 11:18 Frank Dienel 15

Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich in der Wohnungsfrage nichts geändert. Schlupflöscher werden seitens der Großvermieter in Leipzig genutzt um ihren Wohnungsbestand mit Fördermitteln bzw. KfW Krediten zu sanieren.
Leider bleibt die Energieeffizienz der Wohngebäude unbeachtet. Im Energieausweis werden diese Gebäude WBS 70 Serie als saniert ausgewiesen mit einem Energieverbrauch von 105 - 126 kWh. Beim näheren Hinschauen sind diese Wohngebäude mit Baumängeln bedeckt . Um diese Baumängel bzw. Baupfusch zu vertuschen werden Mieter , die das erkannt haben , in Zivilprozessen aus den Wohnungen vertrieben. So sieht die Wahrheit aus und kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen. Wir benötigen eine Behörde , die sich der Angelegenheit annimmt , wenn es um Subventionsbetrug bzw. verdeckte Baumängel geht.
Im Zivilprozess wird nur die Wohnung betrachtet und nicht das gesamte Objekt.

27.04.2018 07:33 Dg aus J 14

@4 NORBERT ..Ich Danke für einen sinnvollen Kommentar hier im Forum! Es gibt doch noch Menschen mit klaren Kopf!!

26.04.2018 21:44 Phrasenhasser 13

Greift hier etwa nicht der Mieterschutz trotz Sanierung? Es ist in heutigen Zeiten kaum vorstellbar, dass inmitten einer Stadt noch Wohnungen vorhanden sind, in denen man mit Kohle heizt. Das gibt es ja selbst in der Provinz kaum noch! Wer kann es also dem Vermieter verdenken, wenn er endlich modernisieren will? Und hätte man da nicht vor einigen Jahren auch als Mieter einen Luftsprung gemacht, wenn man diese Art der Feuerung endlich los werden konnte? Jetzt aber nimmt eine junge Familie einen Rechtsanwalt, um weiterhin Aschekästen auszuleeren. Irgendwie makaber, denn sonst sind die Linken oder Grünen ja wegen der Umwelt strikt gegen weiteren Gebrauch von Kohleheizungen. Es stört mich etwas, dass letztendlich der Eindruck überwiegt, es wird agiert, wie man es gerade braucht...

26.04.2018 19:37 Sabine Epperlein 12

Die Geschichte hat uns gezeigt, unzufriedene Menschen werden sich früher oder später erheben, um sich zu holen was ihnen zusteht.
Der Kapitalismus wägt sich im Moment noch auf der sicheren Seite.
Offenbar ist sich diese Politik nicht im Klaren, welches Ausmaß an Risiko diese Verdrängung mit sich bringt.
Ich wohne in der vierten Generation in dieser Stadt, meine Eltern waren politisch sehr aktiv, haben nicht zugeschaut, ich werde ebenfalls handeln.
Wenn ich scheitere, werde ich mit meinen zwei Kindern eine neue Heimat suchen.
Welch eine schöne Stadt, was für ekelhafte Zustände.

26.04.2018 17:38 wwdd 11

1,50 €/qm bis 2,00 €/qm Kaltmiete zahlen und dann dem Vermieter sagen, er habe den Investitionsstau zu akzeptieren. Das funktioniert nicht mal in Duisburg-Marxloh, denn da ist es teurer.

26.04.2018 17:25 Terkenheim 10

@5, part:

Der Satz "Eigentum verpflichtet" ist leider eine schwammige Formulierung, die rechtlich nur schwer greifbar ist.

Bei Immobilien kann ein Eigentümer sein Haus praktisch jahrelang verfallen lassen, ohne dass er rechtliche Probleme fürchten muss. Die Ämter werden erst dann aktiv, wenn die Öffentliche Sicherheit in Gefahr ist. Also dann, wenn das Dach auf die Straße zu stürzen dort oder die Fassade herunter fällt. Dann greift tatsächlich der Satz "Eigentum verpflichetet". Aber sonst kann er damit machen, was er will. Wie es optisch aussieht, interessiert nicht. Probleme der Mieter mit dem Eigentümer sind rein zivilrechtlicher Natur. Da muss man dann in schlimmsten Fall sein Recht per Klage einfordern.

Zumindest gibt es in einigen großen Städten wie Berlin inzwischen Regelungen gegen absichtlichen Leerstand. Ein Vermieter muss dort auf jeden Fall seine Wohnungen dem freien Markt zur Verfügung stellen. Sonst kann eine Zwangsvermietung durch die Stadt eingeleitet werden.

26.04.2018 16:53 stefan lange 9

Betroffener.
Ist es ein Fehler Kinder zu haben und sich für diese Zeit zunehmen?
Ist es ein Fehler, einen Vertrag zu unterzeichnen und diesen regelmäßig einzuhalten?
Ist es ein Fehler, nicht genau so leben zu wollen, wie es viele andere für gut halten, sondern sein ganz eigenes Glück zu leben?

Nach Beantwortung dieser Fragen werden mir die Disputanten sicher zustimmen, dass irgend etwas faul ist im Staate (Dänemark), wenn unbescholtene Bürger vor Gericht gezerrt werden wegen der Gier weniger.
Ich bin nicht für eine Gesellschaft wo alle gleich schlecht leben, sondern für eine in der alle gleich gut leben.

26.04.2018 16:49 Regine Tobler 8

Tja, soweit mir bekannt, sind durchaus noch Wohnungen auch in Leipzig günstig zu haben, freilich eher in Ost oder Grünau. Ja, und? Privilegiert wohnen ist kein Menschenrecht und auch nicht im Grundgesetz verankert. Und das ist gut so. Was staatlich gelenkte Wohnungspolitik mit sich bringt, kann sich jeder in den Bildbänden ansehen, die in den ersten Jahren nach der Wende über den flächendeckenden städtebaulichen Verfall in der DDR erschienen sind. Wie hieß es damals über die arbeiter- und bauerfreundliche Baupolitik ironisch: Ruinen schaffen ohne Waffen. Ich brauche das nie wieder.

26.04.2018 16:29 Kurzkommentator 7

Niemand wird gezwungen in der Großstadt zu wohnen. Schon 10, 15, 20 Kilometer außerhalb sieht die Welt der Mieten ganz anders - nämlich entspannter aus.