MDR-Sinfonieorchester im Konzert Meer und Seefahrt in der klassischen Musik

Am kommenden Wochenende begeben sich das MDR-Sinfonieorchester und der MDR-Rundfunkchor auf das weite Meer. Mit Kompositionen der höchst eigenwilligen und leider viel zu schnell vergessenen Komponistin Ethel Smyth sowie ihrem Zeitgenossen Ralph Vaughan Williams sticht das Orchester und der Chor mit ihrem Kaptain Dennis Russell Davies in zwei Konzerten musikalisch in See.

Wellen schlagen an einen Felsen
Die Küste von Großbritannien inspirierte erstaunlich viele Musiker und Musikerinnen. Bildrechte: IMAGO / Cavan Images

Wer aus dem Meer Töne schöpfen möchte, kann sich in den Weiten der Ozeane leicht verlieren. Hier werden Sehnsüchte geweckt und nie gestillt, hier gibt es Untiefen und Stürme, hier zeigt sich die bedrohliche und längst schon selbst bedrohte Natur von ihrer unheimlichsten Seite. Auch Hartgesottene können dabei leicht untergehen. Es ist also nicht damit getan, Wind und Wellen in perlende Klangkaskaden zu verwandeln. Man braucht schon einigen Mut, um sich komponierend in die Fluten zu stürzen. Eine erstaunlich große Zahl solcher mutigen und gar nicht wasserscheuen Tonschöpfer war im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts auf den gleich von drei Meeren umspülten Britischen Inseln zu finden. Eine davon ist Ethel Smyth.

Ich möchte, dass Frauen sich großen und schwierigen Aufgaben zuwenden. Sie sollen nicht an der Küste herumlungern, aus Angst davor in See zu stechen.

Ethel Smyth, Komponistin

Ethel Smyth – Furchtlos und leidenschaftlich

Ethel Mary Smyth (1858-1944)
Ethel Mary Smyth lebte von 1858-1944. Sie war einer Frau voller Leidenschaft und Selbstbewusstsein. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Ethel Smyth war Engländerin durch und durch. Sie war ein James Cook im Land der Töne, ein Lord Nelson im Kampf gegen männliche Vorurteile. Und so hörte es sich auch ganz furchtlos an, als sie 1906, von Leipzig aus, unter tosendem Applaus ihre Oper "The Wreckers" vom Stapel ließ. In diesem Stück sieht man förmlich die stolz gehissten Segel und schnuppert das Salz im Wind.

Die Leidenschaft für die Musik und das Meer wurde Ethel Smyth im Jahr 1858 in Kent in die Wiege gelegt  – zusammen mit dem überbordenden Selbstbewusstsein einer Seefahrernation. Die Welt gehörte damals zu weiten Teilen zum British Empire, und das hatte seinen Willen zur Seemacht mit einer Hymne gekrönt, die bis zum Brexit vor wenigen Jahren alle Engländer mitschmettern konnten.

Musikstudium in Leipzig

Den Wunsch, im fernen Leipzig Musik zu studieren, setzte sie auf ihrer englischen Scholle in einer erfolgreichen Schlacht gegen den Vater durch. Und so konnte "Stormy Petrel", die "Sturmschwalbe", wie die Familie sie nannte, 1877 nach Deutschland aufbrechen, wo auf das Meer völlig anders und viel grüblerischer geschaut wurde.

Viele weitere Komponisten und Komponistinnen widmeten ihre Musik thematisch der offenen See. Wie vor ihm schon Beethoven hatte sich Felix Mendelssohn in der Vertonung von Goethes Gedicht "Meeresstille und glückliche Fahrt" vor allem zurück ans rettende Ufer gesehnt. Auch Richard Wagner war mit seinem "Fliegenden Holländer" über stürmische Wogen nicht fröhlich in die Zukunft gesegelt, sondern hatte Untiefen und Gefahren ausgelotet.

Der Ozean als Inspiration

Fischerboote vor den Falklandinseln
Der Ozean. Nicht nur Musiker und Musikerinnen, auch Schrifsteller und Schriftstellerinnen wurden von seinen Weiten inspiriert. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Wagner goss eine Sehnsucht in Töne, die sich nirgendwo stillen ließ, und steckte mit dieser Sehnsucht die nächste Generation an. Je mehr sich das 19. Jahrhundert mit seinen gewaltigen Umbrüchen dem Ende zuneigte, dachte man in Europa auch musikalisch groß und immer größer. Was eignete sich für solche Dimensionen besser als der unendliche Ozean? Der dazu noch aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden konnte? In Finnland bestaunte zum Beispiel Jean Sibelius die kolossale Natur vor seiner Haustür, in Frankreich experimentierte Claude Debussy wie ein Meeresforscher mit den Klängen. Und auf den britischen Inseln? Nicht nur die kämpferische Admiralstochter holte sich da Anregungen bei Mendelssohn oder Wagner, um anschließend singend mit den Matrosen der Krone in See zu stechen.

"Sea Symphony" von Ralph Vaughan Williams

Ralph Vaughan Williams schrieb sie wie Ethel Smyth im noch sehr jungen 20. Jahrhundert. Die erste seiner neun Sinfonien taufte der vor 150 Jahren in einem kleinen südenglischen Dörfchen geborene Großneffe von Charles Darwin auf den Namen "Sea Symphony".

"Wir riskieren das Schiff, uns selbst und alles", heißt es da: "O meine mutige Seele! O segle weiter, weiter". Mit den überschwänglichen Versen des amerikanischen Dichters Walt Whitman und noch bevor der Untergang der Titanic solch mutigen Optimismus in die Seefahrt dämpfte, schickte Vaughn Williams mit seiner Musik die britische Seele auf eine ihrer letzten pompösen Reisen in Richtung Horizont.

Konzerte am Wochenende

Vom dringend benötigten Optimismus einer englischen Seefahrt kann man sich am Wochenende anstecken lassen. Die beiden Konzerte unter dem Motto "Musik und Meer" finden am Samstag, dem 7. Mai, um 17 Uhr im Congress Centrum von Suhl und am Sonntag, dem 8. Mai, um 19.30 Uhr im Leipziger Gewandhaus statt, von wo aus MDR Klassik und MDR Kultur live senden. Auf dem Programm steht die vor mehr als einem Jahrhundert in Leipzig frenetisch gefeierte Ouvertüre zu Ethel Smyths Oper "The Wreckers" und Ralph Vaughan Williams opulente "Sea Symphony".

Der Gndhauskapellmeister Andris Nelsons (M) dirigiert während einer Probe das Gewandhausorchester.
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 03. Mai 2022 | 07:10 Uhr

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